Harry Maguire: Vom Drittligaspieler und England-Fan zum WM-Stammspieler

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Mit 21 spielte er noch in der 3. Liga, 2016 war er als Fan bei der EM in Frankreich. In Russland lebt Harry Maguire mit England nun seinen Traum.


HINTERGRUND

"Wenn man nur hart genug arbeitet, kann man viel erreichen", sagte Harry Maguire und blickte schüchtern am Journalisten eines Lokalsenders vorbei, "dennoch muss man realistisch sein. Deshalb konzentriere ich mich nur auf die Gegenwart." Maguire, ein 1,94 Meter großer Schrank von Mann, muskulös, 21 Jahre alt, fühlte sich sichtlich unwohl beim Interview nach dem 2:1-Sieg seines Teams Sheffield United gegen Coventry City. Reden lag ihm nicht, viel lieber wollte er Taten sprechen lassen.

Und das hatte er vor der stolzen Drittligakulisse von 20.723 Zuschauern mal wieder getan. Mit einer krachenden Grätsche hatte er Coventry-Stürmer Callum Wilson vom Ball getrennt, in der Luft wie ein Yorkshire-Flakgeschütz alles abgeräumt, was seinen Radar auch nur tangierte. Harry Maguire, das sah man damals, im Mai 2015, war ein sehr, sehr guter Drittligaverteidiger. Und erst 21. Und dennoch war klar, was er meinte. Realistisch sein, das hießt damals, nach dem dritten verpassten Aufstieg in die 2. Liga: vielleicht zu einem Championship-Klub wechseln, mit Glück zu einem ambitionierten. Mehr nicht. Denn mit 21 war Maguire schon zu alt, um noch als Top-Talent zu gelten, am Boden zu schwach, um jemals das hohe Tempo der Premier League gehen zu können. Da waren sich alle einig.

WM 2018: Harry Maguire bei England gesetzt

Knapp vier Jahre später, im Juni 2018, ist Maguire bei der WM 2018 als linker Innenverteidiger in Gareth Southgates Dreierkette gesetzt. Er hat es nicht nur in die Premier League geschafft, sondern zur WM, wo er mit England nun vom Titel träumt und für die Erfüllung am Dienstagabend Kolumbien schlagen will (20 Uhr im LIVE-TICKER).

Harry Maguires Weg aus der 3. Liga nach ganz oben ist weniger märchenhaft als die seines Teamkollegen bei Leicester und England, Jamie Vardy, aber fast noch überraschender. Denn hatte Vardy immer diesen unfassbaren Torriecher und Antritt, wirkte Maguire eigentlich zu limitiert für das höchste Niveau. Dass er es dennoch geschafft hat, liegt an diesem einen Satz, den er damals im Mai der Lokalpresse sagte: Hart arbeiten, um Großes zu schaffen.

Harry Maguire Darius Henderson

Maguire kommt aus Sheffield, der Wiege des Fußballs

Maguire wurde am 5. März 1993 in Sheffield geboren, der so stolzen Arbeiterstadt in Yorkshire, die Herzstück der Industriellen Revolution war und zudem den ältesten Fußballklub der Welt hat: den FC Sheffield. Seine Gründer schufen das Fundament des heutigen Fußball-Regelwerks und nirgendwo wird der Begriff "Mutterland des Fußballs" so sehr gelebt wie zwischen längst stillgelegten Stahlwerken und modernen Büros, die heute florieren.

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Auch wenn die Zeit, in der Sheffield Zentrum der englischen Metallindustrie war, vorbei ist, ist das Gewissenhafte, das Hart-Arbeiten noch immer fest in der DNA der ganzen Region verankert. So auch bei Maguire, der früh Ehrgeiz entwickelte und diesen vor allem im Sport auslebte. Rugby, Hockey, Golf, Cricket, Leichtathletik, Fußball – Maguire machte als Schüler alles – und wollte immer der Beste sein. Dafür stählte er sich als Jugendlicher im Kraftraum, war schon mit 16 eine Kante von einem Abwehrspieler.

2009, da ist Maguire 16, wechselt er vom FC Barnsley zu Sheffield United. Dort reift er weiter, arbeitet hart am Spiel auf dem Boden. Noch heute profitiert er dabei immens von seinen Erfahrungen auf dem Hockeyplatz. "Rugby hat mich tapfer gemacht und Hockey mein Spielverständnis verbessert", sagte er der Times.

Drei Jahre in Folge 3. Liga für Maguire

Am 19. März 2011 debütierte er für die erste Mannschaft, damals spielte Sheffield noch in der 2. Liga, steigt aber als 22. in Liga drei ab. Für Maguire ein wichtiger Rückschritt. "In der 3. Liga ist das Tempo nicht so hoch wie in der 2. Ich konnte mich dort in Ruhe entwickeln und Schritt für Schritt verbessern", sagte er.

Und das tat er. Obwohl Sheffield drei Jahre in Folge den Aufstieg in die Championship verpasst, wird Maguire besser und besser. In jener Saison 2014, nach deren letztem Spieltag er schüchtern konstatierte, er konzentriere sich nur auf die Gegenwart, ist er ein 21-jähriger Innenverteidiger mit klasse Stellungsspiel, sicherem Passspiel und deutlich verbessertem Antizipieren, kurz: einer der so rar gesäten englischen Verteidiger mit Potenzial für modernen Fußball.

