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BVB-Star Axel Witsel und Nacer Chadli: Wie zwei beste Freunde aus dem Plattenbau zu CL-Stars wurden

15:00 MESZ 03.10.18
Witsel Chadli
Von frühester Kindheit an sind Witsel und Chadli beste Freunde. Ihr Aufeinandertreffen in Dortmund am Mittwoch wird zur Reise in die Vergangenheit.

HINTERGRUND

Wie betäubt stieg Nacer Chadli in der Rue de Vise in den Bus Nummer zwei. In den Ohren Kopfhörer, Rapmusik mit viel Bass, so wie er es liebte. Ein schlaksiger 15-Jähriger mit schmalen Schultern und ernstem Blick. Zwölf Stationen zum Bahnhof. Dort der Umstieg in den Bus Nummer 140 und nochmal 13 Stationen bis ins Lütticher Viertel Droixhe. Graue, triste Plattenbauten, Graffitis, die Dealer an der Ecke, auf einem kleinen Spielplatz Kinder mit einem Ball.

Chadli stieg in den Aufzug, fuhr nach oben, in die Wohnung seiner Eltern. Äußerlich war er ganz ruhig, innerlich aber zerriss es ihn fast vor Enttäuschung und Wut. Seine Entwicklung habe stagniert, der Weg bei Standard Lüttich sei für ihn hier zu Ende, hatten sie ihm in der Robert-Louis-Dreyfus-Akademie gesagt.

Später saß er einfach nur da, sein bester Freund neben ihm. Beide fanden keine Worte. Wie auch, war der Kumpel mit den Locken doch nicht nur Mitspieler bei Standard, sondern dort auch Kapitän. Einer, von dem die Trainer sagten, er sei etwas ganz Besonderes. Dem eine Zukunft bei einem der ganz Großen prophezeit wurde. Real Madrid. Oder Manchester United. Der Name des 16-jährigen Freundes, der damals, im Jahr 2005, neben Chadli saß, lautete Axel Witsel.

Witsel und Chadli: Beste Freunde und Träume von Zidane

Beide waren zusammen in Droixhe aufgewachsen, einem harten Viertel, in dem vor allem Migranten lebten. Schlagzeilen machte Droixhe nur mit Raubüberfällen und mit der missratenen Bauplanung der Stadt. Axel und Nacer, Nacer und Axel. Alle in den kastenförmigen Gebäuden kannten die beiden Jungs nur als Gespann. "Sie waren immer zusammen", erzählt Chadlis Mutter Fatima Chelki, die noch immer in dem Haus lebt, in dem Nacer aufgewachsen ist, im Gespräch mit Sudinfo .

Sie fingen jung bei Standard an. Beinahe jeden Tag den gleichen Weg zum Training. Mit dem Bus zwei und dem Bus 140, von Tür zu Tür etwas über 60 Minuten. Die beiden Jungs kickten immer und überall. "Ich musste sie immer ermahnen, dass sie zum Fußballspielen rausgehen sollen", sagt Chadlis Vater Ramdan. Beide träumten von großen Erfolgen, von Real Madrid, wo Zinedine Zidane spielte, den beide bewunderten. Oder von der Bundesliga, wo Emile Mpenza für den HSV auflief. Und natürlich vom Nationaltrikot. Von der Teilnahme an einer WM mit Belgien.

Chadli fliegt raus, Witsel wird zum Nationalspieler

Und plötzlich, im Frühsommer 2005, zerplatzte der große Traum, für den Nacer seit Jahren arbeitete in einem einzigen Gespräch. Denn das Aus bei Lüttich bedeutete auch: Er würde es nie zu einem großen Klub schaffen. Während für Witsel schon jetzt, er war noch nicht einmal volljährig, Klubs aus England anriefen, musste Chadli gehen. Für seine Größe zu durchsetzungsschwach, zu schmächtig, zu wenig Torgefahr, so die Begründung. Wie hunderte andere Freundschaften in den Jugendmannschaften dieser Welt wurde die der beiden Jungs aus dem Vorort auf eine harte Probe gestellt.

WM 2018: Die meisten erfolgreichen Pässe

Denn nur wenige Monate nach den ausgelassenen Träumereien trennten die beiden plötzlich 30 Kilometer und nicht mehr nur wenige Schritte und zwei Treppen. Chadli hatte bei MVV Maastricht angeheuert, einem niederländischen Zweitligisten, der anders als Lüttich nicht gerade für herausragende Jugendarbeit bekannt ist. Er hatte den Traum vom Profifußball und dem großen Geld längst aufgegeben. Er wollte einfach nur Fußball spielen, weshalb er 2007, einige Wochen vor seinem 18. Geburtstag, zu AGOW Appeldoorn wechselte.

Wenige Monate bevor Witsel sich den immer gemeinsam geträumten Traum erfüllte und in der belgischen Nationalmannschaft debütierte, unterschrieb Chadli in Gelderland einen Vertrag mit einem Gehalt, das eher als Aufwandsentschädigung zu verstehen war.

Chadli in Appeldoorn an der Seite von Dries Mertens

Bei Appeldoorn aber blühte Chadli auf. An der Seite des heutigen Napoli-Stars Dries Mertens zeigte er, was er drauf hatte, immer gefördert von Trainer und Vaterfigur John van den Brom. Es war großes Glück, dass Chadli bei Appeldoorn nicht auf einen konservativen Trainer traf, der den Abstieg in die dritte Liga mit Härte bewerkstelligen wollte, sondern auf einen 40-Jährigen, der frisch von Ajax Amsterdams zweiter Mannschaft gekommen war, dort Spieler wie Daley Blind, Jan Vertonghen oder Thomas Vermaelen trainiert und Erfahrung mit verunsicherten Talenten hatte.

