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Bert Trautmann, der Feind in unserem Tor: Wie ein verhasster Deutscher bei Manchester City zur Legende wurde

10:15 MEZ 29.03.19
***ONLY GER*** Trautmann ManCity
Zwischen 1949 und 1964 hütete Bert Trautmann das ManCity-Tor. Über einen Mann, der als Feind kam und zum größten Helden der Klubgeschichte avancierte.

HINTERGRUND

Etihad Stadium zu Manchester, am 19. August 2013: Die Fans des hiesigen Spitzenklubs City freuen sich darauf, dass die neue Saison endlich startet, jubeln ihren Idolen zu, als diese den saftig grünen Rasen betreten. An diesem Tag ist die Vorfreude allerdings gedämpft. Die Spieler der Citizens laufen kollektiv in Torwarttrikots ein. Die Farbe des Shirts unterscheidet sich nur marginal von der des perfekt gemähten Geläufs. Giftgrün statt des traditionellen Himmelblaus, zumindest im Rahmen des Aufwärmprogramms vor der Begegnung mit Newcastle United.

Auf dem Rücken aller Protagonisten prangt die Nummer 1, darüber ein Name, der in der englischen Industriestadt jahrzehntelang allgegenwärtig war – und es bis heute ist: Trautmann. Genau einen Monat zuvor war der ehemalige City-Keeper in Spanien verstorben. Die Schweigeminute ist emotional, auf der riesigen Videotafel leuchtet ein Schwarz-Weiß-Bild auf, viele Fans haben alte Fotografien aus den 1950er Jahren mitgebracht, die Trautmann bei spektakulären Paraden zeigen. Bilder, die an einen Menschen erinnern, der als verhasster deutscher Soldat kam und in Manchester - allerspätestens, nachdem er das FA-Cup-Finale gegen Birmingham mit gebrochenem Genick zu Ende spielte -, zu einer der größten Torwartikonen aller Zeiten reifte.

Das bewegte Leben eines Fußballers, das es dank des Regisseurs Marcus Rosenmüller nun auf die Kinoleinwand geschafft hat. Goal und SPOX haben sich mit ihm getroffen, um mehr zu erfahren, um detaillierte Einblicke in Trautmanns Vergangenheit als Wehrmachtsoldat, seine Zeit im englischen Kriegsgefangenenlager und den Weg zur Legende zu bekommen. "Ich habe vor zehn Jahren zum ersten Mal von der Geschichte gehört", sagt Rosenmüller, der am Tag der Filmpremiere auf einer karobemusterten Hotelzimmer-Couch im Münchner Glockenbachviertel Platz genommen hat. "Mein Freund Robert Marciniak hat mir die Biografie in die Hand gedrückt. Dann habe ich darin sofort etwas gesehen. Wir haben Kontakt zu Bert Trautmann aufgenommen. Er war beeindruckt, dass wir nicht nur seinen Genickbruch thematisieren, sondern mehr daraus machen wollten. 2009 besuchten wir ihn dann in Valencia (Trautmanns Wahlheimat, Anm. d. Red.)."

Trautmann-Regisseur Marcus Rosenmüller: "Plötzlich haben sie sich an der Front wiedergefunden"

Eine Woche lang begleitete Rosenmüller den gebürtigen Bremer in Spanien, führte unzählige Gespräche. "Aufgrund seiner sportlichen Begabung kam er schon früh mit der Hitlerjugend in Kontakt und wurde dort einer Gehirnwäsche unterzogen", erzählt der Filmemacher. "Man muss sagen, dass die Nazis das damals gleichermaßen clever und perfide gemacht haben. Sie haben den Kindern etwas geboten, das Spaß macht: Natur, draußen sein, Sport. Dass sie nebenbei ein Feindbild vermittelt bekamen, haben die Kinder nicht verstanden. Plötzlich haben sie sich an der Front wiedergefunden." Mit dem Fußballspielen begann Trautmann im Alter von acht Jahren bei TuRa Bremen, ehe er dem Jungvolk, der Jugendorganisation der Hitlerjugend, beitrat.

