Rebel United Cristiano LucarelliGetty Images, Footballco

Cristiano Lucarelli: Der rote Torjäger aus der Fankurve, der sein Gehalt kürzte für seinen Traum

Der Aufstieg von Cristiano Lucarelli zum Idol der Massen begann mit einem freiwilligen Abstieg. 

Jahrelang hatte Lucarelli Ende der 1990er- und Anfang des Jahrtausends darum gekämpft, endlich in einem Atemzug mit den ganz großen Torjägern und Mittelstürmern der Serie A genannt zu werden, mit Inters Ronaldo Fenomeno und Milans Andrij Schewtchenko, mit David Trezeguet von Juventus, Parmas Hernan Crespo und Adriano, mit Gabriel Batistuta von der Fiorentina und später der Roma, mit Filippo Inzaghi (Juventus und Milan), Christian Vieri (Juve, Lazio, Inter und Milan) usw. usf. 

Das Problem waren dabei im Übrigen nie die Tore, denn die haben in Cristiano Lucarellis Karriere nie gefehlt, 240 Tore als Profi können sich in der Tat sehen lassen; das Problem war, dass die Spitzenklubs der Serie A damals einfach nicht auf jemanden wie Lucarelli gewartet hatten. Auf einen Stürmer, der nichts Künstlerisches an sich hatte, der Fußball arbeitete und auch ein wenig so aussah, als ob er direkt von seiner Nachtschicht in den Docks zum Spiel gekommen war: mit einem Oberkörper gesegnet, fast so breit wie hoch, mit kräftigen Armen, noch kräftigen Beinen und wenig Hals unter einem Kopf voller Ideen und Prinzipien, von denen noch die Rede sein wird. 

Doch im Sommer 2003, Cristiano Lucarelli war 28 und spielte bereits für seinen siebten Profiverein, galt er in der Serie A als etablierter Stürmer. Zwar hatte auch er den Abstieg seines Klubs Torino Calcio nicht verhindern können, doch an Angeboten aus der Beletage mangelte es ihm in jenem Sommer nicht, genauso wenig wie aus dem Ausland. 


AS Livorno Calcio v AS Bari - Serie AGetty Images


Cristiano Lucarelli verzichtete auf 500.000 Euro, um in Livorno spielen zu können

Doch Lucarelli folgte stattdessen seinem Herzen. Ein Jahr vorher war die AS Livorno nach 30 langen Jahren, die der Klub zwischenzeitlich sogar im Amateurlager verbracht hatte, wieder in die Serie B aufgestiegen. 

Und Cristiano Lucarelli, der von seinem Vater, einem Hafenarbeiter, die Liebe zur Arbeiterbewegung und zum AS Livorno eingeimpft bekommen hatte, der seine Jugend auf den Tribünen des Stadio Armando Picchi verbracht hatte, Livorno durch die dunklen Jahre der Unterklassigkeit begleitet hatte und auf seinem Unterarm das Vereinswappen seines Klubs tätowiert hat, erfüllte seinem Vater, sich selbst und einer ganzen Stadt den größten Wunsch: Cristiano Lucarelli wechselte zum kleinen AS Livorno in die Serie B. Er wählte die Trikotnummer 99, Geburtsjahr seines ältesten Sohnes Mattia und vor allem: das Gründungsjahr der Brigate Autonome Livornesi, der wohl linkesten Ultragruppierung jener Jahre, Kämpfer gegen Rassismus, Faschismus und Gegner von Silvio Berlusconi, dem Milan-Patron und mehrmaligen italienischen Ministerpräsidenten. Lucarelli, man ahnt es, war nicht nur ein zuverlässiger Goleador, Lucarelli war Kommunist. Und das mindestens so lang, wie er Fan von Livorno war, “seit Geburt”, um genau zu sein, wie er selbst sagt. 

