Der Meisterschaftstraum des SSC Neapel: Sehnsucht, Raffinesse und der Schweizer

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Getty / Goal
In Neapel träumt man vom ersten Scudetto seit fast 30 Jahren. Ein irrer Präsident, ein kluger Trainer und hungrige Spieler sollen es möglich machen.


HINTERGRUND

Als es geschafft war, ergossen sich himmelblaue Menschenmassen in die engen Gassen Neapels und die Stadt wurde für einige Tage zum Ort ekstatischer Feiern. Fahnen wurden geschwenkt, wildfremde Menschen lagen sich in den Armen und ein ohrenbetäubendes Hupkonzert durchschnitt die vorsommerliche süditalienische Luft. Der Grund für die Feierlichkeiten: Der SSC Neapel hatte sich zum zweiten Mal zum italienischen Meister gekrönt. Und mittendrin der Gott der Massen, der noch heute verehrt wird und Heldenstatus genießt: Diego Armando Maradona. Über 27 Jahre ist das jetzt her und was damals feuchtfröhliche Realität war, ist heute nurmehr nostalgische Erinnerung im kollektiven Gedächtnis der Stadt der Sehnsüchte.

Heute aber, in einer Zeit, in der viele Helden von damals längst vergessen sind und nach Jahren der Dürre im Schatten der Großen wie Juventus Turin und des AC Mailand träumen sie wieder in dieser chaotischen und so leidenschaftlichen Stadt. Denn eine neue Helden-Generation schickt sich an, Geschichte zu schreiben und ein Drehbuch zu realisieren, das wie von Hollywoods größten Romantikern ersonnen daherkommt.

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Denn kaum eine Stadt ist so eng mit ihrem Fußballklub verbunden wie Neapel. Rom ist die Hauptstadt, hat zwei Fußballklubs und wartet mit so viel anderem als dem Fußball auf, Mailand ist die Stadt der Mode, gleichsam zerteilt in Milan- und Inter-Lager. Napoli aber wird heiß und innig geliebt, trotz der Tragik der vergangenen Jahre, obwohl man im Aufteilen der Scudetti von Milan, Inter und Juve seit fast drei Jahrzehnten übergangen wird.

Drei Vize-Meisterschaften, zwei Pokalsiege und ein Supercup-Gewinn stehen seitdem auf der Haben-Seite und reicherten den spärlichen Trophäen-Schrank an. Aktuell aber thront der SSC auf Rang eins, konnte sich durch den immens wichtigen Auswärtssieg bei der Roma bereits ein Vier-Punkte-Pölsterchen auf die Alte Dame erarbeiten. Und nicht nur das: Napoli spielt aktuell den vielleicht besten Fußball Europas. Man stellt die beste Offensive Italiens, hat bei 26 Toren nur fünf Gegentreffer hinnehmen müssen. Als einziges Team der Top-Ligen ist man noch ohne Punktverlust.

Selbstherrlicher Präsident, einheimischer Trainer

Dass man tatsächlich wieder vom Titel träumt, dass die Straßen wie einst mit elektrisierender Erwartung gefüllt sind, hat mehrere Gründe. Bei allen hat Aurelio De Laurentiis seine Finger im Spiel. Seit 2004 leitet der extravagante Präsident mit dem eindrucksvollen Bart die Geschicke bei den Partenopei. Der Filmproduzent hatte Großes vor, 2017 könnte es sich endlich erfüllen. 2011 erreichte man endlich wieder die Champions League, nun wirkt das Team reif für den ungleich höheren Sprung. De Laurentiis gilt als selbstherrlich, cholerisch, autoritär und größenwahnsinnig. Was auf den ersten Blick wie ein Eigenschaften-Set eines Despoten wirkt, ist auf den zweiten ein Geschenk für den SSC Neapel.

Denn hinter der verrückten und wild blinkenden Fassade steckt ein fähiger und kluger Wirtschafter. "Ich höre mir alle Ratschläge in Ruhe an, und am Ende entscheide ich. Man nennt mich nicht umsonst den Schweizer, weil ich harte Fakten produziere und zeigen werde, dass man in Neapel seriös wirtschaften kann", sagt De Laurentiis über sich selbst. Und genau so hält er es. Bei Transfers, bei der Kaderplanung, bei seiner Vision der Zukunft. Sechs Trainer setzte er seit 2004 nur ein – erstaunlich wenig, wenn man die Schnelllebigkeit des Geschäfts und die vielen schnellen Erfolg Suchenden bedenkt.

Der sechste ist Maurizio Sarri, der wohl wichtigste Grund für den Erfolg. Und auch seine Vita liest sich wie ein Märchen. In Neapel geboren trainierte der versierte Taktiker, der mit seiner Brille immer ein wenig aussieht wie ein Oberlehrer, jahrelang Teams aus den Tiefen der italienischen Unterklassigkeit. 2014 stieg er dann mit dem FC Empoli in die Serie A auf und De Laurentiis, der es zuvor mit Glamour-Trainern wie Rafa Benitez oder Roberto Donadoni versucht hatte, produzierte harte Fakten und verpflichtete den 58-Jährigen.

