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Die beste Leihgabe aller Zeiten? Wie Edgar Davids dem FC Barcelona auf die Sprünge half

14:30 MEZ 28.10.20
GFX Edgar Davids
Bei Juventus hatte Edgar Davids Anfang 2004 keine Zukunft mehr, bei Barca leistete er Großartiges. Vom vielleicht besten Leihgeschäft aller Zeiten.

HINTERGRUND

Joan Laportas Blick war eine Mischung aus Verzweiflung und Hoffnung. Aus innerer Zerrissenheit und äußerlicher Coolness. Es wirkte alles andere als ausgeglichen, als der damalige Präsident des FC Barcelona seine neueste Errungenschaft auf dem Transfermarkt der Öffentlichkeit präsentierte. Fast wie ein kleines Kind, das sich an seine Mutter klammert, hielt Laporta beim obligatorischen Pressefoto die Hand des Neuen. Und Edgar Davids selbst? Der schaute verlegen in die Kamera. Ganz und gar nicht wie es sein Spitzname vermuten ließe, ganz und gar nicht wie ein Pitbull.

Davids kam als Leihspieler von Juventus Turin, wo er gerade sechs tolle Jahre, inklusive zweier Scudetti, verbracht hatte. Eine Zukunft hatte der seinerzeit 30-jährige Niederländer bei den Bianconeri aber nicht mehr, sein Vertrag lief am Saisonende, im Sommer 2004, aus. Ein Glücksfall für Barca, wie sich später herausstellte. Trotz aller Unkenrufe.

"Er ist kein Galactico", spottete zum Beispiel Real Madrids damaliger Sportdirektor Jorge Valdano. Und der frühere Real-Profi Michel konstatierte: "Er wird Barcelona nichts bringen." Hohn, den Laporta schlucken musste, der auch bei den eigenen Fans damals nicht gerade unendlich viel Kredit besaß. Denn eigentlich hatte er ihnen zur Amtsübernahme im Sommer 2003 David Beckham als Verstärkung für das Mittelfeld versprochen. Doch der Engländer kam nicht, ging stattdessen ausgerechnet zu Real.

Zu allem Überfluss war Barcelona in der Saison 2003/2004 dann Lichtjahre von dem Barca entfernt, das man heute kennt. Lionel Messi war noch ein 16-jähriger Jugendspieler, Andres Iniesta, gerade erst 19, tat sich noch schwer, bei den Profis Fuß zu fassen. Man hatte Ronaldinho, okay. Und der Brasilianer schlug nach seiner Ankunft aus Paris im Sommer 2003 auch gleich ein, er alleine reichte aber nicht, um erfolgreich zu sein.

Als Davids Mitte Januar 2004 dann erstmals für Barca auf dem Platz stand, hatte das Team von Trainer Frank Rijkaard zwei Wochen zuvor gerade 0:3 bei Racing Santander verloren. In der Tabelle rangierte man nur auf Platz sieben - 16 Punkte hinter Tabellenführer Valencia, 15 Zähler hinter Erzrivale Real. Lediglich sieben Spiele hatte Barcelona in der Hinrunde gewonnen. Und Davids sollte jetzt alles besser machen? Ein 30-Jähriger, der seine beste Zeit hinter sich zu haben schien? Die Anhänger waren skeptisch.

Davids ließ Xavi und Ronaldinho glänzen

Doch Davids war genau das, was den Blaugrana damals fehlte. Ob Gerard Lopez, Thiago Motta oder Gabri - keiner hatte es geschafft, Xavi im Spielaufbau so zu entlasten und Ronaldinho so den Rücken frei zu halten, dass die Mannschaft das Optimum auf den Platz bringen konnte. Davids sollte das gelingen. Danke seiner Zweikampfstärke, seiner herausragenden Antizipation, seines unermüdlichen Einsatzes.

Bei Juventus dürfte man sich die Augen gerieben haben. Und bereut haben, nicht mehr über Davids zu verfügen. Neuzugang Stephen Appiah hatte ihm in Turin den Rang im Mittelfeldzentrum abgelaufen, in der Hinrunde der Saison 2003/2004 kam Davids für Juve nur zu fünf Einsätzen in der Serie A. Seit Ende Oktober 2003 hatte er gar nicht mehr in der Liga gespielt.

Umso erstaunlicher war es, dass Davids, für den Barca läppische zwei Millionen Euro Leihgebühr bezahlte, in Spanien sofort in Topform war. In 18 von 19 Rückrundenspielen stand er in der Startelf, mit ihm gewann Barca satte 13 davon, verlor nur noch zwei Partien. Hatten die Blaugrana den Clasico in der Hinrunde noch verloren, gewannen sie nun - mit Davids - 2:1 im Bernabeu. Und ließen Real, das schon so weit enteilt gewesen war, in der Endabrechnung doch noch hinter sich, wurden sogar noch Zweiter und holten in der Rückrunde 18 Zähler mehr als in der ersten Hälfte der Saison.

Davids' Anteil daran war riesig, in seinen ersten 15 Ligaspielen blieb Barca ungeschlagen. Er ließ die anderen glänzen, die Xavis, die Ronaldinhos, machte sie besser. "Es ist Davids' Verpflichtung, die Barca zurück auf Kurs brachte", schrieb auch der in Spanien renommierte englische Sportjournalist Sid Lowe in seiner Kolumne für den Guardian. Später machte Lowe einmal deutlich: "Wann immer man in Spanien die Sinnhaftigkeit von Wintertransfers infrage stellt, ist die Antwort derer, die diese verteidigen: Edgar Davids."

Davids' Wirkung war immens

Nur ein halbes Jahr lang war der 74-fache niederländische Nationalspieler in Barcelona, ehe er wieder weiterzog. Seine Wirkung war allerdings immens - und möglicherweise weitreichend. Denn wäre Davids nicht gekommen, hätte das Spiel eines damals schwächelnden Barca nicht zum Positiven gewendet, hätte Rijkaard vermutlich früher oder später seinen Hut nehmen müssen. Der Trainer, der Barca in den beiden Spielzeiten nach Davids' Abgang auf Spaniens Thron führte, zweimal in Folge die Meisterschaft holte und 2006 mit Ronaldinho und Co. sogar die Champions League gewann. Der die Vorhut der Ära Pep Guardiola war - und damit zu einem großen Teil auch die des heutigen Barca.

Mit Recht ist Davids zumindest eines der besten Leihgeschäfte, die es je gab, wenn nicht das beste überhaupt. Daran ändert auch das unschöne Ende nichts. Denn Davids blieb - zumindest bei Barcas Bossen - in unschöner Erinnerung. Man wollte ihn halten, bot ihm einen Dreijahresvertrag an. Doch Davids pokerte zu lange um ein höheres Gehalt, verabschiedete sich letztlich nach Ablauf der Leihe in Richtung Inter Mailand.

Alles, was glänzte, war dann also doch nicht Gold in der kurzen, aber so erfolgreichen Liaison zwischen Edgar Davids und dem FC Barcelona. Als hätte es Joan Laporta geahnt, damals bei der Vorstellung. Als er so zerrissen wirkte. So ängstlich. Und doch so hoffnungsvoll.