Der Junge erwies sich als äußerst sportlich und damit extrem "wertvoll" für die Nationalsozialisten, gewann diverse Reichsjugendwettkämpfe im Leichtathletikbereich, zu seinen Paradedisziplinen zählten Weitsprung und Sprint. Bei den Reichsjugendspielen im Berliner Olympiastadion belegte er den zweiten Platz. Während seiner Zeit bei der Hitlerjugend absolvierte Trautmann ein so genanntes Landjahr, in dem er gemeinsam mit anderen von der NSDAP für talentiert und privilegiert befundenen Jugendlichen auf einem Bauernhof nahe der tschechoslowakischen Grenze half und sich sportlich betätigen sollte. Als 17-Jähriger meldete sich der Hanseat freiwillig für die deutsche Luftwaffe und machte eine Ausbildung zum Funker, die ihn allerdings nicht ausfüllen sollte. 1941 wurde er in der Sowjetunion, genauer gesagt in der Ukraine, unweit der Großstadt Schitomir, eingesetzt.

Die Zeit in Osteuropa spielt auch im Film eine wichtige Rolle: Der Boden ist vom Regen aufgeweicht, einzelne kleine Wasserpfützen verwandeln den Untergrund in eine dunkelbraune Matschlandschaft. Drei Soldaten der Wehrmacht spielen Fußball, kicken das schwere, runde Leder hin und her. Das Spielgerät gehört offensichtlich einem kleinen Jungen, der das Treiben gemeinsam mit seinen Eltern beobachtet, er unterhält sich auf Ukrainisch mit ihnen. Einer der Soldaten zitiert ihn zu sich, händigt ihm sein Eigentum aus und lässt ihn ziehen.

Die Filmcrew (v.l.n.r.): John Henshaw (John Friar), David Kross (Bert Trautmann), Freya Mavor (Margaret Friar), Marcus Rosenmüller (Regisseur)

Als der Kleine dem Wehrmachts-Trio den Rücken zudreht und zu seinen Eltern zurückkehren will, zückt einer der Armeeangehörigen seine Pistole, zielt und erschießt das unschuldige Kind, während Hauptdarsteller David Kross, der Trautmann verkörpert, erschüttert dabei zusieht, sichtbar schockiert kein einziges Wort hervorbringt. Hämisch grinsend steckt der Schütze seine Mordwaffe zurück in den Halfter. Eine im Film immer wiederkehrende Szene, die große Betroffenheit beim Zuschauer auslöst, aufwühlt, Wut ob der Kaltblütigkeit hinterlässt – und die Frage aufwirft: Warum schreitet Trautmann nicht ein, sondern lässt eine derartige Gräueltat widerstandslos geschehen?

"Sie wussten, wenn sie einschreiten, werden sie ebenfalls erschossen"

Tatsächlich steht die Szene sinnbildlich für den inneren Kampf, den Trautmann während seiner Zeit als Soldat mit sich selbst austrug. "Er hat immer wieder gesagt, dass er keine Wahl hatte", erinnert sich Regisseur Rosenmüller. "Trautmann hat erzählt, dass er mit einem Kameraden in der Ukraine untergebracht war. Die beiden haben schon fast geschlafen, als sie plötzlich Schüsse hörten. Dann sind sie durch den Wald gegangen und kamen an einer Lichtung an. Dort wurden Juden erschossen. Sie wollten etwas sagen, hatten aber Angst. Sie wussten, wenn sie einschreiten, werden sie ebenfalls erschossen. Dieses Dilemma wollte ich zum Ausdruck bringen. Es soll zeigen, dass der Großteil der Deutschen nicht mehr in der Lage war, einzugreifen. Sie haben zugelassen, dass sich die Gesellschaft derartig verändert." 

Im Anschluss an seine Zeit in der Ukraine ließ Trautmann sich zum Fallschirmjäger in Berlin ausbilden, war in den folgenden Jahren unter anderem in Frankreich stationiert. Im Februar 1945, also kurz vor Kriegsende und Zerschlagung des Terror-Regimes, überlebte er ein großflächig angelegtes Bombardement der Alliierten auf die Stadt Kleve am Niederrhein, um anderthalb Monate darauf in einer Scheune von gegnerischen Streitkräften gefangen genommen zu werden. Den Überlieferungen zufolge soll der britische Soldat, der den damals 21-Jährigen in Gewahrsam nahm, ihn mit den Worten "Hello Fritz, fancy a cup of tea?" – "Hallo Fritz, wie wäre es mit einer Tasse Tee", begrüßt haben.

