Axel Witsel: Vom Staatsfeind Nummer eins zum WM-Star und BVB-Transferziel

Kommentare()
GFX Axel Witsel
Imago/Getty
Axel Witsel war bei der WM einer der Schlüsselspieler Belgiens, nun steht er vor einem Wechsel zum BVB. Goal erzählt seine bemerkenswerte Geschichte.


HINTERGRUND
Der 30. August 2009 ist in Brüssel ein heißer Tag. Die Sonne verschwindet irgendwann, die Luftfeuchtigkeit aber konserviert die Schwüle und sorgt auch am Abend noch für hohe Temperaturen in der belgischen Hauptstadt. Besonders hitzig ist es an jenem denkwürdigen Tag im Constant Vanden Stock Stadion. Gut 26.000 Zuschauer sind da, restlos ausverkauft. Rekordmeister Anderlecht gegen Standard Lüttich, den Champion der letzten beiden Spielzeiten, mehr Top-Spiel geht zu diesem Zeitpunkt in Belgien nicht. Und die Hitze schlägt offenbar einem der 22 Protagonisten auf dem Rasen besonders aufs Gemüt: Axel Witsel.

Erlebe die Highlights aller WM-Spiele auf DAZN. Jetzt Gratismonat sichern!

Der Youngster der Gäste erlebt einen Abend, den er sein Leben lang nicht vergessen wird: In der 30. Minute geht er in einen Zweikampf mit RSC-Verteidiger Marcin Wasilewski. Der beinharte Pole sprintet an der linken Außenlinie zum Ball. Gefahrenzone ist etwas anderes. Auch Witsel will die Kugel erlaufen, kommt aber einen Tacken zu spät – und zieht trotzdem voll durch. Eine Aktion irgendwo zwischen Revanche, Fahrlässigkeit und Pech.

Axel Witsel wird mit Standard Lüttich zweimal Meister

Witsel trifft Wasilewski voll am Knöchel. Anderlechts Abwehrspieler schreit und windet sich, die Bilder seines offenkundig gebrochenen Beins gehen später um die Welt. Witsel hat ihm mit der Aktion Schien- und Wadenbein gebrochen. Der Standard-Star fliegt mit der Roten Karte vom Platz und ist nach ersten Protesten konsterniert. Es beginnt für ihn ein regelrechter Spießrutenlauf. Aber dazu später mehr.

Wenige Monate zuvor war bei Eigengewächs Witsel die Welt noch in Ordnung. Mit Standard hatte er den ersten Meistertitel seit geschlagenen 25 Jahren verteidigt. Er war bereits Nationalspieler, wurde 2008 noch als Teenager zum Spieler des Jahres gewählt und war die große Zukunftshoffnung der Belgier, die seit Platz vier bei der WM 1986 auf ein gutes Ergebnis ihrer Nationalmannschaft bei großen Turnieren warteten.

Der junge Witsel trägt damals noch Cornrows statt Afro und mit seinem spitzbübischen Lachen und dem überbordenden Talent taugt er bestens zu Everybodys Darling.

All das ist mit einem Moment, einem Foul, einer Szene, binnen Sekundenbruchteilen Schall und Rauch. From Hero to Zero und noch schlimmer! Jenes Foul an Wasilewski erschütterte Witsels Ansehen in der Heimat massiv. Es ist so schlimm, dass der Emporkömmling und zwei seiner Schwestern unter Polizeischutz gestellt werden und sein Elternhaus bewacht wird. Es gibt Morddrohungen und einige Zeitungen fahren regelrechte Kampagnen gegen ihn.

Wegen Foul an Wasilewski: Axel Witsel wird lange gesperrt

Belang van Limburg nennt das Foulspiel "Den Anschlag Witsels" und Het Laatste Nieuws titelt: "Witsel verlor sein Ansehen und seine Klasse. Er und sein Klub müssen sich schämen. Er stürzte uns, sich, Wasilewski und unseren Fußball in tiefe Trauer." Davon lassen sich zwei Sportartikelhersteller anstecken: Joma beendet die Zusammenarbeit mit Witsel, Puma nimmt von einer geplanten Kooperation Abstand. Begründung eines Unternehmenssprechers: Man wolle nur noch mit korrekten Fußballern zusammenarbeiten.

