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FC Bayern: Verwundet zwischen Gegenwart und Zukunft

08:00 MESZ 27.04.17
*GER ONLY / NO GALLERY* Philipp Lahm FC Bayern BVB
Nach dem Pokalaus gegen Borussia Dortmund ist beim FC Bayern Ernüchterung eingekehrt. Wie vor fünf Jahren stehen die Münchner nun auf der Schwelle.

HINTERGRUND

Freud und Leid liegen oft eng beieinander, manchmal sogar nur wenige Meter voneinander entfernt. Die Uhr schlug etwa fünf vor elf, als zwei Mitarbeiter von Borussia Dortmund ihre gute Laune und zwei Kisten Bier durch die Interviewzone der Allianz Arena in Richtung der Gästekabine schleppten. Nur wenige Sekunden später wählten Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß denselben Weg mit ungleich finsterer Miene. Sichtlich enttäuscht marschierten die Bosse des FC Bayern München an den Reportern vorbei, um im Umkleideraum nach ihren Schützlingen zu sehen.

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"Man kann sich ja vorstellen, wie die Stimmung ist. Wenn du so ein super Spiel verlierst, ist die Stimmung natürlich entsprechend schlecht", berichtete Rummenigge bei seiner Rückkehr. Verärgert sei man nicht, erklärte der Vorstandsboss, bloß enttäuscht. Bitter enttäuscht. Überhaupt war "Enttäuschung", meist im Zusammenhang mit den Adjektiven "groß" oder "riesengroß", das meistbenutzte Wort auf jener Seite der Mixed Zone, in der die Spieler der Bayern auf die Journalisten trafen. In engster Konkurrenz dazu standen: "selbst schuld" und "schlechte Chancenverwertung".

Dass die Münchner am Mittwochabend zahlreiche große Chancen ausgelassen hatten, war schließlich die Hauptursache für die 2:3-Niederlage im Halbfinale des DFB-Pokals gegen den BVB. "Ansonsten hätten wir es vielleicht gewonnen", sagte Rummenigge, "aber am Ende ist es eine Niederlage. Und diese Niederlage tut weh, weil wir innerhalb von einer Woche zweimal unglücklich ausgeschieden sind. Da brauchen wir nicht drumrum zu reden."

Dabei war die erste Halbzeit noch mit das Beste, was Rummenigge nach eigener Aussage in dieser Saison gesehen hatte. Und obwohl der 61-Jährige in dieser Spielzeit so einige gute Phasen seiner Mannschaft miterleben durfte, waren seine Worte doch nachzuvollziehen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten und dem frühen Rückstand durch den Treffer von Marco Reus (19.) übernahmen die Bayern schließlich dermaßen drückend die Kontrolle, wie sie es zuvor auf höchstem Niveau unter Carlo Ancelotti selten getan hatten.

BVB konsequenter als Bayern

Während sich der BVB kaum noch aus der eigenen Hälfte befreien konnte, erspielten sich die Roten Chance um Chance. Die Partie drehten sie in logischer Konsequenz durch die Tore von Javi Martinez (28.), der beim 0:1 noch böse gepatzt hatte, und Mats Hummels (41.).

16:4 Torschüsse und 75 Prozent Ballbesitz standen zur Pause auf dem Spielberichtsbogen. Einzig das Zwischenergebnis konnte man den Bayern in Anbetracht der hochkarätigen Möglichkeiten ankreiden. Robert Lewandowski etwa hätte problemlos kurz vor und kurz nach der Halbzeit treffen können, als er jeweils frei auf Roman Bürki zustürmte (45. +1/46.). Die mit Abstand größte Gelegenheit vergab Arjen Robben, der mit seinem Schuss an einer Symbiose aus Sven Bender und dem Pfosten gescheitert war (63.). 

"Wir haben unsere Chancen nicht genutzt, das war unser Fehler", klagte Ancelotti. "Wir hätten das Spiel gewinnen können, sogar müssen, weil wir vor und nach der Halbzeit die Möglichkeiten hatten, um Minimum 3:1 in Führung zu gehen", meinte Philipp Lahm. Letztendlich waren es aber die Dortmunder in Person von Pierre-Emerick Aubameyang (69.) und Ousmane Dembele (74.), die jene Konsequenz und Kaltschnäuzigkeit an den Tag legten, die auf der anderen Seite fehlten.