Fußball im Gefangenenlager und Entnazifizierung

Die Engländer überführten Trautmann und weitere deutsche Kriegsgefangene ins Lager POW Camp 50, das zwischen St. Helens und Wigan lag. 2010, drei Jahre vor seinem Tod, sprach Trautmann mit dem Fußballmagazin 11Freunde über die ersten Tage auf der Insel: "Wir sind von den Engländern sehr gut behandelt worden. Wir haben das gleiche Essen bekommen wie die Dorfbewohner, denen es auch nicht gutging. Am Feind wurde nicht gespart. Das hat mich beeindruckt." Im Camp 50 begab sich der begeisterte Fußballer, der in seiner Jugend als Flügelspieler eingesetzt wurde, erstmals zwischen die Pfosten – und stellte sich schnell als überdurchschnittliches Talent heraus. "Wir hatten eine respektable Truppe. Karl Kraus hat später für Schalke gespielt, Günther Lühr in Bremerhaven. Der Fußball war eine wichtige Ablenkung. Ich freute mich den ganzen Tag aufs Spielen", ließ Trautmann sein Dasein als Gefangener weiter Revue passieren.     

Wenn die Insassen einmal nicht dem runden Leder hinterherjagten, mussten sie sich einem Entnazifizierungsprogramm unterziehen, bekamen die schrecklichen Bilder aus den Konzentrationslagern vorgesetzt. Leichenberge, Menschen, die dem Hungertod nahe waren. Eine Maßnahme, die allerdings nicht jeden zum Umdenken bewegte, weiß Rosenmüller: "Die große Problematik für die englischen Soldaten in den Gefangenenlagern bestand darin, dass es Deutsche gab, die immer noch ans Dritte Reich geglaubt haben. Andere haben sich plötzlich gefragt: 'Wo bin ich da mitgerannt?' Zudem gab es Leute, die von Hause aus Sozialdemokraten beziehungsweise Hitlergegner waren. Es gab verschiedene Denkweisen. Niemand wusste so recht, wer was gewusst hat, weil auch kaum jemand darüber reden wollte."

Nach und nach wurden seine einstigen Kameraden zurück nach Deutschland geschickt. Trautmann fühlte sich in England aber so wohl, dass er sich dazu entschloss, zu bleiben. Er arbeitete zunächst auf einem Bauernhof in Milnthorpe, danach bei der Kampfmittelbeseitigung in Huyton. Sein Hauptaugenmerk richtete Bert, wie der gebürtige Bernhard aufgrund seines schwer auszusprechenden Namens von den Engländern genannt wurde, aber auf den Sport.

St. Helens' Presse überschlägt sich vor Lob

Trautmann heuerte beim Amateurklub St. Helens Town FC als Torwart an und war schon bald Gesprächsthema Nummer eins im Dunstkreis der Kleinstadt. Auch die Presse bekam Wind davon, dass dort in der englischen Provinz ein Deutscher, ein "Kraut", die Zuschauer mit seinen unglaublichen Sprüngen, Abstößen und Würfen beeindruckte. "Die Art, wie er den Ball aus der Luft schnappte, war unglaublich und sein Hechten war ziemlich spektakulär", schrieb das St. Helens Newspaper beispielsweise nach einer abermaligen Glanzleistung. Nach einem Heimaturlaub 1949, als er erstmals seit seiner Gefangennahme nach Bremen reiste, lernte er Margaret Friar (im Film gespielt von der schottischen Nachwuchsschauspielerin Freya Mavor), die Tochter des Vereinsdirektors Jack, kennen. Die beiden heirateten nur ein Jahr später.

