"Da bringt selbst das beste System nichts": Tedescos taktische Rolle rückwärts

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Ein Spiel, zwei Systemwechsel: Gegen den VfB Stuttgart änderte Schalkes Trainer Domenico Tedesco gleich zwei Mal die Formation – mit Erfolg.

HINTERGRUND

In der Partie zwischen dem FC Schalke 04 und dem VfB Stuttgart schauten in der 30. Spielminute alle ganz genau hin. Beim Zwischenstand von 1:0 für Königsblau reichte Trainer Domenico Tedesco Benjamin Stambouli einen Zettel. Der Franzose reagierte nach kurzem Blick sofort, rückte aus der Abwehrkette ins Mittelfeld, und gab das Papier an seine Mitspieler weiter.

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Wenige Minuten später wurde auch für die Zuschauer klar: Um die andauernde Stuttgarter Dominanz in der Veltins Arena zu brechen, stellte S04 vom angestammten 3-4-3-System auf 4-4-2 um. "Der VfB hatte viel Ballbesitz und wir kaum Zugriff aufs Spiel. Deswegen haben wir versucht, es mit einer taktischen Umstellung in den Griff zu bekommen", beschrieb auch Tedesco die Gründe der Änderung.

Doch was in der Theorie so simpel klingt, entpuppte sich auf dem Rasen als kompliziert. So machte es zeitweise den Anschein, als wären die Schalker Teil des Kinderspiels Stille Post, denn es war offensichtlich, dass nicht jeder auf Anhieb verstand, welche Rolle er im neuen System genau auszufüllen hat.

Neues System, alte Probleme

Dementsprechend wenig Wirkung zeigte die Maßnahme des Coaches. Statt mehr Zugriff auf die Ballstafetten der Schwaben (63 Prozent Ballbesitz im ersten Durchgang) zu bekommen, war eher das Gegenteil der Fall und die Gäste konnten weiter munter kombinieren und sich Chancen erspielen. Die Folge war der hochverdiente Ausgleich durch Chadrac Akolo kurz Minuten vor dem Seitenwechsel.

Nachdem es wenig später unter lauten Pfiffen in die Kabine ging, bekam die Schalker Mannschaft von ihrem Coach den Kopf gewaschen. "Die erste Halbzeit war absolut nicht zufriedenstellend. Das hat uns der Trainer in der Halbzeit unmissverständlich klargemacht", bestätigte Mittelfeldstratege Leon Goretzka nach Abpfiff.

So mangelte es im Spiel von Königsblau vor allem an der nötigen Einstellung. Anders als beim disziplinierten Heim-Auftritt gegen Vize-Meister RB Leipzig fehlten die nötige Aggressivität und der Wille, an die eigenen Grenzen zu gehen. "Wir sprechen viel über Systeme und Taktik", erklärte Goretzka. "Doch auch das beste System nützt nichts, wenn man die Grundtugenden nicht auf dem Platz bringt. Ist man nicht bereit in die Zweikämpfe zu gehen und zu laufen, bringt auch die klügste Taktik nichts – das hat der Trainer uns vor Augen geführt."

Rückbesinnung zeigt Erfolg

Neben der Rückbesinnung auf das ursprüngliche 3-4-3-System reagierte Tedesco etwas überraschend zusätzlich mit einem Doppelwechsel zur Pause und brachte Daniel Caligiuri und Guido Burgstaller für Torschützen Nabil Bentaleb und den blassen Max Meyer. Ein klares Zeichen an die Etablierten, das schon wenig später Wirkung zeigen sollte.

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Denn ähnlich wie es in der Pause in der S04-Kabine geknallt haben wird, knallte es wenig später auch im VfB-Strafraum. Innerhalb von zwei Minuten schlug es gleich doppelt im Kasten von Ex-Nationalkeeper Ron-Robert Zieler ein (47., 48.), womit die Knappen schnell für klare Verhältnisse sorgen konnten.

Anders als noch im ersten Durchgang, als Schalke ebenfalls ganz früh in Führung gegangen war, gaben die beiden Treffer diesmal die nötige Sicherheit, um die Partie nun ohne große Mühe zu Ende zu spielen. "Das Ausschlaggebende waren nicht die taktischen Änderungen und auch nicht der Rückwechsel", erklärte Tedesco die Leistungssteigerung nach der Pause. "Der Unterschied war, dass wir eine andere Mentalität und Aggressivität an den Tag gelegt haben. So standen wir in der zweiten Halbzeit auf jeder Position gefühlt sieben oder acht Meter weiter vorn und konnten mehr Druck erzeugen, sodass der VfB aufgehört hat, Fußball zu spielen."

Nach einem Spiel, in dem Defensivmann Stambouli drei verschiedene Positionen bekleiden musste, steht neben den drei Punkten auch ein wichtiger Lerneffekt – für Spieler und Trainer. Denn Tedesco hat beweisen, dass er es nicht scheut, auch unbequeme Änderungen vorzunehmen.Gleichzeitig musste er aber auch feststellen, dass längst nicht alles nach seinen Vorstellungen läuft – und manchmal auch das Zettelchen nichts bringt. 

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