Debatte: Muss Bastian Schweinsteiger mit zur EM?

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Joachim Löw will die Tür für seinen Kapitän so lange wie möglich offenhalten. Reicht die Zeit für Schweinsteiger und sollte er mit nach Frankreich reisen?
Am Dienstag lüftet Joachim Löw das Geheimnis: Der Bundestrainer benennt seinen vorläufigen Kader für die Europameisterschaft in Frankreich. Ein dickes Fragezeichen steht dabei ausgerechnet noch hinter Kapitän Bastian Schweinsteiger.

Der Mittelfeldspieler von Manchester United fällt seit Wochen wegen einer Knieverletzung aus, es ist noch ungewiss, wann er wieder spielen kann. Löw wird ihn aller Voraussicht nach in den Kader berufen und dann bis zur Deadline Ende Mai eine Entscheidung treffen, ob er den Routinier tatsächlich mit zur Endrunde nimmt.


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Aber braucht die DFB-Elf Schweinsteiger in diesem Sommer überhaupt? Zwei Redakteure, zwei unterschiedliche Meinungen.

"SCHWEINSTEIGER IST WEITER UNVERZICHTBAR"

Von Falko Blöding

Bei Michael Ballack gab es einst die Wade der Nation, nun haben wir bei Bastian Schweinsteiger so etwas wie das Innenband der Nation. Wird er rechtzeitig fit? Das ist die große Frage. Und falls er fit wird, sollte er nach einer Saison mit wenig Spielpraxis mit zur EM fahren? Ja, das sollte er.

Schweinsteiger ist der Kapitän dieser Mannschaft. Einer Mannschaft, die sich nach dem WM-Triumph und dem Abschied einiger Führungsspieler neu sortieren musste und die ihn als Leitwolf unbedingt braucht. Im WM-Finale von Rio machte er das Spiel seines Lebens, er ist der erfahrenste Spieler dieser Elf. Das macht ihn unverzichtbar. Er hat schon sechs große Turniere auf dem Buckel und weiß, worauf es ankommt. Er weiß, wie man die Stimmung im Team hochhält.

Ähnliche Situation wie 2014

Der 31-Jährige war vor zwei Jahren in einer ähnlichen Situation. Die Patellasehne bereitete Probleme und beeinträchtigte seine Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft. Löw nahm ihn dennoch mit und in Kauf, dass Schweinsteiger erst während des Turniers bei 100 Prozent war. Der Plan ging auf. Zunächst saß der damalige Bayer auf der Bank, später rückte er dann in die Startelf und war der Fixpunkt im deutschen Spiel. Ein ähnliches Modell ist erneut denkbar. Zumal Schweinsteiger einer ist, der sicherlich keinen Stunk machen wird, sollte er nur die Rolle des Edelreservisten einnehmen.

Spätestens die erfolgreiche WM in Brasilien hat außerdem gezeigt, dass Löw mittlerweile auch innerhalb seines Kaders gerne auf einen festen Kern setzt und keine großen Änderungen vornimmt (übrigens eine Lehre aus der EM 2012, als er zwischenzeitlich mächtig rotierte und die Mannschaft ihren Rhythmus verlor). Deshalb ist auch nicht davon auszugehen, dass Schweinsteiger einem anderen Spieler im 23er-Kader den Platz wegnähme. Ketzerisch gesagt: Wenn es schon einen EM-Touristen gibt, dann sollte es wenigstens der Kapitän sein.


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Dass es Schweinsteiger sportlich nicht braucht, ist zudem auch eine kühne These. Vor allem nach dem Ausfall Ilkay Gündogans, der so etwas wie der natürliche Vertreter des United-Stars ist, kann eine starke Alternative für die Zentrale nicht schaden. Nach müdem Start in die Saison war er schließlich in Manchester auf einem guten Weg, sein altes Leistungsniveau wieder zu erreichen, ehe dann das Knie streikte.

Ob Schweinsteiger nun tatsächlich mit nach Frankreich fährt, sollte allein eine Frage der Fitness sein, nicht eine der sportlichen Leistungsfähigkeit.

"DER 'LEIDWOLF' HAT (VORERST) AUSGEDIENT"

Von Dennis Melzer

Was Bastian Schweinsteiger im WM-Finale gegen Argentinien abgeliefert hat, war an Einsatz, Wille und Kampf nicht zu übertreffen. Ehrfürchtig blickte ganz Fußball-Deutschland nach dieser unglaublichen Leistung zum Bayern-Star auf. Völlig zu Recht. Seine Beförderung zum Mannschaftskapitän im Anschluss an den Rücktritt des bisherigen Amtsinhabers Philipp Lahm war eine logische Schlussfolgerung.

Seitdem sind einige Tage, einige Fußballspiele ins Land gegangen. Zum Leidwesen des Leitwolfes. Die Schweini-Formkurve zeigt seit dem Triumph in Brasilien steil nach unten. In der Nach-WM-Saison bestritt der mittlerweile 31-Jährige lediglich 15 Spiele von Beginn an, weil die Patellasehne über einen Zeitraum von drei Monaten Probleme machte. 

Mit seinem Wechsel vom FC Bayern zum englischen Rekordmeister Manchester United sollte dann alles besser werden. Das Gegenteil war der Fall: Seit Mitte Januar laboriert der 114-fache Nationalspieler an einem Innenbandriss, verpasste somit nahezu die komplette Rückrunde. Pünktlich zur Europameisterschaft in Frankreich soll er also wieder fit werden, "unser" Schweini.

Fußballromantik contra Rationalität

Ja, um der alten Zeiten willen sollte Jogi Löw Schweinsteiger mitnehmen. Es wäre auf eine gewisse Art und Weise eine fußballromantische Huldigung für das früher Geleistete. Rational betrachtet  aber hat der Weltmeister derzeit nichts in der Nationalmannschaft verloren. Fußballerisch sind die Qualitäten - obwohl sie ihm zuletzt etwas abgingen - unbestritten. Die Physis macht mir Sorgen.

Mal ganz davon abgesehen, dass er trotz des Ausfalls von Ilkay Gündogan kaum Chancen auf einen Stammplatz hätte, würde ein latent angeschlagener Schweinsteiger einem fitten, mit Spielpraxis ausgestatteten Akteur den Platz im EM-Kader wegnehmen.

Der Routinier soll in dieser Woche ins Lauftraining einsteigen, sein erstes potenzielles Mannschaftstraining wurde auf den 23. Mai terminiert. Sieben Tage später muss Löw seinen endgültigen Kader bekanntgeben. Ein Wettlauf mit der Zeit - mindestens. Nun ist die Bayern-Ikone erfahren genug, seine körperliche Verfassung am besten einschätzen zu können. Falscher Ehrgeiz wäre unangebracht.

Damit ist nicht gemeint, dass die DFB-Karriere hier ein jähes und ballack'sches Ende finden soll. Schweinsteiger kann mit seinem Alter locker noch zwei bis drei Jahre spielen, sodass - im Falle einer ansteigenden Formkurve - vielleicht sogar die WM 2018 in Frage kommt. Vorerst hat der "Leidwolf" allerdings ausgedient.

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