"Van den Brom hat sich sehr um Nacer gekümmert. Ich weiß sogar, dass er manchmal bei ihm und seiner Frau zum Abendessen war", erzählt Vater Ramdan. Van den Brom sah, dass er mit Mertens und Chadli zwei Ausnahmespieler hatte. Zwei junge, verlorene Akteure, gestrandet in der 2. niederländischen Liga. Er redete viel mit ihnen, baute sie auf, sprach aber auch Defizite klar an. Heute nennen ihn beide in einem Atemzug mit Trainern wie Maurizio Sarri oder Mauricio Pochettino.


Axel Witsel eilte indes von einem Erfolg zu anderem. Er wurde zum besten jungen Spieler der Liga gewählt, war Nationalspieler und ein Mann, dem die Welt zu Füßen lag. Es ist nicht übertrieben, zu behaupten, dass nahezu jeder Top-Klub der Welt in verpflichten wollten. Ihn, diesen dynamischen Sechser, technisch stark, ballsicher, torgefährlich - und das obwohl im nach einem heftigen Foul, bei dem er Anderlecht-Verteidiger Wasilewski das Bein brach, heftiger Gegenwind entgegen schlug . Der heutige Star von Borussia Dortmund wechselte 2011 aber lieber zu Benfica, wollte in Portugal den nächsten Schritt machen. 

Chadli, von van den Brom als oft nach innen ziehender Linksaußen eingesetzt, wechselte indes ein Jahr zuvor nach herausragenden Leistungen zu Twente Enschede. Dort entwickelte er sich in drei Jahren zu einem der besten Spieler der Eredivisie, genau wie Mertens, der 2011 zu PSV Eindhoven weitergezogen war. Beide wechselten im Jahr 2013 schließlich zu einem Top-Klub, Chadli nach 66 Scorerpunkten für Twente für acht Millionen Euro zu Tottenham, Mertens für knapp zehn Millionen zu Neapel.

WM, England, Russland und China

Chadli hatte sein Glück gefunden, sein ganz großer Traum aber ging schon im Jahr 2011 in Gent in Erfüllung. An einem eiskalten Februarabend traf Belgien auf Finnland. Chadli war zum ersten Mal dabei, stand gleich in der Startelf. Mit ihm: Axel Witsel, sein bester Freund aus Jugendtagen.

Gemeinsam fuhren sie zur WM 2014 nach Brasilien, WItsel als Stammkraft, Chadli nur Joker, aber dennoch: Letztlich hatten es beide geschafft, ihren gemeinsam geträumten Kindheitstraum zu erfüllen. Und auch aus dem traurigen Jungen im Bus Nummer 140 war ein Fußballstar geworden, dessen Poster in den Zimmern seines Viertels hingen. 

Chadli verletzte sich, konnte sich bei Tottenham nicht durchsetzen und wechselte zu West Brom, wo er weiter starke Leistungen zeigte. Witsel spielte mittlerweile bei Zenit. Einige warfen ihm vor, er schaue nur aufs Geld, er selbst antwortete mit Titeln, drei an der Zahl holte er in St. Petersburg. Es kam die Saison 2017/18, Witsel wechselte nach China, Chadli war meist verletzt.

Letzterer hatte deshalb viel Zeit, zu reflektieren. Er sah sich oft Motivationsvideos an, las viel über Mentaltraining, dachte über sein Leben nach, intensivierte sein Engagement für die Gesellschaft. 2014 hatte er nackt für die Cosmopolitan posiert, um auf Hodenkrebs aufmerksam zu machen, nun, mit 28, spendete er lieber Geld. Ausgeruht und mental gestärkt ging es zu seiner zweiten WM. 

Chadli und Witsel werden in Russland zu Helden

In Russland spielte Chadli gegen Panama und Tunesien nur eine Minute, durfte gegen England in Belgiens B-Team ran. Es kam das Spiel gegen Japan. Chadli wurde in der 65. Minute eingewechselt, da lag Belgien mit 0:2 hinten. Hazard und Fellaini glichen aus, in der vierten Minute der Nachspielzeit schickte De Bruyne nach einem Konter Thomas Meunier, der nach innen passte, Chadli war zur Stelle und schoss Belgien ins Glück.

Später sprach er strahlend vom "schönsten Moment" seiner Karriere. Umso märchenhafter, dass er ihn an der Seite von Kumpel Witsel erlebte, der das ganze Turniere Stammspieler war, wie in der Jugend ein wenig vor Chadli. Gegen Brasilien (2:1) belohnte Martinez Chadli dann mit der Startelf. Auf die Bank musste Mertens, ausgerechnet der Kumpel aus Appeldoorn-Tagen. Bei der WM war erst im Halbfinale gegen Frankreich Schluss, beide hatten in der Startelf gestanden. Gegen England holte man Platz drei, das ganze Land feierte. 

Nach dem Turnier wechselten die beiden besten Freunde ihre Vereine: Chadli ging zur AS Monaco, Witsel zu Borussia Dortmund. Am Mittwochabend treffen die beiden in der Champions League aufeinander (21 Uhr im LIVE-TICKER ). Viel Zeit ist seit den Tagen in Droixhe vergangen, Chadli ist inzwischen Witsels Trauzeuge, beide haben viel erlebt. Viele Tiefen und noch mehr Höhen. Nur eines war während all der Jahre gleich: Egal wie viele Kilometer zwischen ihnen lagen, gab es da immer Axel und Nacer, Nacer und Axel.