"Empörung hat Umdenken bewirkt": Journalist Hajo Seppelt erhält nun doch WM-Visum

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Dem Sturm der Entrüstung folgte der überraschende russische Rückzieher: Der ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt darf nun doch von der WM berichten. Wie das Auswärtige Amt am Dienstag auf SID-Anfrage bestätigte, erhält der ARD-Journalist zumindest für den Zeitraum der Endrunde in dem Riesenreich (14. Juni bis 15. Juli) ein Einreisevisum. 

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Ob Seppelt (55) auch nach der WM noch nach Russland reisen darf, steht dagegen noch nicht fest. Außenminister Heiko Maas schrieb um kurz nach 14.00 Uhr auf Twitter von einem "Zwischenerfolg" und bestätigte, dass die "russische Seite uns soeben mitgeteilt" habe, dass Seppelt "zumindest zur WM einreisen" könne. Man setze sich weiter für freie Berichterstattung ein.

Seppelt äußerte sich zunächst zurückhaltend und ließ offen, ob er die WM-Reise auch antreten wird. "Für mich kommt die Situation überraschend. Wir werden uns intern über das weitere Vorgehen abstimmen", sagte Seppelt, der sich zu Recherchen im Ausland aufhielt, dem SID.

Seppelt in Russland auf der Liste "unerwünschter Personen"

Skepsis ist angebracht, denn die Einreise nach Russland könnte für Seppelt auch offizielle Konsequenzen haben. Eine Sprecherin des russischen Untersuchungsausschusses zur Staatsdopingaffäre erklärte am Dienstag, man werde "Maßnahmen ergreifen, um den deutschen Journalisten Hajo Seppelt im Strafverfahren gegen den ehemaligen Direktor des russischen Anti-Doping-Labors (Grigorij Rodtschenkow, d. Red.) zu befragen".

In Deutschland überwog zunächst die Freude über einen Sieg für die Pressefreiheit. "Offensichtlich hat die über Deutschland hinausgehende Empörung ein Umdenken der russischen Behörden bewirkt", sagte Dagmar Freitag, die Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestages, dem SID: "Hier haben der organisierte Sport und Politik erkennbar an einem Strang gezogen. Unterm Strich ist es gut, dass Herr Seppelt wie jeder andere Journalist von der WM berichten darf."

Das vom SWR beantragte Visum war in der vergangenen Woche für ungültig erklärt worden, weil Seppelt auf einer Liste der in Russland "unerwünschten Personen" stehe. Der Journalist hatte mit seinem Film "Geheimsache Doping: Wie Russland seine Sieger macht" die Aufdeckung des russischen Staatsdopingskandals ins Rollen gebracht.

Vorwurf der anti-russischen Propaganda

Auch die Bundeskanzlerin hatte sich für Seppelt eingesetzt, nachdem quer durch alle Parteien die russische Entscheidung zum Teil harsch kritisiert worden war. "Wir halten diese Maßnahme der russischen Behörden, Herrn Seppelt das Visum für ungültig zu erklären, für falsch", hatte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin gesagt. "Wir appellieren an die russische Staatsführung, diesem deutschen Korrespondenten die Einreise zur Berichterstattung über die Fußball-WM zu ermöglichen."

Seppelt ist seit Monaten persona non grata in Russland. Zur Strategie des beharrlichen Leugnens des Staatsdopingskandals gehörte auch eine ständige Diffamierung Seppelts, dem anti-russische Propaganda vorgeworfen wurde. Vor dem Hintergrund der Basta-Politik Russlands, die sich wie ein roter Faden durch die von Seppelt Ende 2014 ins Rollen gebrachte Affäre zieht, kommt das schnelle Umschwenken in der Visa-Frage durchaus überraschend. Der Druck auf Moskau muss beachtlich gewesen sein.

Wie weit die FIFA zur schnellen Wende beigetragen hat, ist unklar. Der Weltverband bestätigte am Dienstag nur nüchtern den Vorgang zur Visa-Erteilung Seppelts und bedauerte "die Unannehmlichkeiten des Journalisten". Allgemein fügte die FIFA hinzu: "Wie bereits mehrfach erwähnt, ist die Pressefreiheit für die FIFA von überragender Bedeutung." 

Seppelt wird in Russland wohl von Bodyguards begleitet

DFB-Präsident Reinhard Grindel hatte FIFA-Boss Gianni Infantino noch am Dienstag kurz vor der Nachricht über die Visa-Erteilung in die Pflicht genommen, damit der ARD-Journalist doch noch ein Visum bekommt. Er habe dem FIFA-Präsidenten Gianni Infantino deutlich gemacht, "dass er persönlich bei der russischen Regierung vorstellig wird, um die Einhaltung der Staatsgarantien zu fordern", sagte Grindel bei der Vorstellung des vorläufigen deutschen WM-Kaders am Mittag in Dortmund.

Sollte Seppelt tatsächlich nach Russland reisen, wird er wohl wie zuletzt schon bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang und Rio de Janeiro von Bodyguards begleitet werden. Nach Meinung des Vorsitzenden des russischen Journalistenverbandes, Wladimir Solowjow, würde das auch nötig sein. 

"Ein russisches Visum sollte Seppelt unbedingt ausgestellt werden", hatte Solowjow am Wochenende gesagt: "Nur muss ihm ganz bestimmt Personenschutz bereitgestellt werden, damit Kenner seines journalistischen Talents ihn nicht zufällig verprügeln."

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