Unverhofft steht Borussia Dortmund kurz vor Schließung des Transferfensters unter Druck. Der lange Ausfall von Neuzugang Giannis Konstantelias (Kreuzbandriss) reißt plötzlich eine Lücke in den Kader des BVB. Die Frage ist, wie die Westfalen darauf reagieren werden. Die Versuchung, auf eine vermeintlich naheliegende Lösung zurückzugreifen, die sogar auch später noch verpflichtet werden darf, könnte beim BVB gegeben sein. Sie lautet: Jadon Sancho.
Der Engländer, der bereits zweimal für den BVB kickte, ist schließlich aktuell vereinslos. Er ist also ablösefrei und kennt Dortmund. Vor allem aber wäre er eines: Ein Name, der Emotionen auslöst. Doch genau darin liegt das Problem.
Geschäftsführer Carsten Cramer hat am Sonntag bei Sky90 gesagt, kaum ein Name würde beim BVB so elektrisieren wie Sancho. Das mag stimmen, wenn man einen kurzen Blick in die sozialen Medien wirft. Rein sportlich betrachtet ist die Begeisterung für den mittlerweile 26-Jährigen allerdings nicht zu erklären. Der BVB sollte Sancho daher gerade jetzt nicht zurückholen. Nicht trotz seiner Vergangenheit, sondern wegen seiner Gegenwart.
Getty ImagesWie viel Ablöse erhielt der BVB einst für Jadon Sancho?
Seit seinem 85 Millionen Euro teuren Abgang aus Dortmund Richtung Manchester United im Jahr 2021 rennt Sancho nämlich jener brillanten Zeit hinterher, die er einst beim BVB hatte. Es spricht derzeit ja auch Bände, dass der 23-malige Nationalspieler in die Vereinslosigkeit abglitt und kein Klub mit vergleichbaren Ambitionen wie jenen des BVB sich für ihn zu interessieren scheint.
Die vergangenen fünf Jahre erzählen statistisch eine ziemlich eindeutige Geschichte. Sancho kommt in diesem Zeitraum auf 184 Pflichtspiele mit 21 Toren und 22 Vorlagen. Er kam durchschnittlich weniger als eine Stunde pro Partie zum Einsatz, für eine Torbeteiligung benötigte er knapp 250 Minuten.
Das ist keine Momentaufnahme, sondern ein über Jahre anhaltendes Muster. Sancho elektrisierte Dortmund zweifelsfrei zwischen 2017 und 2021. Doch dieser Spieler ist er nicht mehr.
Jadon Sancho rennt seit Jahren seiner Topform vergeblich hinterher
Auch der Verweis auf seine halbjährige Leihe zum BVB im Winter 2024 greift zu kurz. Auch damals war Sanchos mangelnde Konstanz das Problem, wenngleich er in Champions League wie Bundesliga vereinzelt Glanzmomente aufblitzen ließ. Diese wenigen guten Auftritte bleiben in Erinnerung, weil sie herausragten - aber nicht, weil sie Sanchos Normalform gewesen wären.
Aus ein paar besseren Spielen lässt sich keine verlässliche Kaderplanung ableiten. Doch genau darum geht es jetzt beim BVB. Die Borussia braucht nach dem Ausfall von Konstantelias Geschwindigkeit, Dynamik sowie Tiefgang und demnach einen Spieler, der diese Eigenschaften regelmäßig auf den Platz bringt. So wie man es dem stark gestarteten Griechen zugetraut hätte.
All dies schaffte Sancho aber zuletzt weder bei ManUnited, noch in Dortmund oder seinen beiden anschließenden Leihen zu Chelsea und Aston Villa. Einen Spieler zu holen, der seit mehreren Jahren vergeblich seiner einstigen Topform hinter rennt, wäre keine logische Konsequenz aus Konstantelias' Verletzung, sondern die Wette auf eine weit zurückliegende Vergangenheit.
Getty ImagesWiederholung mit Jadon Sancho: Welche Spieler holte der BVB bislang zurück?
Vor allem stünde ein Sancho-Transfer gänzlich konträr zu dem Anti-Stallgeruch-Weg, den der "neue BVB" (Cramer) unter Sportdirektor Ole Book zuletzt eingeschlagen hat. Dortmund hat sich freiwillig von Spielern wie Niklas Süle oder Julian Brandt getrennt, deren Leistungen über längere Zeit nicht konstant genug waren. Nun einen Sancho zurückzuholen, bei dem dasselbe der Fall ist, ergibt so wenig Sinn wie die in den Jahren zuvor teils kläglich gescheiterten, nachträglich aber oft romantisch verklärten Rückholaktionen von etwa Mario Götze, Shinji Kagawa oder Nuri Sahin.
Auch das Argument, Sancho könne aufgrund seiner potenziell herausragenden Fähigkeiten noch immer einen Unterschied ausmachen, greift zu kurz. Ja, Sancho kann wahrscheinlich bis heute an sehr guten Tagen Spiele entscheiden. Entscheidend ist aber nicht, ob ein Fußballer grundsätzlich außergewöhnliches Können besitzt, sondern wie häufig er es abrufen kann.
Sehnsüchte nach Sancho von so manchen BVB-Fans sind natürlich nicht völlig unverständlich. Sie sind aber irrational, weil sie sich nicht auf dessen aktuelle Leistungsfähigkeit richten. Dortmund darf sich beim Gedanken an einen Konstantelias-Ersatz nicht von einem Namen leiten lassen, nur weil dieser Name eine besondere Vergangenheit besitzt. Der größte Preis, den der BVB für den Transfer eines ablösefreien Sancho zahlen würde, wäre das Konterkarieren der eigenen Kaderstrategie.
BVB, Spielplan: Die nächsten Spiele von Borussia Dortmund
Datum | Wettbewerb | Spiel |
Dienstag, 1. September (20.45 Uhr) | DFB-Pokal | HEBC Hamburg vs. Borussia Dortmund |
Samstag, 5. September (15.30 Uhr) | Bundesliga | TSG Hoffenheim vs. Borussia Dortmund |
Dienstag, 8. September (21 Uhr) | Champions League, 1. Spieltag | Borussia Dortmund vs. Villarreal |
Samstag, 12. September (15.30 Uhr) | Bundesliga | Borussia Dortmund vs. SC Paderborn |



