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UEFA Nations League

Deutschland nach WM-Debakel mit couragierter Leistung: Eine Leidenschaft, die das Leiden abschafft

10:30 MESZ 07.09.18
Germany France 06/09
Das nach der WM viel kritisierte DFB-Team macht beim 0:0 gegen Frankreich Hoffnung auf einen Neuanfang. Lediglich ein Tor fehlt zum perfekten Abend.


HINTERGRUND

Gerade war die 80. Minute des Nations-League-Spiels zwischen Deutschland und Frankreich in der Allianz Arena angebrochen, da setzten sich die ersten Fans in Bewegung, stapften die Treppen gen Ausgang hoch, um dem traditionellen After-Match-Verkehrschaos, das sich regelmäßig rund ums Fröttmaninger Rund entwickelt, zu entkommen. Zuvor flogen etliche, penibel gefaltete Papierflieger auf das saftige, vom Regen benetzte Grün, ehe die unzähligen Versuche des Erschaffens einer Laola-Welle in der Nordkurve bereits im nächsten Block traurig verebbten. Eine Szenerie, die vermuten lassen könnte, dass die Protagonisten auf dem Rasen fade, fußballerische Magerkost anboten. Momentaufnahmen, die der eigentlichen Stimmung auf den Rängen tatsächlich aber nicht gerecht wurden.

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Statt die DFB-Auswahl, die erstmals nach dem blamablen WM-Aus in Russland wieder in Erscheinung trat, mit Pfiffen, Spott und Hohn zu strafen, bereitete das Münchner Publikum ihrem Team einen durchaus warmen Empfang. "Die Mannschaft", die vielleicht schon bald ebenjenen konstruierten und unbeliebten Namen ablegen wird, um den viel beschworenen Neuanfang zu versinnbildlichen, honorierte das mit einer ansehnlichen, ja vor allem couragierten Leistung. Und das, obwohl Weltmeister-Trainer Didier Deschamps all seine namhaften Helden von Beginn an aufgeboten hatte.

Zu Beginn der Begegnung deutete allerdings noch nicht viel darauf hin, dass Bundestrainer Joachim Löw den von allen Seiten geforderten Umbruch in die Wege leiten würde, setzte er doch in seiner Startelf mehrheitlich auf altbewährtes Spielermaterial, das sich vor zwei Monaten eben alles andere als bewährt hatte. Lediglich mit seiner Entscheidung, vier gelernte Innenverteidiger in die Viererkette zu berufen und dafür den etatmäßigen Rechtsverteidiger Joshua Kimmich ins defensive Mittelfeld zu schieben, sorgte er dann kurz vor Spielbeginn doch für ein klein wenig Diskussionsstoff. Purer Aktionismus, um zu zeigen: "Ja Leute, ich weiß, dass alles anders werden soll"?

Nein, so muss man im Nachhinein konstatieren, fuhr Löw mit seiner Marschroute doch eigentlich ganz gut. Die Idee, mit Matthias Ginter (rechts) und Antonio Rüdiger (links) zwei zentrale Abwehrmänner die Außenbahnen beackern zu lassen, sollte Früchte tragen. Anders als bei der WM, bei der seine Truppe dauerschleifenartig und beinahe lernresistent in Konter des Gegners gelaufen war, hielt der Defensivverbund diesmal zusammen, ließ die pfeilschnelle, hochdekorierte Abteilung Attacke der Franzosen kaum zur Entfaltung kommen.

Zusammen statt ZSMMN

Nach Ballverlusten war ein kollektives Nachsetzen zu beobachten, eine klare "wir kämpfen füreinander"-Symbolik. Genau das, was sich Fußball-Deutschland nach dem historisch schlechten Abschneiden in Russland erhofft hatte. Oder vielleicht auch das Mindeste, das man erwarten durfte, nachdem das Wort "zusammen" in den vergangenen Monaten höchstens als vokalloser Hashtag mit der deutschen Auswahl in Verbindung gebracht worden war.

Und so wurde nach Spielende von allen Beteiligten auch treffend darauf hingewiesen, dass man ein anderes Gesicht gezeigt hatte, als noch Ende Juni. Von Schritten in richtige Richtung war immer wieder die Rede, besonders häufig fiel allerdings das Wort "Leidenschaft". Ein im Fußball gerne bemühter Begriff, der zur Rate gezogen wird, wenn man sich ganz besonders reingehangen hat. Leon Goretzka sagte beispielsweise: "Wir wollten mehr Leidenschaft zeigen. Das haben wir gemacht", ehe ein merklich aufgeräumter Mats Hummels vor die Mikrofone trat und erklärte: "Der Fokus lag klar darauf, dass wir Leidenschaft und Mentalität zeigen. Wir wollten den Fans zeigen, dass wir Gas geben und keine Bälle verlorengeben."

Doch nicht nur in der Rückbewärtsbewegung nährte Deutschland die Hoffnungen der Fans auf einen Neustart, auch vorne erspielte sich das DFB-Team in teilweise sehenswerter Manier einige Großchancen, die aber allesamt vom glänzend aufgelegten Equipe-Schlussmann Alphonse Areola vereitelt wurden. Zunächst parierte der PSG-Keeper, der nur aufgrund der Tatsache spielte, dass die eigentliche Nummer eins Hugo Lloris an einer Muskelverletzung litt, einen Schuss von Marco Reus, später reagierte er blitzartig nach einem Ginter-Kopfball, bevor auch Hummels mit einem Hammer aus halblinker Position seinen Meister in ihm fand.

Marco Reus: "Mit ein bisschen mehr Glück hätten wir das Spiel gewonnen"

Kein Wunder, dass im Nachgang mit der Chancenverwertung gehadert und gleichzeitig Areolas herausragende Leistung gehuldigt wurde. "Mit ein bisschen mehr Glück hätten wir auch als Sieger vom Platz gehen können, da hätte sich niemand beschwert", fasste Goretzka das Geschehen zusammen, Reus schlug später in dieselbe Kerbe: "Mit ein bisschen mehr Glück hätten wir das Spiel gewonnen." Jerome Boateng ärgerte sich indes: "Wir hatten heute die besseren Chancen, aber Areola hat super gehalten."

Letztlich bleibt festzuhalten: Die Verantwortlichen, die den sprichwörtlichen Karren in Russland in den Dreck gezogen hatten, sind definitiv gewillt, selbigen auch wieder dort hinaus zu hieven, setzen alles daran, wieder zu alter Stärke zu finden. Ein erster kleiner Grundstein ist mit dem Remis gegen die favorisierten Bleus sicherlich gelegt, die Versöhnung mit den anspruchsvollen Fans gelungen. Unter anderem dank einer wiedergefundenen Leidenschaft, deren Abwesenheit zuletzt so viel Leid in Deutschland geschafft hatte.

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