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UEFA Champions League

FC Bayern in Sevilla: Neue Bereitschaft für das große Ziel

12:15 MESZ 04.04.18
Bayern München Sevilla Champions League
Der FC Bayern fährt in Sevilla ein Wunschergebnis ein und präsentiert sich hinterher selbstkritisch. Die einstige Zweckgemeinschaft wird zur Einheit.

HINTERGRUND

Als der Halbzeitpfiff ertönte, marschierte Arjen Robben schnurstracks zum Eingang des Spielertunnels. Einige Beobachter hatten schon vor Augen, wie der Niederländer nun schnell und missmutig in den Katakomben des Estadio Ramon Sanchez-Pizjuan verschwinden würde. Doch Arjen Robben blieb stehen. Er klatschte mit seinen Kollegen ab, mit Franck Ribery, mit Thomas Müller und all den anderen. Er flüsterte ihnen ein paar gute Worte ins Ohr, er gestikulierte, er motivierte, ehe er selbst als Letzter im Spielertunnel verschwand.

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Durchaus beachtlich war das, weil sich Arjen Robben am Dienstagabend zunächst auf der Bank wiedergefunden hatte. Er, der nach eigener Auffassung immer noch mindestens erstbeste Flügelspieler überhaupt. Er, der noch kürzlich im DAZN -Interview gesagt hatte, es sei nicht gut, sich mit einem Platz auf der Bank zufrieden zu geben. "Das ist bei mir nicht drin, dafür liebe ich den Fußball zu sehr."

Dieser Arjen Robben hatte den Bankplatz vor, während und nach dem wichtigen Viertelfinal-Hinspiel der Champions League des FC Bayern München beim FC Sevilla (2:1) angenommen und in Perfektion ausgelebt.

"Top professionell" habe sich Robben verhalten, lobte Thomas Müller hinterher. "Sehr positiv" sei Robben gewesen, meinte Sven Ulreich. Robben habe den Rest der Mannschaft "extrem gepusht, die ganze Zeit. Er hat in der Kabine viel gesprochen und angefeuert, er hat sich vorbildlich verhalten, so wie es sein muss".

Robben schweigt mit Stil

Einzig in der Interviewzone war Robben die Enttäuschung über die Jokerrolle anzusehen. Auch diesmal marschierte er schnurstracks, allerdings zum Ausgang in Richtung Mannschaftsbus. Von den Reportern um ein Statement gebeten, zeigte er mit dem Daumen nach hinten, als wollte er sagen: Seht her, dort hinten, dort kommen gleich meine Kollegen, die mehr gespielt haben als 13 Minuten.

Vielleicht war sein eigens verordneter Maulkorb auch eine Schutzmaßnahme. Vielleicht wollte dieser Arjen Robben nach diesem wichtigen Spiel schlicht keine Schlagzeilen produzieren, die womöglich eine Eigendynamik entwickelt hätten. Robben ist ehrgeizig, manchmal überehrgeizig. Und er ist ehrlich. Er hätte aus seiner durchaus vorhandenen und ebenso berechtigten Enttäuschung keinen Hehl gemacht. Vielleicht sagte er deshalb lieber nichts.

In der Vergangenheit war das anders. "Ich werde darüber nichts sagen, da ist jedes Wort zu viel“, grantelte Robben etwa nach dem folgenschweren wie richtungsweisenden 0:3 bei Paris Saint-Germain auf seinen Bankplatz angesprochen - und sagte damit doch eine ganze Menge.

Zweckgemeinschaft wird wieder zur Einheit

Damals, Ende September vergangenen Jahres, war die Lage beim FC Bayern eine andere. Damals wurde viel von (fehlendem) Miteinander und (fehlendem) Zusammenhalt gesprochen, von spielerischen Defiziten. Damals wirkten die Münchner nicht wie eine Einheit, sondern wie eine Zweckgemeinschaft, die sich zunehmend auseinander gelebt hatte.

Nun aber, Anfang April, pünktlich zum Start der entscheidenden Saisonphase, scheint es zu stimmen im Mannschaftsgefüge und im Umgang miteinander. Auch, weil die Kleinigkeiten passen.

Franck Ribery etwa ist kurz vor seinem 35. Geburtstag wieder in blendender Verfassung. Schon bei der 6:0-Gala gegen Borussia Dortmund spielte der Franzose groß auf, in Sevilla war er an beiden Treffern direkt beteiligt. "Frankie", sagte Ulreich, "ist natürlich ein klasse Kicker. Er tut der Mannschaft unendlich gut. Wenn er seine Läufe und seine Dribblings ansetzt, ist das brutal wichtig für uns. Er ist auf jeden Fall noch fit und kann in solchen Spielen den Unterschied machen."

Hummels: "So gewinnt man die Champions League nicht"

Auf die Frage, ob die Vorstellung nicht komisch sei, kommende Saison womöglich nicht mehr mit Ribery zusammenzuspielen, antwortete Müller: "Vor allem nach so einem Spiel wie heute und vor den nächsten wichtigen Wochen versuchen wir, diese Dinge, die die Mannschaft eigentlich nicht betreffen, sondern eher die Entscheidungsriege, auszublenden." Auch das zeigt, wie das Team derzeit tickt.

Obwohl viele Dinge stimmen, obwohl das 2:1 ein hervorragendes Ergebnis ist, präsentierten sich die Münchner gleichzeitig selbstkritisch. "Es war okay, es war gut, aber so gewinnt man die Champions League nicht", meinte etwa Mats Hummels.

In den ersten Minuten seien die Bayern zwar "sehr zufrieden mit unserem Start" gewesen. "Wir haben uns direkt aus dem Pressing lösen können und ein paar ganz gute Angriffe initiiert, ohne dabei die ganz große Chance zu haben. Aber spätestens ab der 10. Minute war Sevilla die bessere Mannschaft", wusste Hummels.

"Absolut nicht" rundum zufrieden

Die Münchner hätten "etwas leichtfertig die Bälle hergegeben", monierte der Innenverteidiger und fügte hinzu: "Wenn wir das Spielfeld breit machen, müssen wir auch sehr ballsicher sein, ansonsten wird es gefährlich. Das kann vorkommen in einem Champions-League-Auswärtsspiel gegen so eine gute Mannschaft. Es sollte nicht vorkommen, aber es kann."

Müller meinte derweil, dass man "absolut nicht" rundum zufrieden sei. "Ich hadere ein bisschen damit, dass wir mit den Räumen, die uns sicherlich gegeben wurden auf den Halbpositionen, nicht mehr angefangen haben, dass wir nicht mehr Torchancen kreiert haben", sagte er. Zudem habe man "den Gegner durch ein, zwei Fehler mit Ballverlusten in der Vorwärtsbewegung ins Spiel gebracht".

"Andererseits", sagte Müller noch, "haben wir ein gutes Auswärtsergebnis erzielt. Das Positive überwiegt, aber wir haben auch ganz, ganz hohe Ansprüche an uns selbst." Fünf Jahre nach dem großen Triumph schielen die Münchner immer konkreter auf den Henkelpott.

Und selbst jener Ehrgeizling, den sie einst Alleinikov nannten, scheint seine persönlichen Befindlichkeiten dem großen Ziel unterordnen zu können.