Die verrückte Geschichte von Barca-Gründer Hans Gamper: Pionier, Autodidakt, Selbstmörder

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Hans Gamper gründete als Schweizer den FC Barcelona und machte ihn groß. Eine Geschichte von Aufstieg, Mut, Einsamkeit und Fall.


HINTERGRUND

Es war ein heißer Sommertag im Barcelona des Jahres 1930, an dem die flirrende katalanische Hitze in den Straßen stand und die Sonne die Pflastersteine erhitzte, als ein lauter Knall die Stille in der Carrer de Girona durchschnitt. Danach war es wieder still, als wäre nichts passiert. Dann, nach einigen Sekunden, waren Schreie zu hören. Markerschütternde. Ausrufe des puren Horrors. Wenig später Gewissheit: Im Haus mit der Nummer vier hatte sich jemand erschossen. Der 30. Juli ging als der Tag in die Geschichte ein, an dem Hans Gamper starb. Der Mann, der den FC Barcelona nicht nur gegründet, sondern ihn wie kein Zweiter geprägt hatte. Und der das Herzstück der Vereinsidentität schuf, auf die sie heute so stolz sind. Doch wer war der Schweizer? Warum hatte es ihn ausgerechnet nach Spanien verschlagen? Wer war der Mann, den man heute vor allem kennt, weil er namensgebend für die Hans-Gamper-Trophäe ist? Wer war der Schöpfer eines Klubs, der Geschichte schrieb und heute einer der wenigen Giganten der Branche ist?

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Hans Max Gamper-Haessig erblickte im November 1877 in Winterthur das Licht der Welt. Es war ein Jahr des Aufschwungs. Thomas Alva Edinson gelang die erste Tonaufzeichnung, die Washington Post wurde gegründet, die Stamford Bridge eingeweiht. Den Gampers aber ging es schlecht, die Familie mit fünf Kindern hatte wenig Geld, das Essen war knapp, die Wohnung winzig. Die Mutter Rosine-Emma wurde schwer krank und starb wenig später an Tuberkulose. Ein Erlebnis, das Hans Gamper nie ganz verarbeiten konnte. Der depressive Vater August zog mit seinen Kindern in seine Heimatstadt Zürich. Auch dort herrschte Elend vor, es waren harte Jahre. Während die Reichen der Stadt am See oder am Zürichberg großbürgerliche Villen bewohnten, lebten die Gampers in einer der Mietskasernen, wo die Arbeiter lebten, die wegen der entstehenden Industrie in die Stadt gekommen waren.

Radrennen, Leichtathlet, Rugby, Tennis, Golf und Fußball

Hans flüchtete sich in den Sport, wo er ausgeprägtes Talent bewies. Er gewann Radfahrwettbewerbe, stellte Leichtathletik-Schulrekorde auf. Er spielte herausragend gut Rugby, Tennis, Golf und Fußball. Er war einer dieser Autodidakten, die sich ohne Vorlauf sofort wohl in einer Sportart fühlen. Angetan hatte es ihm in seiner Einfachheit und Emotionalität aber vor allem der Fußball. Er war verwundert, dass der noch junge Sport so wenig gespielt wurde. Also entschloss er sich bereits mit 18 Jahren, ganz der Pionier der späteren Jahre, in Zürich einen Fußballklub zu gründen. Mit Mitstreitern hob man so 1896 den FC Zürich aus der Taufe. In den ersten beiden Jahren des heutigen Traditionsklubs war er zudem Kapitän.

Im Oktober 1898 dann eine Entscheidung, die sein Leben für immer verändern sollte. Auf Bitten seines Onkels Emili Gaissert zog er nach Barcelona. Er verliebte sich sofort in die katalanische Hauptstadt. "Er war im Herzen Katalane", heißt es im Barca-Museum. Er erkundete auf langen Spaziergängen die Stadt und machte sich seine vielen Talente, die er auch außerhalb des Sportplatzes hatte, beruflich zunutze. Er arbeitete als Buchhalter für Credit Lyonnais, als Sportkolumnist für zwei Schweizer Zeitungen und stieg später in den Zucker- und Kaffeehandel ein. Und das erfolgreich! Der Handel boomte und Gamper wurde zu einem reichen Mann. Zu einem, der es von ganz unten aus einer Züricher Mietskaserne zu einem geschafft hatte, der nun in den Kreisen derer verkehrte, deren Villen er früher immer von unten bewundert hatte.