Längst waren größere Klubs aus England auf Trautmann aufmerksam geworden, dessen Vertragsverlängerung in St. Helens zuvor für Jubelarien und zahlreiche Artikel der ortsansässigen Zeitungen geführt hatte. "Der Verein wusste vor meiner zweiten Saison, dass ich nicht zu halten war. Es gab Anfragen von Arsenal, Tottenham, Everton, Manchester United und City. Das finanziell beste Angebot hatte ich allerdings aus Burnley", verriet Trautmann 11Freunde und schilderte, wie es letztlich doch zum Wechsel zu den Skyblues aus Manchester kam: "Die City-Verantwortlichen lockten St. Helens' Direktor Jack Friar zu vermeintlichen Verhandlungen nach Manchester, standen aber plötzlich vor meiner Tür. Ich lag an dem Tag mit einer Grippe im Bett. Sie schwärmten von mir und hatten einen Vertrag dabei. Ich wollte sie einfach nur loswerden – weil ich auf die Toilette musste. Doch sie redeten weiter. Irgendwann hatte ich genug und unterschrieb. Von dem Tag an war ich ein Citizen."

Trautmann-Verpflichtung entfacht Welle der Entrüstung in Manchester 

Bei City sollte Trautmann den beliebten Nationaltorhüter Frank Swift beerben. Ein Vorhaben, das sich als nicht sonderlich einfach herausstellen sollte. Die Engländer waren den Deutschen nur wenige Jahre nach Kriegsende mehrheitlich immer noch feindlich gesonnen. Ein deutscher Schlussmann ausgerechnet in Manchester, das ganz besonders unter dem aggressiven Kriegsgebaren des Dritten Reichs zu leiden hatte, immer noch die Wunden aus etlichen Luftangriffen der Hitler-Streitkraft leckte. Als die Manchester Evening News verkündete, dass der Klub einen Deutschen namens "Berg Trautmann" unter Vertrag nehmen werde, brach sich eine Welle der Entrüstung Bahn. Besonders die jüdische Gemeinde Manchesters, die sich eher zu City als zum Rivalen United hingezogen fühlte, ging auf die Barrikaden. In der Geschäftsstelle stapelten sich die Beschwerdebriefe, einige Fans gaben ihre Dauerkarten aus Protest ab.

"Ich habe zum Glück noch in St. Helens gewohnt und von den Demonstrationen erst aus der Zeitung erfahren.", sagte Trautmann mit Hinblick auf den Gegenwind. "Ich bin froh, dass ich damals nicht vor Ort war, denn ich weiß nicht, wie ich das verarbeitet hätte. Wenn ich hätte erleben müssen, wie man mich persönlich angreift, wäre ich wahrscheinlich nie in England geblieben." Der in Manchester sehr angesehene Rabbiner Dr. Alexander Altmann schritt ein, appellierte an die Einwohner, den Deutschen nicht vorzuverurteilen. Der Wissenschaftler, der einst selbst aus Nazideutschland geflüchtet war und um seine Strahlkraft wusste, schrieb einen offenen Brief: "Wenn dieser Fußballer ein anständiger Kerl ist, dann kann ich keinerlei Nachteil erkennen. Jeder muss nach seinem persönlichen Wert beurteilt werden."

Trautmann-Regisseur Marcus Rosenmüller (l.) und Goal-Redakteur Dennis Melzer

Rosenmüller greift die Geschehnisse im Film auf, lässt Margaret Friar den Brief zitieren. "Der Brief von Rabbi Alexander Altmann, der in Manchester veröffentlich wurde, hat die Leute zum Umdenken bewegt", sagt der 45-Jährige und schiebt nach: "Aber auch der Rückhalt der Familie und der Zusammenhalt innerhalb seiner Mannschaft haben Trautmann dabei geholfen, das Ganze zu überstehen."

Trautmann: "Ich habe mich gefühlt wie ein Affe im Zoo"

Denn: Von seinen Teamkollegen wurde der Neue wohlwollender aufgenommen als vom Rest der Stadt. City-Kapitän Eric Westwood, der im Krieg gegen Deutschland gekämpft hatte, empfing ihn mit den Worten: "Es gibt keinen Krieg in dieser Kabine. Wir heißen Dich willkommen wie jeden anderen. Fühl Dich wie zu Hause, und viel Glück!" Zu Beginn kam Trautmann für die Amateure zum Einsatz. Bei Spielen der Zweitvertretung, bei denen traditionell nur eine Handvoll Zuschauer anwesend war, drängten sich die neugierigen Fans ins Innere des Stadions. "Man konnte mich nicht schützen. Ich stand im Fokus", sagte Trautmann. "Zu meinem ersten Spiel bei Barnsley kamen 27.000 Zuschauer ins Stadion. Normalerweise gingen zu so einer Partie maximal 2000. Alle wollten den Deutschen sehen. Ich habe mich gefühlt wie ein Affe im Zoo."

