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Premier League

Dion Dublin: Der Jamie Vardy der Neunziger

10:00 MEZ 01.03.18
GFX Dion Dublin
Mit 19 noch in der elften Liga, schaffte Dion Dublin es in drei Jahren zu ManUnited. Er brachte es zum Nationalspieler - und erfand ein Instrument.

HINTERGRUND

Marc Clattenburg ist einer der der besten Schiedsrichter der letzten Jahre. Er hat ein EM-Finale geleitet, ein Champions-League-Finale und unzählige Premier-League-Partien. Er ist ein resoluter Unparteiischer, der Spiele im Griff hat, distanziert zu den Akteuren auf dem Rasen auftritt. An einem milden Mai-Tag im Jahr 2008 aber legte er die Zurückhaltung ab. Wie konnte er auch anders, wäre er doch der einzige im Hillsborough Stadium gewesen, der sich dem Applaus nicht angeschlossen hätte. Denn sie alle, die Fans der Heimmannschaft Sheffield Wednesday und die der Gäste Norwich City, huldigten einem unten auf dem Rasen, der, sichtlich gerührt, zum letzten Mal den Rasen als Fußballprofi verließ.

Über 36.000 Zuschauer, die Spieler und Trainer beider Teams klatschten Beifall – und Clattenburg schloss sich an. Der Mann, dem am 4. Mai 2008 diese ungewöhnliche Ehre zuteil wurde, war keineswegs einer der ganz großen Stars, sondern ein durch und durch ungewöhnlicher Spieler. Einer, der es vom Non-League-Football bis zu Manchester United gebracht hatte. Einer, der die Kids zum Träumen brachte. Sein heute hierzulande so gut wie vergessener Name: Dion Dublin.

Mit 19 spielte Dublin elfte Liga

Geboren wurde Dublin 1969 in Leicester, in den East Midlands. Ausgerechnet dort, wo knapp 50 Jahre später ein Mann namens Jamie Vardy mit Leicester City Fußball-Geschichte schrieb und sensationell den Titel gewann. Und nicht nur das: Wie Dublin hatte es Vardy aus den Niederungen des britischen Amateurfußballs nach ganz oben geschafft. Wie Dublin wurde aus einem No Name, der abends nach Feierabend kickte, einer der besten Torjäger Englands. Wenigstens für einen kurzen Zeitraum.

Als Schüler spielte Dublin für einen winzigen Dorfverein, Wigston Fields. Er hatte Talent, aber das hatten viele. Also versuchte er, mehr und härter zu trainieren als die anderen. Er zeigte schon als Kind großen Kampfgeist, der Traum von der ganz großen Karriere, er schien aber dennoch früh zu zerplatzen. Während andere als Teenager bereits für Manchester United spielten oder den FC Liverpool und Einladungen in Englands Auswahlteams erhielten, wartete Dublin vergeblich auf ein Angebot eines Profiklubs.

So spielte er mit 19 für Oakham United, elfte Liga. Die Premier League war nicht nur weit entfernt, sondern fand in einem gänzlich anderen Universum statt. Es ging hart zur Sache, es wurde gegrätscht und das Niveau war mehr als überschaubar. Nach den Spielen wurde im Pub getrunken. Zwar waren sich alle einig, dass Dublin viel zu gut für die elfte Liga war. Aber das waren erstens viele und zweitens war das ob der überschaubaren Qualität auch nicht weiter schwer.

Zwei Aufstiege in Folge mit Cambridge

Weil Dublin aber über 40 Tore schoss, körperlich wegen seines Extra-Trainings in herausragender Verfassung war und zudem erst 19 Jahre alt, flatterte ein Angebot von Erstligist Norwich City herein. Oakhams Präsident sagte sofort zu, ohne Dublin erst zu fragen. Der war aus dem Häuschen. Von der elften Liga in die erste – ein beispielloser Aufstieg. Bei den Canaries folgte aber Ernüchterung. Er sei natürlich nicht für die erste Mannschaft eingeplant, sagte ihm der Präsident an Tag eins.

Also statt Spielen im Old Trafford nur Spielen in Liga vier. Sicher, auch ein gewaltiger Sprung. Aber eben auch weiterhin wenige Zuschauer, viel Kampf. Doch Dublin, der über sich selbst sagt, er habe als Kind gelernt, dass man für seine Träume kämpfen müsse, versuchte, sich ins Team zu beißen. Es wollte aber nicht wirklich klappen mit ihm und Norwich, er zog weiter zu Cambridge United, ebenfalls vierte Liga. Und endlich wurde er belohnt. "In Cambridge passte alles sofort", erinnert sich Dublin bei der BBC.