Harry Maguire
Harry Maguire

Bei Hull gescheitert, bei Wigan sofort gesetzt

Er ist jung, er fühlt sich gut, er ist bereit. Also nimmt er die Offerte von Hull City, einem Erstligisten an – und ist zunächst überfordert. "Schon im Training war das Tempo immens", erinnert er sich. Trainer Steve Bruce, der seine Trainerkarriere kurioserweise bei Sheffield United begann, verbannt Maguire auf die Tribüne, setzt im Abwehrzentrum mit Kapitän Davies, Bruce und Chester auf erfahrene Abwehrrecken. Maguire macht genau 276 Pflichtspielminuten, im Winter flieht er leihweise zu Wigan Athletic.

Der Zweitligist steckt im Abstiegskampf, Trainer Malky Mackay setzt sofort auf Maguire. Und auch, wenn am Ende der zweite Abstieg seiner Karriere steht, spielt er eine starke Rückrunde, zeigt auch eine Liga über der bei Sheffield gewohnten, sein ganzes Repertoire. 2015 kehrt er zu Hull zurück, mit gestärktem Selbstvertrauen und neuer Motivation. Hull ist abgestiegen, es gibt einen Umbruch, Maguire profitiert von der Verletzung von Alex Bruce und ist ab dem 15. Spieltag Stammspieler.

Maguire: Chef der schlechtesten Abwehr der Liga - und dennoch begehrt

Hull steigt auf und Maguire ist, etwas verspätet mit 23 Premier-League-Spieler. Er übernimmt Verantwortung, wirft sich in jedem Spiel gegen die Niederlage, erzielt zwei Tore und ist in der Rückrunde sogar zweimal Kapitän. Inzwischen ist mit Marco Silva ein Fan des gepflegten Passspiels Trainer bei Hull. Und dennoch: Es setzt einige böse Niederlagen, am Ende steigt Hull, trotz eines 2:0-Siegs gegen Liverpool, mit den mit Abstand meisten Gegentoren als 18. der Saison 2016/17 ab.

WM 2018: Spieler dieser Klubs trafen bisher am häufigsten

Maguire ist als immer noch junger englischer Premier-League-Spieler trotzdem heißbegehrt. Und weil die Ablösesummen immer aberwitziger werden, bezahlt Leicester im Sommer 2017 13,7 Millionen Euro für seine Dienste. Maguire wird zu einem Symbol des Transferwahnsinns. "Wahnsinnig viel Geld", sagt er später. Und spielt dann eine ganz starke Saison. Weil Robert Huth verletzt ausfällt und mit Claude Puel bald ein taktisch versierter Trainer sein Chef wird, ist er gesetzt, verpasst nicht eine einzige Minute in der Premier League.

Harry Maguire

Maguire mit Müllsack zur Nationalmannschaft

Weil parallel Nationaltrainer Gareth Southgate im Hinblick auf die WM zu Experimenten bereit war, lud er Maguire, der bisher nur ein einziges Mal für ein englisches U-Team gespielt hatte, in die Nationalmannschaft ein. Kumpel Jamie Vardy nahm ihn aufs Korn und erzählte, es sei üblich, sein Hab und Gut in der Nationalmannschaft im Müllsack zu transportieren. Maguire folgte und wurde in den Sozialen Medien dafür nett gemeint verspottet. Er nahm es hin, ließ ohnehin lieber Taten als Worte folgen.

Southgate testete City-Rechtsverteidiger Walker in der von ihm präferierten Dreierkette, entschied sich dann aber kurz vor dem Turnier für Harry Maguire. Auch, weil England in den fünf Testspielen mit ihm in der Startelf nicht ein Gegentor kassierte. Und das, obwohl es gegen Top-Teams wie Deutschland, Brasilien oder die Niederlande ging.

Harry Maguire: 2016 noch Fan, heute WM-Spieler

Am 18. Juni 2018 erklang in der Volgograd Arena die englische Nationalhymne, dieses Mal sang Maguire sie auf dem Rasen mit dem Löwen auf der Brust und nicht mehr als Fan, wie noch 2016, als er mit seinen Brüdern und einigen Freunden, mit reichlich Utensilien ausgestattet, als Fan bei der WM in Frankreich war und Harry Kane und Co. von der Tribüne zujubelte.

Maguire hat es geschafft. Dank harter Arbeit und "ein bisschen Glück", wie er sagt. Der kantige Verteidiger, der sich von Jamie Vardy schonmal wegen er Größe seines Kopfs verspotten lassen muss und an dem mittlerweile ManCity und Tottenham dran sein sollen, beschreibt sich selbst als "großen Typen, der sich in einer Schlacht zu behaupten weiß". Spieler wie ihn kann England gebrauchen, will man das auf Twitter längst wabernde Mantra "Football's coming home" tatsächlich wahrmachen.

Schließlich wäre kaum einer besser geeignet, daran mitzuwirken als ein Verteidiger aus Sheffield, der Stadt, in der der Fußball erfunden wurde.

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