GFX Hans Gamper

Gründung eines Klubs für Ausländer

Gamper war in der evangelischen Gemeinde im Bezirk Sarria-Sant Gervasi ein beliebtes Mitglied. Nicht zuletzt, weil er seine große Leidenschaft für Sport auch hier einbrachte. Zunächst spielte er mit Freunden zum Spaß, nach einem Jahr wollte er es aber machen wie in Zürich: Er setzte sich das Ziel, einen eigenen Fußballklub zu gründen. Vor allem deshalb, weil es in der Stadt keinen gab, der Ausländer aufnahm. Per Zeitungsannonce, die explizit erwähnte, dass auch Nicht-Spanier erwünscht sind, suchte er nach Mitstreitern. 36 Männer, alle Protestanten und rund die Hälfte Ausländer, gründeten im Jahr 1899 den FC Barcelona. Man wählt die Farben blau und rot. Wohl deshalb, weil der FC Basel, für den Gamper einst ein Spiel als Gastspieler machte, in ebendiesen spielt. Ein Stückchen Heimat also in der Fremde – die für Gamper selbstredend bald mehr Heimat war, als es Zürich je sein konnte.

Gamper wurde zum ersten Kapitän und Zentrum einer Mannschaft, die, auch weil Gamper bereits damals Dinge wie Taktik und Innovation mit einbrachte, zu einer der besten Mannschaften Spaniens wurde. Er selbst schoss in 51 Spielen 120 Tore. Gleich dreimal netzte er neunmal ein – bis heute Vereinsrekord. Er war glücklich, fühlte sich seinem Klub tief verbunden, als einer der Rückschläge, die sein ganzes Leben prägen sollten, eintrat: Er musste den Verein wie fast alle der Gründungsmitglieder verlassen, weil er Protestant war. Die Stimmung im Land kippte immer mehr zu Ungunsten der evangelischen Bevölkerung.

Joan, der Retter

Ohne den Schweizer Visionär ging es bergab. 1908 war der Verein so gut wie bankrott, hatte seit drei Jahren keinen Titel mehr gewonnen. Das Aus drohte. In Scharen verließen Mitglieder den sterbenden FC Barcelona. Präsident Vincenc Reg warf hin und konstatierte in seiner Abschiedsrede, dass der Verein tot sei. In der ersten dunklen Stunde der Klubgeschichte erwies sich der Vater des früheren Erfolgs als Retter in der Not: Hans Gamper, der sich inzwischen katalanisch Joan nannte und eine streng katholische Schweizerin geheiratet hatte, was die Rückkehr erst möglich machte. Mit seinem Kaffee- und Zucker-Vermögen tilgte er die Schulden – und nicht nur das. Er kehrte umjubelt zurück, wurde Präsident und baute das erste Stadion des Vereins.

In nur einem Jahr hatte er einen fragilen Verein in ein stabiles Gebilde mit eisernem Fundament verwandelt. Aus beruflichen Gründen trat er wieder kürzer, gab das Amt des Präsidenten ab. Zu sehr beanspruchten ihn seine beruflichen Reisen. Als glühender Anhänger des Katalanismus kam er aber so oft es ging zu den Spielen und hielt Barca als Berater die Treue. Von 1909 bis 1911 gewannen die Blaugrana dreimal in Folge die katalanische Meisterschaft.

Glück und Unglück

Weil der Verein so schnell wuchs und Gampers Leidenschaft war, kehrte er 1910 als Präsident zurück. Bis 1913 behielt er sein Amt, war nebenbei eine der tragenden Figuren bei den Gesprächen über die Gründung einer nationalen Meisterschaft. Außerhalb des Platzes aber eckte Gamper immer wieder an. Weil er seine Meinung sagte und keinen Hehl daraus machte, Totalitäres und Autoritäten zu verabscheuen. Er war anders. Und zelebrierte das, anstatt sich anzupassen. Gamper, der auf Bildern einen mächtigen Schnauzbart und eine Brille mit runden Gläsern trägt, war von 1917 bis 1919 erneut Präsident, danach wieder Berater und später wieder Präsident. Er heiratete, sein Unternehmen wuchs und er schrieb 1920, er sei der "glücklichste Mann der Welt."