Schon bald lief Trautmann für das Profiteam auf. Der Widerstand gegen den Deutschen im City-Tor ebbte zumindest in Manchester recht schnell ab. Weil der Torhüter sich mit seinen teils schier unglaublichen Paraden in die Herzen der Anhänger spielte. Er wurde für sein Stellungsspiel gefeiert, seine Abwürfe, die häufig zu gefährlichen Gegenangriffen führten, waren bei den gegnerischen Mannschaften genauso gefürchtet wie seine Fähigkeit, die Abschlüsse der Angreifer zu lesen.

Den großen Durchbruch feierte Trautmann nicht vor heimischer Kulisse. ManCity gastierte beim FC Fulham, der zu jener Zeit zu den spielstärksten Mannschaften des Landes zählte. In London, das als Hauptstadt während des Krieges enorm unter den deutschen Bomben gelitten hatte, bescherten die Fans Trautmann ein denkwürdiges "Willkommen". Beleidigungen, Schmähgesänge und andere Feindseligkeiten schwappten durch die Spielstätte.

Das Match entwickelte sich zu einem einzigen Sturmlauf der Cottagers, Trautmann sah Angriff um Angriff auf sich zurollen. Am Ende stand ein 0:1 aus City-Sicht auf der Anzeigetafel. Ein Ergebnis, das ohne die Darbietung des Bremers deutlich höher ausgefallen wäre. Bedeutender als das Resultat war allerdings die Reaktion der anfangs noch wütenden Fans auf den Rängen. Trautmann hatte sie mit seinen fantastischen Reflexen dazu animiert, ihm, dem Torhüter des Gegners, mit Standing Ovations größtmöglichen Respekt zu zollen. Auch die gesamte Fulham-Truppe stand nach Abpfiff Spalier und applaudierte dem unbeugsamen Teufelskerl, über den Russlands Torwart-Legende Lev Yashin eines Tages sagen würde: "Es gibt nur zwei Weltklassetorhüter: Der eine ist Lev Yashin, der andere ein junger Deutscher, der bei Manchester City im Kasten steht: Trautmann."

FA-Cup-Sieg mit Genickbruch

Das denkwürdigste Spiel seiner Karriere, die Partie, in der er sich in Manchester selbst ein Denkmal setzte, sollte aber im Mai 1956 folgen. Die Citizens hatten es ins FA-Cup-Finale gegen Birmingham geschafft. In der 73. Minute schmiss Trautmann sich waghalsig, so, wie er es eigentlich stets zu tun pflegte, in einen Schuss aus kürzester Distanz und kollidierte dabei mit dem Bein von Birminghams Angreifer Peter Murphy.

Minutenlang blieb der Torhüter regungslos auf dem Rasen liegen, Entsetzen im Stadion, das große Bangen. Mit Riechsalz holten die Sanitäter Trautmann aus der Bewusstlosigkeit. Voller Adrenalin und Siegeswille begab sich der Verletzte tatsächlich zurück ins Tor, vereitelte in der Schlussviertelstunde weitere Möglichkeiten der Nordengländer. City gewann 3:1 und sicherte sich zum dritten Mal in der Klubhistorie die prestigeträchtige Trophäe. Erst Tage später erfuhr der Held des Spiels, dass er nur ganz knapp dem Tod entgangen war, er hatte sich den zweiten Halswirbel, also das Genick gebrochen. Stoff, aus dem Legenden gestrickt werden, der aber auch "Fluch und Segen zugleich" sein kann, wie Trautmann einst sagte. "Ich habe mich oft darüber geärgert, dass ich für die meisten nur der Mann bin, der sich in einem Fußballspiel das Genick gebrochen hat. Ich habe 15 Jahre lang Fußball gespielt und alles, woran man sich erinnert, ist diese Verletzung? Hätte ich in diesem Spiel gewusst, wie schwer meine Verletzung wirklich ist, wäre ich sofort rausgegangen. Ich wollte doch weiterleben."

