Sportpsychologe: Angstgegner Italien? "Man braucht einen Notfallplan"

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Italien ist der Angstgegner des DFB-Teams. Was das heißt und zu bedeuten hat, erklärt Sportpsychologe Werner Mickler im Goal-Interview.

0-4-4: So lautet die ernüchternde Pflichtspielbilanz der deutschen Nationalmannschaft gegen Italien. Es war die Squadra Azzurra, die das Sommermärchen bei der Heim-WM 2006 abrupt beendete. Und es war die Squadra Azzurra, die sechs Jahre später den Traum vom EM-Titel zerplatzen ließ. Spätestens seit 2012 wird das Team von Trainer Antonio Conte in Deutschland als Angstgegner bezeichnet.

Spieler und Trainerteam wollen davon nichts wissen. Das machte Bundestrainer Joachim Löw klar, genauso wie Toni Kroos. "Die Vergangenheit hat für mich keine besondere Bedeutung", meinte der Mittelfelddirigent von Real Madrid auf der Pressekonferenz am Donnerstag - und gab die Frage zurück: "Erklären Sie mir mal, warum ich ein Italien-Trauma haben sollte. So oft habe ich doch noch gar nicht gegen sie gespielt." Kroos war 2006 nicht dabei.

Nur: Was ist überhaupt ein Angstgegner? Haben die Nationalspieler tatsächlich kein Trauma - oder tun sie nur so cool? Goal sprach mit Werner Mickler, einem Experten auf dem Gebiet. Mickler ist ein renommierter Sportpsychologe, unterrichtet an der Deutschen Sporthochschule Köln und ist beim DFB für den psychologischen Teil der Trainerausbildung zuständig.

Herr Mickler, können Sie uns aus psychologischer Sicht erklären, was ein Angstgegner ist und ob Italien für die deutsche Nationalmannschaft ein solcher ist?

Werner Mickler: Es hat immer etwas damit zu tun, was sich im Kopf abspielt. Der erste Punkt ist, dass gar nicht alle Akteure diese Negativerfahrungen gemacht haben. Der zweite, wie man damit umgeht. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass wir Weltmeister geworden sind und dabei alle Herausforderungen gemeistert haben, was zu einem gesunden Selbstvertrauen führt. Der dritte Punkt ist, dass oftmals so getan wird, als würden sich alle Ereignisse, die in der Vergangenheit passiert sind, auch in der Zukunft eintreten müssen. Jedes Spiel ist aber ein neues Spiel. Es hängt also immer davon ab, wie die Spieler beziehungsweise die Mannschaft damit umgeht.

Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski waren 2006 genauso dabei wie 2012. Ist das Risiko eines Traumas damit bei diesem Duo höher?

Mickler: Das weiß ich nicht, das müsste man die beiden Spieler selbst fragen. Beide zählten aber auch zur Weltmeister-Mannschaft. Wenn man jetzt Bastian Schweinsteiger nimmt, der im Endspiel eine sensationelle Leistung gebracht hat, dann kann er erstmal darauf zurückgehen. Das macht eine breite Brust, zumal er und viele andere Spieler auch viele Positiv-Erlebnisse hatten, etwa bei Bayern München. Zudem darf man nicht vergessen, dass die negative Bilanz gegen Italien auch ein zusätzlicher Anreiz sein kann. Insofern als dass man sagt: Jetzt erst recht. Wir wollen zeigen, dass wir in der Lage sind, damit umzugehen.


Werner Mickler arbeitet seit über zehn Jahren im Psychologischen Institut der Deutschen Sporthochschule Köln

Sind die jüngsten Erfolge wie die Weltmeisterschaft und der 4:1-Testspielsieg im Umkehrschluss also deutlich präsenter in den Köpfen der Spieler?

Mickler: Das weiß ich nicht. Auf jeden Fall zeigen sie, dass die Spieler in der Lage sind, Erfolg zu haben - das ist entscheidend. Sie haben die Möglichkeiten und die Strategien, mit denen sie auch Italien schlagen können. Wichtig, ist, Respekt zu haben, das ist der Fall. Deutschland braucht einen guten Tag, um in den Situationen erfolgreich agieren zu können. Genauso wie die Erinnerung an all die Dinge, die positiv waren. Man kann das mit einer Person mit Prüfungsangst vergleichen. Wenn diese Person andauernd all die Prüfungen vergegenwärtigt, die sie nicht geschafft hat, ist das kontraproduktiv. 

Die psychologische Vorbereitung ist also immens wichtig. Insbesondere wenn der Gegner Italien heißt?

Mickler: Entscheidend ist, sich auf die Lösungen zu konzentrieren, sich zu fragen, welche Dinge man beim Gegner ausnutzen kann, die einem selbst in die Karten spielen. Man sollte sich gar nicht so sehr auf die Stärken des Gegners versteifen, die hat man zu akzeptieren. Es gibt aber immer Punkte, gegen die man angehen kann. Die muss ich in den Vordergrund rücken. Gerade im Training muss ich meine Mannschaft davon überzeugen, dass der Matchplan funktioniert. Dazu muss ich entsprechende Übungsformen und Trainingseinheiten absolvieren. Und wenn ich meine Mannschaft davon überzeuge und auch alternative Pläne in der Hinterhand habe, gehe ich mit großer Sicherheit ins Spiel. 

Im EM-Viertelfinale 2012 hat sich Joachim Löw am Gegner orientiert, mit vier zentralen Mittelfeldspielern und Toni Kroos in der Rolle als Wadenbeißers von Andrea Pirlo spielen lassen. Diesmal soll und wird das nicht der Fall sein. Wie interpretieren Sie diese Entwicklung?

Mickler: Das ist eine der Folgen des WM-Titels. Dass man sagen kann, wir sind mit unseren Möglichkeiten in der Lage, ein Spiel zu steuern. Entscheidend ist es, nicht in die reaktive Rolle, sondern in die aktive hereinzukommen und das Spiel zu beeinflussen. Dass die eigenen Strukturen nicht von dem abhängig sind, was der Gegner macht. Oder metaphorisch gesprochen: Dass man keine Angst vor der Schlange hat, sondern seine eigenen Möglichkeiten sieht.

Mats Hummels hat gesagt, die deutsche Auswahl habe aus 2012 "vor allem gelernt, dass man gegen Italien nicht in Rückstand geraten sollte". Sollte dieser Fall doch eintreten, kann es dann aus psychologischem Blickwinkel gefährlich werden?

Mickler: Man kann immer in Rückstand geraten, selbst unverschuldet, etwa durch eine Schiedsrichterentscheidung. Gerade in solchen Situationen ist es wichtig, immer zu wissen, dass die Aufgabe lösbar ist. Klar will man in diese Situation gar nicht kommen, man muss aber einen Notfallplan haben. Die Gewissheit - selbst wenn Matchplan A nicht funktioniert -, auf Plan B oder C zurückgreifen zu können. Im Moment eines möglichen Gegentors können Bilder in den Köpfen ablaufen, das ist individuell unterschiedlich. Wenn dem so ist, muss ich das unterbrechen und mich darauf besinnen, was ich zum Beispiel aus der Situation im Jahr 2012 gelernt habe. Diesen Plan B muss ich im Kopf haben.

Wir können also festhalten: Italien ist kein Angstgegner? 

Mickler: Es hängt immer davon ab, wie die einzelnen Spieler damit umgehen. Ich würde aber sagen, dass es nie eine hilfreiche Sache ist, um die Situation zu meistern. Es hängt ausschließlich davon ab, wie ich mit der Situation umgehe.

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