Livorno konnte ihm nur 500.000 Euro netto weniger zahlen, als das, was er zuletzt in Turin verdient hatte. Doch Lucarelli, der einen Teil seines Gehalts ohnehin immer an karitative Einrichtungen und soziale Zentren gespendet hatte, verzichtete gern. “Es gibt Spieler, die sich einen Ferrari oder eine Yacht kaufen. Ich habe mir mit dem Geld einfach das Trikot von Livorno gekauft. Das ist alles”, schrieb er später in seinem Buch “Tenetevi il milliardo” (Behaltet die Milliarde), was zwar übertrieben klingt, aber in jenen Jahren, kurz nach der Einführung des Euro, rechneten viele Italiener noch mit den alten Lire und 500.000 Euro waren eben 1 Milliarde Lire. 

Das Buch wurde später übrigens Pflichtlektüre in den weiterführenden Schulen Livornos, quasi um die Jugend von ihrer Konsumsucht rauszukriegen. Ein Fußballer als moralische Instanz. Das allein war schon eine Sensation. 

Giorgio Chiellini, Igor Protti und Cristiano Lucarelli führen Livorno in die Serie A

Doch was nach Lucarellis freiwilligem Abstieg in die Serie B folgte, war eine Sensation hoch zehn: Die AS Livorno eroberte in jener Saison die Serie B im Sturm. Hinten verteidigte ein sehr junger und aus dem benachbarten Pisa stammender Innenverteidiger namens Giorgio Chiellini alles weg, vorne erzielten Lucarelli und sein kongenialer und ebenfalls aus Livorno stammender Sturmparner Igor Protti gemeinsam 53 der 75 Tore der Mannschaft, am Ende reichten Lucarellis 29 Treffer nur deswegen nicht für die Trophäe des Torschützenkönigs, weil einem gewissen Luca Toni von Palermo 30 Tore gelangen. 

Lucarelli war es egal, denn am Ende der Saison 2003/2004 kehrte die AS Livorno zum ersten Mal nach 55 Jahren wieder in die Serie A zurück. Es war eine Saison wie ein Traum und in einem Fußball, der damals schon ziemlich durchkommerzialisiert war, hatten Lucarelli und Livorno den fußballromantischen Kontrapunkt gesetzt. Der rote Torjäger aus der Kurve als Held seiner Leute, ein Klub als roter Stachel im Fleisch des Establishments. 

Torschützenkönig wurde Lucarelli dann ein Jahr drauf: Auch dank seiner 24 Tore beendete Livorno seine erste Saison nach dem Abstieg auf Platz neun.


SV Pasching's defender Michael Baur (R)Getty Images


Cristiano Lucarelli: Ein T-Shirt mit Che Guevara änderte alles

Da konnte dann auch Marcello Lippi nicht mehr anders: Am 8. Juni 2005 feierte Cristiano Lucarelli wenige Monate vor seinem 30. Geburtstag sein Debüt für die Squadra Azzurra und rettete Italien zwei Minuten vor Schluss ein 1:1 gegen Serbien. Drei Tage später durfe er noch mal 45 Minuten gegen Ecuador spielen, dann hatte Lippi offensichtlich genug gesehen. Obwohl Lucarelli auch in der Saison 2005/2006 wieder regelmäßig traf, seine 19 Tore übertraf als einziger Italiener wieder nur Luca Toni, und Livorno sich als Fünfter sogar für den Europacup qualifizierte, durfte Lucarelli nicht mit zur triumphalen WM 2006 in Deutschland, zu den unvergessenen Helden von Berlin durften sich andere Underdogs krönen.   