Der furchtbare Schicksalsschlag

Wochenlang musste er eine sperrige und komplizierte Genickstütze tragen. Wie eng der glückliche Zufall, überlebt zu haben und fürchterliche Schicksalsschläge beieinanderliegen können, musste Trautmann schon bald feststellen. Als er sich, immer noch eingepfercht in sein medizinisches Korsett, in Deutschland aufhielt, erreichte ihn die traurige Nachricht vom Verkehrsunfall seines Sohnes. Zurück in England dann die Gewissheit: Der fünfjährige John hatte es nicht geschafft. Der Tod seines geliebten Sprösslings bedeutete gleichzeitig die Entfremdung von seiner Frau Margaret, die nie über den tragischen Verlust hinwegkommen sollte. Nach 21 Jahren Ehe ließen sich die beiden letztlich scheiden.

"Natürlich fühlt man sich schuldig, wenn so etwas Schreckliches passiert", sagt Rosenmüller, der Johns Unfall im Film mit viel Symbolcharakter darstellt, zeigt, wie sehr Trautmanns innerer Konflikt, der von der bereuten Nazi-Vergangenheit bis zum lähmenden Gefühl, den Tod des Sohnes nicht verhindert zu haben, reicht. "Er hat immer wieder erzählt, für was er sich alles schuldig gefühlt hat." Um sich abzulenken widmete sich der blonde Hüne noch vor Weihnachten 1956 seinem Comeback, obwohl die behandelnden Ärzte ihm dringend von einem frühen Wiedereinstieg ins Training abgeraten hatten.

Nach über 500 Spielen im Dress von Manchester City gab Trautmann sein Abschiedsspiel an der Maine Road, der ehemaligen Arena der Skyblues. 60.000 Menschen waren an diesem Apriltag im Jahre 1964 gekommen, um ihren großen Helden, ihre Ikone gebührend zu verabschieden. Noch bevor der Schiedsrichter die Partie für beendet erklären konnte, strömten hunderte Fans auf den Rasen, einige montierten die Torpfosten ab, weil niemand anderes als ihr Bert jemals wieder zwischen diesen beiden Stangen stehen durfte. Niemand anderes als derjenige, den sie viele Jahrzehnte später zum besten Spieler der Vereinsgeschichte wählen würden.

Sein letztes Spiel für seine große Liebe hätte pathetischer nicht ausfallen, gleichzeitig aber auch nicht besser skizzieren können, was Bert Trautmann den Menschen in Manchester bedeutete. Er, der so beliebt war, weil er immer alles für sein Team gab, sich verhielt wie ein Gentleman. Er, der nach seinem Tod von der Berliner Zeitung als "heimlicher Außenminister" bezeichnet wurde, weil kaum ein Politiker zu jener Zeit im Stande war, das deutsch-englische Verhältnis derart aufzupolieren wie Trautmann es zu tun vermochte.

Sein Erbe, sein Schaffen, nicht nur aus sportlicher Sicht, wird in Manchester ewig weitergeführt. Eine Statue erinnert heute noch an ihn, ein Werk, das ihn in der Pose zeigt, mit der er sich in die Herzen einer ganzen Stadt spielte. "Wir hatten die Erlaubnis von Manchester City, Tonaufnahmen im Stadion mit dem Fanclub zu machen", sagt Rosenmüller und erinnert sich: "Da sind Leute mit Tränen in den Augen auf mich zugekommen und haben mir erzählt, wie sie ihn als Kinder im Stadion gesehen haben. Einige haben gesagt, dass er ihr Leben verändert hätte. Einer hat mir ein Gedicht mitgegeben, das er über Bert Trautmann geschrieben hat. Da schreibt er, dass alles in seinem Leben grau war. Der Himmel war grau, die Straßen, die Felder. 'Aber dann hat mein Vater mich mit ins Stadion genommen und plötzlich kam Farbe in mein Leben: Bert Trautmann.'"