Debatte: Ist gegen Angstgegner Italien wieder Schluss?

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Noch nie konnte Deutschland bei einem großen Turnier gegen Italien gewinnen. Geht das DFB-Trauma auch 2016 weiter oder schreiben Löw und Co. Geschichte? Eine Debatte.

Acht Mal traf Deutschland bei einer WM oder EM auf Italien. Und kein einziges Mal verließ die DFB-Elf als Sieger den Platz. Am Samstag soll sich das ändern, wenn es im EM-Viertelfinale zum Duell der beiden Nationen kommt (21 Uhr im LIVE-TICKER).

Kann das DFB-Team den 54 Jahre alten Fluch endlich besiegen und den Angstgegner in die Schranken weisen oder setzt es auch beim zehnten Anlauf eine Niederlage? Zwei Redakteure, zwei Meinungen.

Angstgegner? Ein Hirngespinst

Von Niklas König

Von Angstgegner ist im Zusammenhang mit Italien immer die Rede. Aber was soll das eigentlich sein - ein Angstgegner? Laut Definition ein "Gegner, der jemandem nicht liegt, den jemand fürchtet." Nur kann doch bei aller Kreativität niemand glauben, dass gestandene Profis wie Manuel Neuer oder Thomas Müller auf dem Rasen auch nur eine Sekunde an die historische Bilanz gegen Italien denken. Das ist ein Hirngespinst.

Deutschland ist Weltmeister. Deutschland hat bei den großen Turnieren seit 2006 stets eine wichtige Rolle gespielt. Nahezu alle Spieler sind auch auf Vereinsebene erfolgreich, vor allem die vom FC Bayern München, viele sind Champions-League-Sieger. Und überhaupt: Wenn die Müllers und Neuers an Italien denken, dann werden sie sich erst einmal an den jüngsten 4:1-Testspielsieg Ende März in München erinnern. Und an die Aufeinandertreffen mit Juventus in der Königsklasse, auch da war der Ausgang positiv.

Der Respekt ist da, von einem Italien-Trauma kann aber nicht die Rede sein. Niemand im deutschen Lager fürchtet die Squadra Azzurra. Warum auch? Deutschland spielt bis dato ergebnistechnisch eine perfekte EM, hat noch immer kein Gegentor kassiert. Auf den meisten der elf Positionen ist das Team von Joachim Löw schlicht besser besetzt. Die italienischen Spieler mögen zwar älter sein, auf höchstem Niveau erfahrener sind aber die jüngeren Deutschen. 

Im Vorfeld werden Spieler und Verantwortliche zwar mit der Bilanz konfrontiert, das wird aber - wenn überhaupt - nur eine Folge haben: Einen Schuss Extra-Motivation. 

Italien hat gut gespielt, gegen Belgien und vor allem gegen Spanien. Jetzt allerdings ist die Mannschaft von Antonio Conte fällig. Deutschland ist reifer als 2012, selbstbewusster. Das wird Italien auf dem Rasen des Matmut Atlantique zu spüren bekommen. Diesmal orientiert sich die DFB-Auswahl nicht am Gegner, im Jahr 2016 gibt sie selbst den Ton an und diktiert das Geschehen auf dem Rasen. 

Die Müllers und Neuers haben genügend Erfahrungen gesammelt in den vergangenen Jahren, auch negative, das macht stärker und schweißt zusammen. Deutschland wird Italien in die Schranken weisen, dann hat es sich auch endgültig mit dem Hirngespinst Angstgegner erledigt.

"Opas" wollen "Endstazioni" 3.0

Von Maximilian Schmeckel

Die Bild schreibt dieser Tage von "Italien-Opas" und prophezeit der italienischen Nationalmannschaft, dass gegen das DFB-Team "Endstazioni" sein werde. Schlagzeilen dieser Art zeugen nicht nur von Unwissen, sie sind schlichtweg abenteuerlich. Denn was Italien bisher bei der EM gespielt hat, ist weltklasse. Und das, obwohl man nach den bitteren Ausfällen der Zentralspieler Marco Verratti und Claudio Marchisio umdisponieren musste.

Gegen die Spanier, wie Deutschland ein Team voller passstarker Weltklassespieler, zeigte die Squadra Azzurra, was in ihr steckt. Mit überragendem Verschieben, starkem Pressing und kaum zu verteidigenden Nadelstichen versetzten sie der Furia Roja den K.o. - und werden Ähnliches auch gegen die Löw-Elf zeigen.  

"Sie sind Weltmeister, sie müssen gewinnen. Wir sind eine Truppe von Hässlichen, Dreckskerlen und Bösewichten“, bringt es die Gazzetta dello Sport auf den Punkt. Gegen Spanien war die Startelf im Schnitt 30,4 Jahre alt. Die meisten haben hunderte von Spielen auf dem Buckel und alles erlebt und gesehen. Sie wissen, wie man Techniker wie Julian Draxler oder Mesut Özil aus dem Konzept bringt, ihnen die Lust am Spiel nimmt.

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Der Präsident des italienischen Fußball-Verbandes, Carlo Tavecchio, wagte sogar zu behaupten: "Deutschland, genau wie Spanien, erschreckt jeden, aber ich bin überzeugt, dass sie diejenigen sind, die jetzt zittern." An der zugegeben etwas vollmundigen Behauptung könnte was dran sein. Zwar zittert im deutschen Lager bestimmt keiner, Fakt ist aber, dass weder die Deutschen noch Italien die Spiele 2006 und vor allem 2012 vergessen haben. 

Sieben Deutsche, die das bittere 1:2 in Warschau von Beginn an auf dem Rasen miterlebten, werden voraussichtlich auch in Bordeaux in der Startelf stehen. Namentlich: Manuel Neuer, Jerome Boateng, Mats Hummels, Toni Kroos, Sami Khedira, Mesut Özil und Mario Gomez. Auf der Gegenseite sind es fünf Akteure, die damals wie heute Säulen des Teams bilden. Bundestrainer Joachim Löw erlebte sogar beide bittere Pleiten hautnah mit, 2006 als Co-Trainer, 2012 als Chef. 

Noch nie konnte Deutschland bei einem großen Turnier gegen Italien gewinnen. Das wird sich auch 2016 nicht ändern, das Italien-Trauma wird ein neues Kapitel erhalten. Und die übermütig vorausgesagte "Endstazioni" wird Realität werden. Nur eben für Deutschland. Dafür werden die "Italien-Opas" sorgen.

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