Trennung von Carlo Ancelotti: Der Fehler ist der Zeitpunkt

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Der FC Bayern steht nach der offenbar alternativlosen Trennung von Carlo Ancelotti vor einer ungewissen Zukunft. Das wäre vermeidbar gewesen.

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Am Ende hing die folgenschwere Entscheidung an einem einzigen Fußballspielspiel. Nach der Niederlage bei Paris Saint-Germain hat sich der FC Bayern am Donnerstag von Trainer Carlo Ancelotti getrennt. Bei einem erfolgreichen Ausgang wäre es wohl kaum dazu gekommen. "Wenn du 3:0 gewinnst, dann ist alles schön, dann laufen alle Polonaise und feiern eine große Party. So aber ist es gar nicht gut. Das ist die Fußballwelt", hatte Arjen Robben in den Katakomben des Pariser Prinzenparks gesagt.

Bayern bei PSG: Weit mehr als eine Niederlage

Weil der FC Bayern aber nicht 3:0 gewann, sondern 0:3 verlor und damit noch ziemlich gut bedient war, verlangte die Fußballwelt rollende Köpfe. Der denkwürdige Abend von Paris hat allerdings nur den finalen Impuls für die Trennung gegeben. Die eigentlichen Probleme, die dazu führten, begannen schon deutlich früher. Es war ein langer Prozess, der letztlich in Ancelottis Entlassung mündete.

Hoeneß: Ancelotti hatte fünf Spieler gegen sich

Die Entscheidung der Klubbosse ist plausibel, sie ist ganz sicher vertretbar und war womöglich sogar alternativlos. Ancelotti hatte zuletzt einen großen Teil der Mannschaft verloren, "noch einmal fünf wichtige Spieler" soll er laut Hoeneß gegen sich aufgebracht haben. Und trotzdem ist die Entscheidung zu diesem Zeitpunkt riskant. Denn aktuell steht der FC Bayern vor einer ungewissen Zukunft.

Galerie: Ancelottis mögliche Nachfolger

Vorerst übernimmt Willy Sagnol interimsweise. Der frühere Publikumsliebling hat zwar nennenswerte Erfahrungen als Chefcoach - bis März 2016 trainierte er den französischen Erstligisten Girondins Bordeaux -, als Dauerlösung ist er allerdings nicht eingeplant. Bereits nach der Länderspielpause wollen die Münchner eine andere, eine neue Lösung präsentieren. 

Der prominenteste Trainer, der derzeit auf dem Markt ist und bereits als Kandidat gehandelt wird, ist Thomas Tuchel. Er ist sportlich über jeden Zweifel erhaben, aber wahrscheinlich nicht der richtige Typ. Schon in Dortmund und in Mainz gab es zwischenmenschliche Probleme. Wie sollte das also in München gut gehen mit den Machtmenschen Hoeneß und Rummenigge?

Ancelottis Probleme waren schon im Sommer bekannt

Der vermeintliche Wunschkandidat Julian Nagelsmann, der zuletzt öffentlich mit den Bayern geflirtet hatte, wäre dagegen die eleganteste Variante. Nur wird ihn die TSG 1899 Hoffenheim während der Saison kaum freigeben. Schon einmal hat Dietmar Hopp einen Wechsel an die Isar abgeblockt. Zudem würde sich Nagelsmann vermutlich keinen allzu großen Gefallen tun, in der aktuellen Situation beim Rekordmeister anzuheuern. Wenn die Bayern Nagelsmann also tatsächlich wollen, dann wäre das wohl erst im Sommer möglich. Sie bräuchten eine Langzeit-Zwischenlösung, aber welche? 

Es gab ganz sicher gute Gründe, Ancelotti zu entlassen. Allen voran die nur ausreichende sportliche Bilanz sowie das zuletzt irreparabel ramponierte Binnenklima, aber auch die ausgebliebene Weiterentwicklung einzelner Spieler, die fehlende Spielidee, der Dominanzverlust oder die mangelnde Flexibilität und nicht zuletzt sein lascher Führungsstil sowie seine nicht selten umstrittenen Personalentscheidungen.

Viele dieser Probleme sind jedoch nicht erst seit Mittwochabend bekannt. Die Verantwortlichen der Bayern müssen sich fragen, warum sie nicht im Sommer gehandelt haben.

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