Jovanovs HSV: Mental überfordert

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Die Manschaft des Hamburger SV wirkte gegen den FC Augsburg erschreckend verunsichert und teilnahmslos. Eine Suche nach Gründen.

KOLUMNE

Vielleicht war das Spiel gegen den FC Augsburg schon verloren, bevor es überhaupt angepfiffen wurde. "Ob die Spieler Angst haben, weiß ich nicht, aber die Leute hier in der Geschäftsstelle, die von einem Abstieg unmittelbar betroffen wären, die haben mit Sicherheit Angst um den Verein", sagte Vorstandschef Heribert Bruchhagen in einem Interview mit der Welt am Sonntag. Er selbst und alle anderen, "die hier Verantwortung tragen", hätten übrigens auch Angst vor einem Abstieg. Wie bitte? Angst vor dem Abstieg, noch bevor er den Ausgang des Spiels kannte? Ahnte er da etwa schon, was ihn erwarten würde? Wenn ja, was machte ihn so sicher? Und warum distanzierte er sich indirekt von seinen Spielern?

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Szenenwechsel. Auf dem Rasen der WWK-Arena in Augsburg stehen zwei Mannschaften, deren Körperhaltung und Ausstrahlung unterschiedlicher nicht sein können. Dabei sind auch die bayerischen Schwaben schwer angeknockt in dieses Spiel gegangen. Zuletzt habe ich mir ihre 0:2-Niederlage in Berlin in voller Länge angeschaut. Was ich sah, war erschreckend schwach. Es folgte ein glückliches 2:1 gegen Köln und ein unglückliches 1:3 in Frankfurt.

Der FCA machte in den letzten Wochen alles andere als einen stabilen Eindruck, während der HSV kämpferisch ja durchaus zu gefallen wusste. Nur in Augsburg war alles anders. Schon von der ersten Minute an war klar: Hier stimmt etwas nicht. Nur was?

"Kopfmüdigkeit" nach Aufholjagd

Sicher, der Auftritt gegen Darmstadt war ähnlich schwach wie der in Augsburg. Aber zumindest meine ich erkannt zu haben, dass der HSV insbesondere in der zweiten Halbzeit einiges unternahm, um irgendwie den Anschlusstreffer zu erzielen. Die Mannschaft blieb blass, fiel aber nicht in Ohnmacht. Gegen Augsburg gingen die Spieler bereits ohnmächtig ins Spiel. Kein Druck, kein Pressing, kein Anrennen, keine Konzentration, stattdessen Ratlosigkeit, Angst und Frust.

Nicht nur bei den Spielern, auch Trainer Markus Gisdol machte früh einen seltsam konsternierten Eindruck an der Seitenlinie. Und auch seine Aussagen danach sorgten für Verwunderung: "Es ist wichtig, schnell zu akzeptieren, dass es vielleicht mal so eine Saison ist, die richtig schwer ist und Energie kostet ohne Ende." Vom Grundsatz nicht falsch, aber das ist seit etwa fünf Jahren Dauerzustand in Hamburg.

Gisdol ergänzte noch: "Diese Aufholjagd, aus dem Nichts noch mal so ran zu kommen, die hat mental und körperlich Kraft gekostet. Mir war klar, dass irgendwann noch mal eine Delle kommen könnte." Diese Delle, von der er spricht, ist nun da, sieht aber nicht aus eine Delle, sondern wie eine Bruchlandung der übelsten Sorte.

Wenn selbst die "Mentalitätsmonster" Mergim Mavraj und Kyriakos Papadopoulos mitunter teilnahmslos über den Platz traben, dann liegt der Verdacht nahe, dass etwas Gravierendes vorgefallen sein muss. Denn Mentalität war die Triebfeder der Erfolge in der Rückrunde. Es ist schwer vorstellbar, dass diese Mentalität abrupt weg bricht und eine Mannschaft hinterlässt, die nichts mit der Mannschaft zu tun hat, die so aufopferungsvoll gegen Gladbach, Köln, Hertha oder Hoffenheim gekämpft hat.

Sportchef Jens Todt sprang seinem Trainer nach dem Spiel bei Sky90 zur Seite: "Die Mannschaft lag nach zehn Spielen mit zwei Punkten total am Boden. Dann gab es ein großes Aufbäumen und die Mannschaft hat sich ran gekämpft. Sie musste immer bei 100 Prozent sein. Es ist denkbar, dass die Mannschaft gerade ein bisschen kopfmüde ist."