Denn da war ja noch die andere Sache. Lucarelli war nicht nur der Kommunist, der seine Tore den Arbeitern und einfachen Leuten widmete und freiwillig auf Geld verzichtete, um seinen Leuten nah zu sein. Lucarelli galt schon lange als unbequemer Rebell. Dieses Image nagt seit ihm, seit er 20 Jahre alt ist und er sagt, er habe nie ein Rebell sein wollen.  Lucarelli hatte sein erstes Spiel als Profi in seinem Stadion Armando Picchi am 27. März 1997 gemacht, bei einem Spiel der italienischen U21-Nationalmannschaft gegen Moldau. Seinen Freunden aus der Nordkurve hatte der stolze Lucarelli  versprochen, ihnen auf dem Rasen einen Gruß zu schicken, sollte er ein Tor erzielen. Die Ultras hatten ihm vor dem Spiel ein T-Shirt in die Hand gedrückt, Lucarelli zog es unter das Trikot der Azzurrini. In der 63. Minute passierte endlich das, worauf das ganze Stadion gewartet hatte: Francesco Totti löffelt den Ball in den Strafraum, kurzer Antritt Lucarelli im Strafraum, gewaltiger Schuss mit rechts, noch ehe der Ball im Tor ist, dreht Lucarelli leicht ab, springt auf die Werbebande vor der Nordkurve und hebt sein Trikot. 


Es war nur das Tor zum 5:0 in einem einseitigen 6:0 Italiens gegen Moldau in der Qualifikation zur U21-EM, und doch verkomplizierte es Lucarellis Karriere außerhalb Livornos für immer. Auf dem T-Shirt, das ihm die Ultras gegeben hatten, standen nicht nur die Sätze “Il Livorno è una fede. Gli ultras i suoi profeti” (Livorno ist ein Glauben, die Ultras sind seine Propheten), sondern vor allem prangte darauf das ikonische Bild des kubanisch-argentinischen Revolutionsführers Che Guevara. In Livorno wurde 1921 die Kommunistische Partei Italiens gegründet, bis heute wählen die Menschen in der toskanischen Hafenstadt mehrheitlich links der Mitte. Und doch sollte das T-Shirt mit Che Guevara an jenem Abend keine politische Willensbekundung Lucarellis sein, er wollte sein Tor seinen Freunden aus der Kurve widmen, mehr nicht. Doch ab da war er der Rebell. Der Profi gewordene Ultra, der linke Aktivist im Trikot. Die Fans seines damaligen Klubs Padova, eher rechts gerichtet, pfiffen ihren Torjäger fortan aus, die großen Klubs verschmähten ihn, die Nationalmannschaft rief ihn nicht. “Ich habe meine Prinzipien, Che Guevara war eine Inspiration für mich, mit seinen Ideen der Gleichheit, Solidarität und seinem Gerechtigkeitssinn. Aber ich war nie militant. Es ist nicht so, dass ich auch nur ein Mal zu einer Demo gegangen wäre statt zum Training, aber das ist die Erzählung über mich”, sagte Lucarelli einmal in einem Interview mit dem Corriere della Sera

Livorno und Lucarelli retteten den Calcio nicht

Aber natürlich gab Lucarelli den Kritikern auch genug Nahrung: Als sich rund 150 linke Ultras Livornos einmal mit den rechten Fans von Lazio Rom schlugen und in Gewahrsam landeten, zahlte er aus eigener Tasche ein paar Reisebusse, um die Jungs aus Livorno wieder nach Hause zu bringen; eine Zeitlang feierte Lucarelli seine Tore mit der hochgereckten Faust, dem kommunistischen Gruß, was ihm eine Strafe von 30.000 Euro vom italienischen Fußballverband einbrachte - übrigens dreimal so viel wie der erklärte rechte Lazio-Spieler Paolo di Canio für das Zeigen des so genannten römischen Grußes, in Deutschland eher als Hitlergruß bekannt, zahlen musste. Er traf sich mit der Tochter von Che Guavara und organisierte ein sommerliches Freundschaftsspiel auf Kuba. Und natürlich prangerte er, der sich einmal selbst das Gehalt um 100.000 Euro gekürzt hatte, als er fand, dass er gerade nicht genug Leistung brachte, die Konsumsucht seiner Kollegen an. Und er befand am Ende seines Buches, ganz unbescheiden: "Livorno ist nicht nur irgendeine Mannschaft, sondern eine der Kräfte, die den Fußball in Italien retten werden." Denn der Calcio, so erklärte Lucarelli es immer wieder zu jeder Gelegenheit, sei in einem erbärmlichen Zustand, würde man für die Fans vor die Stadien Meckerkästen aufhängen, sie würden überquellen.