Er wurde zum Leistungsträger bei den Aufstiegen 1990 und 1991, sein erstes kleines Fußballwunder. Er wurde auch in der zweiten Liga nicht durch einen besseren Spieler ersetzt. Im Gegenteil, er war eine der Säulen des Teams. Das Besondere: Er wurde sowohl als Innenverteidiger als auch als Stürmer eingesetzt. Klar, er war groß, zweikampf- und kopfballstark und sich nie zu schade für eine Grätsche. Egal ob am gegnerischen Sechzehner oder am eigenen. Mit 1,88 Meter und seinem wuchtigen Körper war er einer der Brecher, die sich in Zweikämpfe werfen, als ginge es um Leben und Tod. Oder als würde man alles tun, um sich seinen Traum von der Premier League zu erfüllen.

"Manchester United will dich"

Im Sommer 1992 bestellte Cambridges Präsident Dublin zu sich in sein Büro. Als er ankam, saß da auch sein neuer Trainer Ian Atkins. Wie er später der BBC erzählte, dachte Dublin zunächst, man wolle ihn ausmustern. "Manchester United will dich", sagte der Präsident ohne Umschweife. Dublin hielt das alles erst für einen Scherz. Als er dann schließlich Sir Alex Ferguson gegenüber saß, selbstredend nicht mehr.

Erst später erfuhr Dublin, dass der Schotte bei einem Pokalspiel persönlich zugegen gewesen war, um ihn unter die Lupe zu nehmen. Für eine Million Pfund wechselte der Junge, der vier Jahre vorher noch in der elften Liga gekickt hatte, zu einem der größten Vereine Englands, wo er prompt die Nummer sieben bekam.

Bei den Red Devils tummelten sich Stars von Weltrang. Ein Peter Schmeichel, ein Denis Irwin, die jungen Ryan Giggs und Paul Scholes, Mark Hughes. Und natürlich Eric Cantona. Trotz allem wurde Dublin gut angenommen, sein offenes Wesen kam sehr gut an im Team. Er gab im Training, in dem plötzlich alles "zehnmal schneller ging", alles. Und so stand er am 4. Spieltag nach dem missglückten Saisonstart zum ersten Mal in der Startelf.

United-Traumstart, Beinbruch, Torschützenkönig

Es ging gegen den FC Southampton und die Zuschauer sahen ein zähes Spiel und einen fuchsteufelswilden Alex Ferguson. In der 89. Minute fiel Dublin im Strafraum der Ball vor die Füße, er fackelte nicht lange und zog ab. 1:0, Siegtreffer, einer der schönsten Momente seiner Karriere. Acht Tage später dann der Schock. Nach einem weiteren Spiel über 90 Minuten brach er sich gegen Crystal Palace das Bein. "Es ist ein Schock für uns alle und sportlich ein schwerer Schlag", zeigte sich Ferguson betroffen. Dublin fiel fünf Monate aus und sollte sich bei United nie wieder vollständig herankämpfen können. Ihm gelang noch ein weiteres Tor, ehe es 1994 zu Coventry City ging.

Dort wurde er zum Publikumsliebling und zur Lebensversicherung. Er traf in 145 Spielen 61-mal, die Fans liebten ihn und widmeten ihm eigene Gesänge. 13, 14 und erneut 13 Tore erzielte er in der Liga. In der Saison 1997/98 dann die Krönung: Mit 18 Treffern wurde er Premier-League-Torschützenkönig, ein geteilter erster Platz mit Michael Owen und Chris Sutton. Im Februar 1998 debütierte er für die englische Nationalmannschaft. Unter Tränen dankte er seinen Eltern im Anschluss, ein Traum war in Erfüllung gegangen.

Er wechselte zu Aston Villa, traf auch dort verlässlich, wenn auch nicht mehr so regelmäßig wie für Coventry. Verletzungen warfen ihn mehrfach zurück, im Villa-Trikot brach er sich gegen Sheffield Wednesday das Genick. Nur Millimeter verhinderten, dass er im Rollstuhl landete, er war schon bald wieder zurück auf dem Rasen. Ein echter Kämpfer eben.

Stevie Wonder nutzt sein Instrument

Es ging zu Leicester in die Heimat, wo er erneut als Stürmer und Verteidiger eingesetzt wurde. Über Celtic ging es zu Norwich, wo er in der zweiten Liga 2007/08 noch einmal sieben Treffer erzielte, ehe ihm ein echter Gänsehaut-Abschied zuteil wurde. Als er auch vom Gegner und von Schiedsrichter Clattenburg beklatscht wurde.

Nach der Karriere arbeitete Dublin als TV-Experte, moderierte eine Immobilien-TV-Sendung – und erfand ein Instrument. Die Holzkiste namens The Dube wird unter anderem bis heute von Musikstar Stevie Wonder genutzt. Eine Anekdote, die zum besonderen Werdegang des Dion Dublin passt. Dem Mann, der es aus der elften Liga zum Nationalspieler und Torschützenkönig schaffte. Dem Mann, der den Kids zeigte, was möglich ist, wenn man nie den Glauben an sich selbst verliert.