 

Bayern mit historischer Negativserie

"Eigentlich", sagte Sven Ulreich, "hätte ich es nicht für möglich gehalten, dass das Spiel noch kippt, weil wir es so gut in der Hand hatten. Wir haben Dortmund gut gepresst und hatten viele Balleroberungen und Tormöglichkeiten. Wir haben ein gutes Spiel gemacht und müssen 3:1 in Führung gehen." Dann allerdings, erklärte der etwas ratlose Neuer-Verteter, "haben wir uns durch zwei Aktionen das Spiel kaputt gemacht. Ich weiß auch nicht, warum wir die Tore vorne nicht gemacht haben." Möglichkeiten dazu hatten die Bayern jedenfalls zur Genüge, kurz vor Schluss war es noch einmal Robben, der aus sehr guter Position am starken Bürki scheiterte (86.).

Der Charakter der Mannschaft sei "sehr, sehr gut. Daran liegt es überhaupt nicht", versicherte der Niederländer später. Und auch Ancelotti kann man keine Schuld an dem Ausscheiden geben, denn tatsächlich ist der bittere Abend in erster Linie auf Pech und Unvermögen im Abschluss zurückzuführen. Nur wird sich dafür bei der in wenigen Wochen anstehenden Bewertung der Spielzeit kaum jemand interessieren. 

Fünf Pflichtspiele in Folge sind die Bayern nun sieglos, das ist Fakt. Und man muss schon weit in die Vergangenheit, genauer gesagt 17 Jahre, zurückblicken, um die letzte Negativserie diesen Ausmaßes zu finden. Viel schlimmer aber ist, dass die Münchner unter dem Strich die schlechteste Saison seit fünf Jahren spielen. Innerhalb von acht Tagen wurden zwei Titel verspielt, nur die Deutsche Meisterschaft bleibt dem Branchenführer in diesem Kalenderjahr. 

Was das bedeutet? "Ich weiß es nicht", sagte Lahm. Ob es zu wenig ist? "Das werden wir uns in den kommenden Tagen durch den Kopf gehen lassen. Es ist aber nie eine schlechte Saison, wenn man einen Titel gewinnt. Es ist auch keine Selbstverständlichkeit, dass man jedes Jahr Meister wird - das ist schon immer meine Meinung." 

Wie 2012 auf der Schwelle

Es sei "kein guter Abend, um über die Zukunft nachzudenken", entgegnete indes Rummenigge und verweigerte kurz nach dem Spiel die Einordnung in den Gesamtkontext. Derzeit, führte er aus, müsse man "erstmal in Ruhe die Wunden lecken. Denn das sind Wunden, ohne Frage".

Mats Hummels beteuerte derweil, zwar nicht genau zu wissen, "welche Rädchen da anfangen, sich zu drehen, man kann aber auch sagen, dass das vielleicht dafür sorgen wird, dass da wieder richtig was vorangetrieben wird, wie es 2012 der Fall war, als wir das mit dem Double hier ausgelöst haben".

Damals hatte die junge Dortmunder Truppe um Hummels und Lewandowski dem FC Bayern zwischenzeitlich die Grenzen aufgezeigt. Ein Jahr nach der gewonnenen Meisterschaft 2011 verteidigte der BVB mit Jürgen Klopp an der Seitenlinie den Titel und schlug die Münchner anschließend mit 5:2 geradezu vernichtend im Pokalfinale. Der FCB reagierte darauf unter anderem mit dem vereinsinternen Rekordtransfer von Javi Martinez für 40 Millionen Euro, der Spanier spielte auf Anhieb eine tragende Rolle, Bayern holte das Triple und entfernte sich in der anschließenden Ära Pep Guardiolas immer weiter von der nationalen Konkurrenz. Auch damals lagen Freud und Leid eng beieinander. 

Nun, knapp fünf Jahre nach jenem folgenschweren Schlüsselerlebnis von Berlin, steht der Rekordmeister erneut auf der Schwelle. Verwundet zwischen Gegenwart und Zukunft. 

Folge Bayern-Reporter Niklas König auf