ONLY GERMANY Axel Witsel Marcin Wasilewski Anderlcht Standard

Auch der Verband zeigt sich knallhart und bestraft den Mittelfeldspieler. Für acht Spiele wird Witsel aus dem Verkehr gezogen, eine saftige Geldstrafe gibt es obendrauf. Witsel bereut sein Einsteigen sofort und gibt zu Protokoll: "Ich will mich bei Marcin Wasilewski und seiner Familie entschuldigen und ihn so schnell wie möglich im Krankenhaus besuchen gehen." Angeblich gibt es in der Nationalmannschaft in der Folge eine Spaltung, weil Spieler von Anderlecht und Lüttich nicht mehr miteinander können.

Absehbar war das alles so nicht. Und zum Glück gibt es auch keine Spätfolgen. Weder bei Wasilewski, noch bei Witsel, noch in der Nationalelf. Zum Glück für die Roten Teufel, denn dieser Witsel ist ein Hochbegabter.

Als Sohn einer Belgierin und eines Franzosen mit Wurzeln auf Martinique wird er in Lüttich geboren und wächst vor den Toren der 500.000-Einwohner-Stadt auf. Er kickt in jeder freien Minute auf den Straßen und eignet sich dabei eine feine Technik an. Schnell wird sein enormes Talent sichtbar und er wechselte früh in die Standard-Jugend. Witsel ist ein dominanter Spieler im offensiven Mittelfeld. Voller Dynamik und Wucht, dazu mit einem klugen Passspiel und einer gehörigen Portion Torgefahr ausgestattet. Als 17-Jähriger debütiert er bei den Profis. Sein Weg in eine Top-Liga scheint vorgezeichnet, eine große Karriere wird ihm mehr als einmal prophezeit.

Witsel: Über Benfica Lissabon geht es zu Zenit St. Petersburg

Wohl kaum jemand hätte da gedacht, dass er 2018 auf Stationen in Portugal, Russland und China zurückblicken darf. Denn Witsels Karriere verläuft eben nicht wie am Reißbrett entworfen, dafür aber mit jeder Menge Überraschungen. Eine erste Zäsur ist das Foul an Wasilewski. Witsels Vater erklärt später: "Die Leute beschimpften ihn, manche schmissen Steine durch unsere Fenster. Dieser Vorfall hat Axel verändert. Es gab einen Axel vor diesem Foul, und einen danach. Er war gezeichnet von dem medialen und öffentlichen Sturm, wurde verschlossener."

Sein Filius wird in der Tat nachdenklicher, entscheidet sich aber dazu, nicht an dem Druck und der negativen Berichterstattung zu zerbrechen, sondern emsig weiterzuarbeiten. 2011 folgt der erwartete Schritt ins Ausland. Es geht aber für ihn nicht nach England oder Spanien, wo er große Begehrlichkeiten geweckt hat, sondern in die Primeira Liga: Benfica holt ihn für neun Millionen Euro Ablöse nach Lissabon. Eine durchaus kluge Entscheidung, denn beim portugiesischen Rekordmeister macht er den nächsten Entwicklungsschritt, sammelt reichlich Spielpraxis und schafft es im Frühjahr 2012 in das Viertelfinale der Champions League. Nur einen Sommer nach seiner Ankunft in Portugal ist er also bereit für den großen Wechsel – nach St. Petersburg.

40 Millionen Euro blättert Zenit für ihn hin, im Schlepptau hat Witsel auch noch Porto-Stürmer Hulk, der ebenfalls 40 Millionen kostet. Ein Doppeltransfer, der die Finanzstärke des russischen Spitzenklubs unterstreicht und dem Ansehen zweier angehender Top-Stars schadet. Warum wechseln sie noch vor der Blüte ihrer Karriere in eine Liga, die international nicht zur ersten Sahne gehört? Gerade Witsels Schritt ruft Unverständnis hervor, soll er doch auch unter anderem Angebote von Manchester United und Chelsea vorliegen gehabt haben.

Witsel schert sich um dieses Gerede wenig. Er ist ein Profi, hat einen lukrativen Vertrag in der Tasche und trotzdem noch jede Menge Ehrgeiz in sich.

