Pokalspiel in Leipzig: Reifeprüfung für Heynckes' Bayern

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Gradmesser, Stresstest, Herausforderung: Für Bayern geht es im Pokalspiel in Leipzig um alles oder nichts. Ausgerechnet jetzt muss Heynckes tüfteln.


HINTERGRUND

"Sie flachsen ganz schön", grinste Jupp Heynckes. Ein Reporter hatte den Coach des FC Bayern München auf der Pressekonferenz am Dienstagmittag gefragt, ob er den trainingsfreien Montag dazu genutzt habe, um zu seiner Familie nach Schwalmtal zu reisen. Heynckes lächelte ob dieser aus seiner Sicht allzu fernliegenden Vermutung. Dann berichtete er von seinem Montag.

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Um Viertel nach Sieben sei er losgefahren zur Säbener Straße. Er habe sich die jüngsten beiden Spiele von RB Leipzig angesehen, gemeinsam mit den Videoanalysten Gegneranalyse betrieben, "geschaut, wo Leipzig seine Stärken und Schwächen" hat. Er habe zudem viele Gespräche geführt und schließlich noch ein bisschen Sport für sich selbst gemacht. "Gymnastik, Stabilisationsübungen, Krafttraining, Fahrradergometer." Dann sei er "sehr früh" wieder zuhause gewesen, gegen Sechs, nach gut zehn Stunden also. "Der Tag", bilanzierte Heynckes, "war auch am Montag ausgefüllt. Private Freizeit ist momentan nicht möglich."

Insbesondere jetzt nicht, vor dem wichtigen DFB-Pokalspiel in Leipzig. Dass der erste Titel schon am späten Mittwochabend verspielt sein könnte, darüber denkt Heynckes im Vorfeld nicht nach. "Ich war ja auch mal Spieler und bin nie mit dem Gedanken in einen Wettbewerb gegangen, dass es nicht klappen könnte. Das kenne ich überhaupt nicht", sagte er. Heynckes ist ein Optimist, "das war ich schon immer, und so wird das auch diesmal sein. Und ich glaube auch, dass meine Spieler da nicht anders sind. Man hat aus der Mannschaft gehört, dass das die Spiele sind, die reizvoll sind und Lust auf mehr machen."

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Heynckes wirkte konzentriert, aber locker vor seiner ersten ganz großen Herausforderung seit seiner Rückkehr. Er erwarte "ein besonderes, ein dramatisches, sehr intensives, bestimmt auch hochklassiges Spiel" mit "fußballerischen Leckerbissen", sagte der 72-Jährige, "weil zwei Spitzenmannschaften aufeinander treffen, die in der Bundesliga-Tabelle ganz eng beieinander" liegen. 

"Wir müssen eine Top-Leistung bringen"

"Auf der einen Seite ein Klub, der in den vergangenen Jahren strategisch und konzeptionell sehr gut gearbeitet hat. Der eine junge, hochtalentierte Mannschaft nach Kriterien des modernen Fußballs zusammengestellt hat. Auf der anderen Seite der FC Bayern, der wieder Fahrt aufgenommen und in den letzten drei Spielen wieder die Konturen gezeigt hat, die uns auszeichnen."

Heynckes machte den Zuhörer richtig heiß auf das Duell. Er sprach von "großartigen Könnern auf beiden Seiten", in Bezug auf Leipzigs Offensivkünstler von "Spielern mit fußballerischer Phantasie" und schlussfolgerte: "Wir müssen eine Top-Leistung bringen, um in die nächste Runde einzuziehen. Leipzig ist eine sehr gute Mannschaft."

Die Partie am Mittwochabend ist für den FC Bayern Gradmesser, Stresstest und Herausforderung zugleich. Die Spiele gegen den SC Freiburg (5:0), Celtic (3:0) und den Hamburger SV (1:0) verliefen zwar positiv, sie haben allerdings keinen Aufschluss darüber gegeben, wo der FC Bayern derzeit steht, wie viel das Team auf höchstem Niveau zu leisten im Stande ist. Und so gleicht das Duell mit Leipzig einer Reifeprüfung.

Erschwert wird die ohnehin komplexe Aufgabe durch die personelle Situation. Der zuletzt wiedererstarkte Thomas Müller wird mit Muskelfaserriss im Oberschenkel fehlen, "ein herber Ausfall", wie Heynckes konstatierte. Mit James Rodriguez fällt zudem Müllers natürlicher Ersatzmann für die Zehnerposition aus. 

Spannung im Mittelfeld

Im Auswärtsspiel beim HSV hatte Heynckes sein Team durcheinandergewürfelt und fünf Änderungen vorgenommen. "Für mich war klar, dass ich wechseln muss", sagte Heynckes. "Um alle Spieler zufrieden zu stellen" und "um Kräfte zu sparen". Er sei sich durchaus bewusst gewesen, dass es dadurch "ein bisschen holprig werden würde, aber wir brauchen gegen Leipzig Frische und läuferisches Potenzial".

Nun gilt es, die Formation zu finden, die den Erfolg am ehesten verspricht. Während sich das Team im Tor (Ulreich), in der Abwehr (Kimmich, Boateng, Hummels, Alaba) und im Angriff (Robben, Lewandowski, Coman) mehr oder minder von alleine aufstellt, wird es spannend, für welche Variante sich Heynckes im Mittelfeld entscheidet. Trotz der Ausfälle von Müller und James stehen ihm mit Sebastian Rudy, Corentin Tolisso, Arturo Vidal, Thiago Alcantara und, sofern fit, Javi Martinez fünf Optionen zur Verfügung. 

Unabhängig vom Personal müsse seine Mannschaft "taktisch sehr diszipliniert und aufmerksam agieren". Der Schlüssel dafür? Eine stabile Defensive sowie ein Mittelfeld, das eine gute Balance garantiert. "Man sagt schon immer, die Abwehr gewinnt Titel, und das hat nach wie vor Bestand. Wenn man ein Haus baut, fängt man ja auch unten an, beim Fundament. Und das ist bei einer Fußballmannschaft genauso." Die jüngsten drei Zu-Null-Siege seien "sehr positiv" gewesen, "aber wir müssen weiter an der Abstimmung der einzelnen Mannschaftsteile feilen", so Heynckes. 

Mit der Debatte um RB Leipzig kann der Fußballlehrer indes wenig anfangen. "Ich finde die Diskussion überflüssig. Man muss einfach anerkennen, dass dort in den letzten Jahren überragend gearbeitet worden ist, kompetent, innovativ. Dort gibt es eine ganz klare Strategie, Strukturen wurden aufgebaut, natürlich erleichtert durch Sponsoring, ganz klar. Aber andere Klubs aus der Bundesliga haben doch ähnliche Möglichkeiten. Nur hatten die Leipziger ein ganz klares Konzept. Sie haben sehr viele junge, talentierte, athletische Spieler. Sie waren vor zwei Jahren noch in der 2. Bundesliga und haben vieles richtig gemacht."

Gegen eben diesen Klub, der so vieles richtig gemacht hat, kann Heynckes nun zeigen, was er richtig gemacht hat in erst 17 Tagen. Danach wird er in etwa wissen, wo sein Team aktuell steht.

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