Deutschland gegen Italien: Löws mutige Entscheidung

Kommentare()
Getty Images
Er hat es schon wieder getan: Wie 2012 orientierte sich Joachim Löw auch beim diesjährigen EM-Duell an Italiens Stärken. Diesmal allerdings mit Erfolg.

Es dürfte ein langes Hin und Her gewesen sein, ein ständiges Abwägen. Schließlich musste er eine Entscheidung treffen, und er wählte dabei nicht den leichten Weg. Bundestrainer Joachim Löw veränderte seine Startaufstellung fürs Viertelfinale der Europameisterschaft nicht nur personell, sondern auch taktisch. Er brachte Benedikt Höwedes für Julian Draxler und stellte damit auf Dreierkette in einem 3-4-3-System um. 

Besonders beachtlich ist das, weil Löw auch vor vier Jahren im EM-Halbfinale gegen Italien taktisch experimentiert und sich dabei verzockt hatte. Seinerzeit setzte er in Person von Toni Kroos neben Sami Khedira, Bastian Schweinsteiger und Mesut Özil auf einen weiteren zentralen Mittelfeldspieler, der in einer merkwürdigen Rolle als Wachhund von Andrea Pirlo agierte. Der Plan ging nicht auf, Mario Balotelli traf doppelt, Deutschland schied aus.

Nun also erneut EM. Wieder Italien. Und wieder eine Umstellung mit weitreichenden Folgen. Löw wird ganz genau gewusst haben, dass er sich selbst mit dieser Maßnahme im Falle eines erneuten Scheiterns geradewegs in die Schusslinie seiner Kritiker katapultiert. Es war ihm egal. Was Außenstehende denken, ist ihm ohnehin nicht sonderlich wichtig. Gleichwohl war seine Entscheidung eine mutige. Im Nachhinein ist klar: Es war auch eine sinnvolle, weil von Erfolg gekrönte.

Mit Höwedes als zusätzlichem Innenverteidiger wollte Löw das Defensivzentrum stärken, um die gefährlichen Italiener so gut wie möglich an Großchancen zu hindern und in der Nähe des eigenen Strafraums numerische Überzahl zu schaffen. Und tatsächlich: Gegen Höwedes, Jerome Boateng und Mats Hummels war für die Squadra Azzurra kaum Durchkommen. Nach einer Stunde hatte Italien erst ein Mal aufs Tor von Manuel Neuer geschossen.

Löw: "Umstellung war dringend notwendig"

Joshua Kimmich und Jonas Hector beackerten derweil die Außenbahnen und hielten Mattia De Sciglio sowie Alessandro Florenzi in Schach. Es war lange Zeit gewiss kein Spektakel im Stade de Bordeaux, aber sehr wohl ein taktisch hochinteressantes Duell der beiden vermutlich besten Mannschaften dieses Turniers.

"Ich weiß, dass viel diskutiert wurde, aber die Umstellung war dringend notwendig", erklärte Löw nach der Partie auf der Pressekonferenz auf Goal-Nachfrage: "Die Italiener spielen mit zwei zentralen Stürmern und mit zwei Außen, die sehr hoch stehen. Vier gegen vier zu spielen, ist gefährlich. Ihr Spiel ist immer gleich: Sie spielen von Außen in die Mitte, versuchen abzulegen und in die Tiefe zu gehen. Das machen sie super, aber es ist leicht berechenbar. Daher mussten wir das Zentrum zumachen." Löw orientierte sich also doch wieder am Gegner, im Gegensatz zu 2012 allerdings ohne dabei die Stärken seiner Mannschaft zu zersetzen. 

In der regulären Spielzeit kam Italien aus dem laufenden Spiel heraus gegen die neuformierte deutsche Defensive nur zu zwei nennenswerten Möglichkeiten durch Stefano Sturaro (44.) und Graziano Pelle (74.). Der Treffer von Leonardo Bonucci resultierte aus einem Strafstoß. Der wiederum aus einem unnötigen Handspiel von Jerome Boateng nach einem Eckball (78.).

450 EM-Minuten ohne Gegentor aus dem Spiel heraus

Weil Mesut Özil nach überragender Vorarbeit von Mario Gomez und Hector zur zwischenzeitlichen Führung getroffen hatte (65.), ging es in die Verlängerung. Und schon währenddessen war klar: Sollte Deutschland hier an diesem angenehmen Samstagabend ausscheiden, würde es nicht an Löws Umstellung liegen. 

Dazu allerdings kam es gar nicht. Die deutsche Defensive stand 30 weitere Minuten sicher - und hat damit auch nach 450 EM-Minuten aus dem Spiel heraus kein Gegentor kassiert. Dass sich die DFB-Elf schlussendlich im Elfmeterschießen durchsetzte, nahm selbst Löws größten Kritikern den Wind aus den Segeln. 

Artikel wird unten fortgesetzt

Die Revanche für 2012 ist geglückt, auch wenn Löw selbst das vermutlich nicht so sehen wird. Dennoch dürfte es ein Stück weit Genugtuung gewesen sein. Schließlich hatte er sich schon so oft rechtfertigen müssen, selbst noch nach dem WM-Triumph, insbesondere aber eben vor vier Jahren für sein Coaching gegen Itlalien. Das 1:2 im Warschauer Nationalstadion war seine bitterste Niederlage, für die er die Verantwortung übernehmen musste. Seinen Mut hat er sich deshalb aber nicht nehmen lassen. Und das ist auch gut so. 

Folge Niklas König auf

Goal-Journalisten werden ausgestattet mit dem Samsung Galaxy S7 und Gear 360

Nächster Artikel:
Copa del Rey: Real Madrid trotz Pleite weiter, Girona kegelt Atletico raus
Nächster Artikel:
Real Madrid bei Leganes: LIVE-STREAM, TV, Aufstellungen, LIVE-TICKER – alle Infos zur Übertragung in der Copa del Rey
Nächster Artikel:
Ronaldos Kopfball reicht: Juventus schlägt Milan und gewinnt die Supercoppa
Nächster Artikel:
Juventus vs. AC Milan: TV, LIVE-STREAM, Aufstellungen, Highlights, TICKER und Co. - alles zur Übertragung der Supercoppa
Nächster Artikel:
Lionel Messi vom FC Barcelona verrät: An dieses Tor werde ich mich immer erinnern
Schließen