Eine Entscheidung, die sich als goldrichtig herausstellen sollte. Denn Sarri krempelte einiges um, verpflichtete Spieler wie Allan oder Elseid Hysaj. Und er drehte an kleinen Stellschrauben, irgendwo tief in der ausgeklügelten, taktischen Mechanik des Teams und setzte so eine schleichende Transformation in Gang, deren Produkt eine Mannschaft ist, die kontern kann, aber auch Pass- und Kombinationsspiel beherrscht. Und die deshalb deutlich besser mit den Kleinen zurecht kommt als noch vor ein paar Jahren.

Napoli celebrating vs Roma

Napoli in allen Statistiken vorne

Neapel erzielte nicht nur die meisten Tore, sondern gab auch die meisten Torschüsse der Liga ab (155), hat die beste Passquote aller Teams (89,5 Prozent) und ließ die wenigsten Schüsse zu (14). In allen relevanten Statistiken liegt man vor dem Giganten aus Turin. Umgesetzt werden die blitzsauberen Konter, die wie an einer Schnur aufgezogenen Kombinationen und die chirurgisch präzise vorgetragenen Laufwege im Gegenpressing von einer homogenen Mannschaft, in der jeder Mannschaftsteil für sich perfekt funktioniert.

Im Tor steht nach einem Intermezzo bei den Bayern wieder Pepe Reina. Der 35-Jährige ist ein mitspielender Torwart, erfahren, lautstark, offensiv. Er hat die Patzer, die ihm früher regelmäßig unterliefen, weitestgehend abgestellt. In der Abwehr bilden Raul Albiol und Kalidou Koulibaly ein perfekt eingestelltes Innenverteidiger-Duo. Hier der erfahrene Mann fürs Grobe, dort der dynamische Passspieler. Koulibaly hat sich seit seinem Wechsel vom KRC Genk nach Italien zu einem Top-Verteidiger entwickelt, dessen Repertoire an das von Jerome Boateng erinnert.

Außen spielen mit Faouzi Ghoulam und dem Albaner Elseid Hysaj die beiden wohl begehrtesten Außenverteidiger Europas. Beide gehören zu den Besten auf ihrer Position, als Duo sind sie aktuell sogar das wohl am besten funktionierende Gespann überhaupt. Arsenal, United, Barcelona, PSG, Juventus, ManCity, Chelsea sind die Vereine, die mit einem oder sogar beiden in Verbindung gebracht werden. Gerade Ghoulam, ehemaliger französischer U-Nationalspieler, ist heißumworben und wird in der kommenden Saison wohl nicht mehr für Napoli auflaufen.

Das Mittelfeld liegt fest in der Hand von Marek Hamsik, der die Tifosi innig liebt. Eine Zuneigung, die auf Gegenseitigkeit beruht. Seit zehn Jahren spielt er nun schon für die Azzurri, nie nahm er eine der vielen Offerten von Top-Teams an, die ihm seitdem vorgelegt wurden. "Ich kann mit 140 km/h durch Neapel fahren, ohne einen Strafzettel zu bekommen", sagt er. Und:  "Ich will die Meisterschaft und 20 Tore schießen."

Kongeniales Trio vorne

Letzteres wird wohl nichts werden, aktuell steht er bei einem Tor, viel wichtiger ist aber ohnehin ersteres. Es wäre für ihn und Napoli gleichermaßen die Erfüllung der größten und jahrelang gewachsenen Sehnsucht.

An der Seite des Kapitäns mit dem ikonischen Irokesen auf dem Kopf spielen mit Allan und Jorginho zwei Brasilianer. Zwei feine Fußballer, Strategen mit Gefühl im Fuß. Und dann sind da – natürlich – die drei Angreifer, die vergesse machen, dass Gonzalo Higuain, Ezequiel Lavezzi oder Edinson Cavani jemals das himmelblaue Trikot trugen und dass sich Arkadiusz Milik erneut verletzt hat. 20 Tore haben Dries Mertens, Lorenzo Insigne und Jose Callejon gemeinsam bereits erzielt. Gerade der Belgier spielt auf, als habe es den Chancentod mit Hang zum Phlegma nie gegeben. "Dries ist einer der besten Spieler der Welt", sagt Sarri. Und er hat recht: Wie er gemeinsam mit seinen kongenialen Partnern wirbelt, ist ganz großes Kino.

Kinoreif wäre es selbstredend auch, wenn Hamsiks Traum, und gleichzeitig der einer ganzen Stadt, sich im kommenden Mai erfüllen würde, und wieder Hupen durch die Luft schallen, himmelblaue Fahnenmeere durch die Gassen schwappen würden, Neapel als Stadt der Ekstase und nicht sie sonst als Mafia-Stadt um die Welt gehen würde. Die ganz große Sehnsucht der Stadt der Sehnsüchte hätte sich dann erfüllt. Und Neapel hätte nach all den Jahren neue Helden. 

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