Ich will nicht behaupten, Gisdol und Todt liegen mit ihrer Einschätzung völlig falsch. Im Gegenteil: Ich kann mich sehr gut an ein Gespräch mit Ex-Trainer Bruno Labbadia und Ex-Mediendirektor Jörn Wolf erinnern, in dem beide bestätigten, welche Energieleistung notwendig war, um dem Team am Ende der Saison 2015 neues Leben einzuhauchen. Jedes Unentschieden und jeder Sieg erfordern beim HSV unglaublich viel mentale Kraft. Vor allem deshalb, weil man offenbar mit sportlichen Mitteln allein nicht bestehen kann. Stimmungen erzeugen, darauf kam und kommt es auch heute noch an.

Heribert Bruchhagen HSV 21012017
Heribert Bruchhagen kündigte für den Sommer einen großen Umbruch an

HSV-Spieler vor ungewisser Zukunft

Das kann nur funktionieren, wenn alle voller Überzeugung an einem Strang ziehen. Und das scheint im Moment nicht so zu sein. Deshalb schlage ich einen anderen Blickwinkel vor, um den großen Bruch, der sich gerade offenbart, zu erklären. Die Ursache der mentalen Ermüdung könnte woanders liegen: Es geht um die Lizenz für die nächste Saison. Die Meldung auf der Homepage am 19. April wirkte wie eine Randnotiz, ist wahrscheinlich aber eine der wichtigsten Nachrichten der Saison. "Wir haben die Lizenz erwartungsgemäß mit Bedingungen erhalten. Die Bedingungen werden wir fristgerecht erfüllen", sagte Finanzvorstand Frank Wettstein. Passiert das nicht, gibt es keine Lizenz. Die Ampel der DFL kann also nur auf Grün oder Rot springen - dazwischen gibt es nichts. Die Bedingungen wiederum haben es in sich.

Um eine ausgeglichene Bilanz im "operativen Geschäftsbereich" vorzuweisen, muss der HSV Einnahmen steigern oder Ausgaben drosseln. Weil er seine Einnahmen nicht signifikant steigern kann, da die Stadionauslastung bereits sehr gut und die Ticketpreise unverschämt hoch sind, die Verträge mit den großen Sponsoren erst kürzlich verlängert wurden und andere große Einnahmen nicht zu erzielen sind, bleibt nicht viel übrig, als Spieler abzugeben. Trotz der höheren Einnahmen aus dem TV-Vertrag.

Zwar wird intern auch über die Streichung von 30 bis 40 Arbeitsplätzen auf der Geschäftsstelle nachgedacht, zudem werden so gut wie alle Verträge mit externen Dienstleistern gekündigt - das Ersparte wird für eine ausgeglichene Bilanz jedoch nicht reichen.

Spannungsabfall zum ungünstigsten Zeitpunkt

Auch Investor Klaus-Michael Kühne kann nicht mehr helfen, da zum Beispiel der Verkauf weiterer Anteile bilanziell nicht als Ertrag zu verbuchen wäre. Und eine Verlängerung des Namenssponsoring für das Volksparkstadion periodisch abgegrenzt werden muss. Was er tun könnte? Geld leihen, damit der HSV Abfindungen für Spieler wie Lewis Holtby oder Pierre-Michel Lasogga bezahlen kann, für die es andernfalls keinen Abnehmer gäbe. Die Folge? Eine maßlose Überschuldung.

Für die Spieler bedeutet die Ankündigung, dass einige gehen müssen, nichts Gutes. Zu viele Gedanken schwirren ihnen durch den Kopf und überfordern sie. Kann sein, dass alles, wofür sie in den letzten Wochen gekämpft haben, umsonst war? Papadopoulos beispielsweise, der sehr gern in Hamburg bleiben würde, aber plötzlich öffentlich anmerkt, dass es in Leverkusen auch schön sei, liefert einen diskussionswürdigen Anhaltspunkt.

Liegt also darin der Spannungsabfall begründet, den Gisdol nach dem Spiel gegen Hoffenheim, drei Tage nach Bekanntwerden der Lizenzprobleme, ausschloss? Reagierte er deshalb so gereizt auf die Frage danach, weil er ahnte, was in den folgenden Wochen innerhalb der Mannschaft passiert? Eine sich breit machende Verunsicherung, Ungewissheit und aufgescheuchte Berater, die für ihre Spieler nun Optionen prüfen, um den HSV zu verlassen? Fakt ist: Die von Gisdol prophezeite "Delle" kommt zum umgünstigsten Zeitpunkt der Saison.

Auf eine bedingungs- und reibungslose Unterstützung der Zuschauer darf er sich nach den jüngsten Vorfällen im Volksparkstadion und den Auftritten seiner Mannschaft auch nicht verlassen. Dabei wäre sie die einzige Möglichkeit, um gegen den FSV Mainz drei Punkte einzufahren. Und die "Kopfmüdigkeit" für 90 Minuten vergessen zu machen.

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