Belgien scheiterte bei der WM 2014 im Viertelfinale an Argentinien

Mutmaßungen von Experten, der Wechsel nach Russland könne sich negativ auf seine Rolle in der Nationalmannschaft auswirken, erweisen sich als falsch. Witsel bleibt bei den Roten Teufeln Stammkraft, spielt dort regelmäßig an der Seite seiner Jugendkumpel Toby Alderweireld, Marouane Fellaini und Nacer Chadli.

GFX Quote Axel Witsel German

Spielerisch entwickelt er sich noch weiter. Er tritt abgeklärter auf, bewahrt auch in Bedrängnis die Ruhe und erledigt seine Aufgaben im Schatten der großen Stars. Dies schätzt auch Marc Wilmots, von 2012 bis 2016 Belgiens Nationaltrainer. Unter ihm ist Witsel, den er einst bei Goal einen "mannschaftsdienlichen Spieler mit großen Qualitäten" nannte, Stammkraft. Bei der WM 2014 absolviert Witsel vier von fünf Spielen und überzeugt in einer defensiveren Rolle als bei Zenit. "Mit ihm war die Struktur in meiner Mannschaft komplett", so Wilmots. Das Aus im Viertelfinale gegen Argentinien kann aber auch er nicht verhindern.

Vier Jahre später war Witsels Rolle bei den Roten Teufeln unter Wilmots-Nachfolger Roberto Martinez bei der WM 2018 in Russland ähnlich. Hinter den Offensivstars Eden Hazard, Kevin De Bruyne und Romelu Lukaku sicherte er ab, gab dem belgischen Spiel Ordnung und Stabilität. Im Viertelfinale gegen Brasilien etwa machte er seine Sache besonders gut, hatte großen Anteil daran, dass Belgien nach dem bitteren Halbfinal-Aus gegen den späteren Weltmeister Frankreich mit Rang drei schließlich sein bestes WM-Ergebnis aller Zeiten erreichte.

Bei Zenit spielt der mittlerweile 29-Jährige mit der auffälligen Haarpracht übrigens nicht mehr. Wieder ging es für ihn allerdings nicht in eine Top-Liga, sondern diesmal nach China: Tianjin Quanjian lockte ihn im Januar 2017 mit einem schwindelerregenden Jahresgehalt von 18 Millionen Euro. Witsel entschied sich gegen ein Angebot von Italiens Rekordmeister Juventus Turin und heuerte tatsächlich in der Chinese Super League an.

Carlo Ancelotti wollte Axel Witsel zum FC Bayern holen

"Es war eine sehr schwere Entscheidung. Auf der einen Seite ein Top-Klub wie Juventus und auf der anderen ein Angebot, das ich für meine Familie nicht ablehnen konnte" gab Witsel zu. Erneut wurde ihm eine schwere Zukunft in der Nationalelf prognostiziert, erneut entpuppte sich dies als verkehrt.

Und im vergangenen Sommer verriet Witsel dann, dass er sogar beim FC Bayern ein Thema war. Dem Sport/Foot Magazine sagte er: "Vor zwei Wochen hat Carlo Ancelotti (Ex-Bayern-Trainer, Anm. d. Red.) bei Fabio Cannavaro (Trainer von TJ Quanjian) angerufen, um ihn zu fragen, ob er mich kontaktieren dürfe. Er wollte mich bei Bayern München. Das ist der Beweis, dass man im europäischen Top-Fußball nicht vergessen wird, nur weil man in China spielt.“

Dass dem so ist, wurde in den letzten Wochen nun erneut deutlich. Denn bei Borussia Dortmund ist Witsel, der wieder zurück nach Europa will, offenbar der absolute Wunschspieler von Neu-Trainer Lucien Favre. Der BVB wollte dazu zuletzt zwar keinen Kommentar abgegeben, laut dem belgischen Rundfunksender RTBF soll Witsel aber noch am Montag den Medizincheck bei den Borussen absolvieren.

Es wäre die nächste so nicht abzusehende Wendung in Witsels Laufbahn. Eine, die man aber eigentlich schon viel früher erwartet hätte: Der allererste Wechsel in eine Top-Liga eben.

Mehr zu Axel Witsel und Borussia Dortmund:

Schließen