Diese Einschätzung war sicher nicht ganz falsch. Die Serie A kämpfte in jenen Jahren schon gegen den Bedeutungsverlust, die absolut galaktischen Dream Teams wurden von Real Madrid und FC Barcelona gebaut, die Premier League nahm außerdem schon Anlauf, um an allen vorbeizuspringen. In der Serie A gingen Klubs wie die Fiorentina, Napoli, Parma oder Turin dagegen pleite, die Liga hatte mit Gewalt in den maroden Stadien, mit Wett- und Manipulationsskandalen zu kämpfen, zudem verurteilte ein Gericht frühere Mannschaftsärzte von Juventus Turin wegen systematischen Dopings der Spieler Ende der 1990er-Jahre. Die Probleme waren da und sie waren nicht zu übersehen, so sehr die alten Patrons über Liga und Klubs sie auch leugnen und sich der Realität verweigerten. Lucarelli und Livorno galten da als lästige Nestbeschmutzer. 


AS Livorno Calcio v AS Roma - Serie AGetty Images


2007 sagte Lucarelli doch "Her mit den Millionen"

Doch den Calcio gerettet haben sie natürlich nicht. Im Sommer 2007 zerstritt sich Lucarelli mit Livornos Präsident und er sagte dann doch “Her mit den Millionen", der Stümer wechselte zu Schachtar Donezk in die Ukraine. Lucarelli war endlich in der Champions League angekommen, könnte sagen, wer es gut mit ihm meint. Er habe für vier Millionen Euro Jahresgehalt netto seine Seele verkauft, sagten seine Jungs von der Curva Nord. Ja, das Geld habe durchaus eine Rolle gespielt, gab Lucarelli zu, allerdings wolle er seine Stadt und seine Leute daran beteiligen, beteuerte er - und gründete eine Zeitung. Am 9. September 2007, neun Tage vor seinem ersten Spiel (und erstem Tor) in der Champions League, erschien der Corriere di Livorno zum ersten Mal. Lucarelli war Hauptaktionär und Verleger, zwei Millionen Euro steckte er in das Projekt, in dem er denen eine Stimme geben, die sonst nicht gehört werden und außerdem ein paar Jobs schaffen wollte.     

Mittlerweile Trainer in der vierten Liga

In der Ukraine hielt es Lucarelli derweil nur ein halbes Jahr aus, im Winter ging er nach Parma, beim Auswärtsspiel in Livorno pfiffen die Fans in der Curva Nord den Neu-Verleger gnadenlos aus. 

Nach drei Jahren war Schluss mit der Zeitung, die Werbekunden blieben aus, auch die Auflage war eher enttäuschend, Livorno stieg im Sommer 2008 als Tabellenletzter ab, dann wieder auf, dann wieder ab und ist heute nach einem Verkauf, einer Pleite, dem Absturz ins Amateurlager wieder in die Serie C aufgestiegen, in die dritthöchste italienischen Spielklasse.  

Cristiano Lucarelli spielte noch bis 2012 weiter, kurz sogar noch mal in Livorno, wo seine zehn Tore in 28 Spielen aber auch nicht den endgültigen Abstieg aus der Serie A verhindern konnten. Dann wurde er Trainer, kurz sogar auch in Livorno, als der Klub kurz mal wieder in die Serie B aufgestiegen war. Doch es war nicht mehr dasselbe, die Geschichte des Kommunisten aus der Kurve, der Tore für seine Leute schoss, war auserzählt. Nach zahlreichen Stationen bei mittel- und süditalienischen Klubs aus der dritten und zweiten Liga ist Cristiano Lucarelli seit dem 26. Dezember 2025 in Pistoia tätig. Industrie- und Arbeiterstadt in der Toskana, vierte Liga, zuletzt 1981 in der Serie A.  


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