Es kam das schicksalhafte Jahr 1925. Während eines Freundschaftsspiels buhten die Barca-Fans die spanische Hymne aus. Ein Sakrileg! Militärdiktator Miguel Primo de Rivera griff hart und konsequent durch. Gamper musste zurücktreten und wurde für drei Monate des Landes verwiesen, das Stadion wurde geschlossen. Ein harter Schlag für den so lebensfrohen Gamper, der neben dem Sport auch die Literatur liebte und dessen Sensibilität dazu führte, dass aus bitterer Enttäuschung eine Depression wurde. Weil zudem jeglicher Kontakt zum FC Barcelona verboten wurde, sah er sein Lebenswerk als zerstört an und konnte dem Verein, der seit über 25 Jahren sein Leben war, zum ersten Mal nicht leitend zur Seite stehen.

GFX Hans Gamper

"Plötzlich ging alles schief"

"Er ging in dieser Zeit zurück nach Zürich, eine traurige Zeit", schreibt Gamper-Enkelin Emma in der NZZ. "Er war enttäuscht und musste sich sehr einsam fühlen. Barca wurde während sechs Monaten geschlossen, Büros, Spiele, alles." Und er blieb auch nach den drei Monaten traurig, weil er dem Klub auch nach der Rückkehr fern bleiben musste. Es folgten weitere Rückschläge. Er verspekulierte sich an der Börse. "Plötzlich ging alles schief", so Emma Gamper. "Sicher hat er in diesen Jahren Hilfe gesucht, aber kein Katalane war bei ihm. Die Liebe zum Fußball war noch da. Aber nicht mehr die Freunde."

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Es kam das Jahr 1929. Die Börse brach zusammen, die Weltwirtschaft lag zerschmettert am Boden. Und mit ihr Hans Gamper, der sein gesamtes Vermögen verlor. Verarmt und von dunklen Gedanken niedergedrückt, entschloss sich Hans Gamper, der so große Pionier, der Visionär, der mehrere Sprachen fließend sprach und so vielseitig begabt war, seinem Leben ein Ende zu setzen. An einem heißen Sommertag im Jahr 1930, an dem die flirrende katalanische Hitze in den Straßen stand und die Sonne die Pflastersteine erhitzte, schoss er sich in seiner Wohnung in den Kopf, während seine Frau Emma und sein Sohn Juan zuhause waren.

Tausende kommen zum Trauerzug

Zum Trauerzug kamen Tausende, die ihren Helden feierten. Zu seinen Ehren sollte im Jahr 1957 das Stadion nach ihm benannt werden. Diktator Franco verbot das. "Franco hat sich total dagegen gewehrt. Gamper war ein Ausländer, er hatte Suizid begangen, er war Protestant, er hatte eine liberale Gesinnung und war Anhänger der Unabhängigkeit Kataloniens", so Manuel Thomas, Leiter des Dokumentationszentrums des FC Barcelona, gegenüber swissinfo.ch. "Und dann hatte er erst noch seinen deutschschweizerischen Vornamen in einen katalanischen gewechselt. Für die Diktatur Francos war Joan Gamper ein Tabu-Thema." Erst später erhält er die Anerkennung, die er verdient: Heute findet zu seinen Ehren jedes Jahr die Joan-Gamper-Trophäe statt.

Gamper, der Mann, den kaum jemand heute noch kennt, ist der Urvater des FC Barcelona, wie er heute die Fußballwelt prägt. Ohne einen Schweizer, der Ende des 19. Jahrhunderts in ein fremdes Land kam, gäbe es heute keinen Guardiola-Fußball, keine Messi-Magie. "Mehr als ein Klub", lautet das stolze Mantra der Blaugrana. Geschaffen wurde es, lange bevor ausformuliert, von Hans Gamper, dessen Geschichte so vieles hatte: Aufstieg, Erfolg. Aber auch Einsamkeit und Niedergang. Sie ist ein Drama von einem Pionier, der sich seine Träume erfüllte – und später hilflos mit ansehen musste, wie sie wieder zerplatzten. 

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