Auf den Spuren von Pirlo, Giggs und Zanetti: Die Wiedergeburt des Ricardo Quaresma

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Seine Karriere wirkt wie ein nicht eingelöstes Versprechen. Nach seinem zweiten Frühling in Porto kehrt er nun in die Seleccao zurück.

Von Alec Fenn

Als Ricardo Quaresma beim 1:2 Portugals gegen Frankreich am Samstagabend einen Strafstoß versenkte, war die sportliche Rennaissance eines der größten Talente Europas abgeschlossen.

Unter normalen Umständen wäre Cristiano Ronaldo vom Punkt angetreten, doch der Star von Real Madrid war wegen einer Knieverletzung bereits ausgewechselt. Also übernahm Quaresma die Verantwortung und erzielte sein erstes Länderspieltor seit sechs Jahren. Vier Spielzeiten lang war er nicht mehr für sein Land aufgelaufen.

Aus dem Mustang wurde ein Wandervogel

Die Verbindung zu Ronaldo ist bemerkenswert. Beide haben tief schwarzes Haar, mediterrane Bräune und beide stammen aus der berühmten Jugendakademie Sporting Lissabons, sind ihres Zeichens brandgefährliche Flügelflitzer. Doch bei allen Gemeinsamkeiten: Seit ihren Teenagerjahren haben sie unterschiedliche Wege in ihren Karrieren eingeschlagen.

Im Sommer 2003, wenige Wochen vor CR7s Transfer zu Manchester United, verließ Quaresma Lissabon in Richtung Barcelona. Das Etikett des Supertalents und der Zukunft des portugiesischen Fußballs haftete ihm längst an. Während Ronaldo sich dann im Old Trafford und bei Real Madrid zu einem statistischen Phänomen entwickelte, wurde sein Landsmann zu einem Wandervogel.

Beide Spieler sind mit enormer Schnelligkeit gesegnet und beide verfügen über ein ganzes Arsenal an Waffen, um ihre Gegenspieler zu überwinden. Quaresma trug nicht umsonst einmal den Spitznamen "Mustang". Was die beiden aber deutlich unterscheidet, ist ihre Einstellung.

Quaresmas Schwierigkeiten begannen im Camp Nou unter Frank Rijkaard. Er kam nur selten zu Einsätzen und wurde langsam an das Team herangeführt, in sich dem Superstar Ronaldinho gerade zum Führungsspieler ballerte. Er zeigte nur wenig Ausdauer und Willen, den Kampf um einen Platz in der Mannschaft aufzunehmen.

"Das war idiotisch"

In einem Interview mit O Jogo erklärte er im März: "In Barcelona hatte ich keine Geduld. Ich ertrug es nicht, auf der Bank zu sitzen."

Der Angreifer war so angefressen, dass er Rijkaards Taktik in der Öffentlichkeit kritisierte. Damit läutete er seinen Abschied aus Katalonien ein und kehrte nach nur einem Jahr zurück in seine Heimat. Eine Entscheidung, die er noch heute bereut: "Das Verhalten war idiotisch. Ich habe in einem Schlüsselmoment meiner Karriere die falsche Entscheidung getroffen. Ich wollte, dass alles ganz schnell geht und das hat mir nur geschadet."

Bis heute ist Porto der einzige Klub, bei dem er über einen längeren Zeitraum Erfolge feierte. Ex-Trainer Jesualdo Ferreira nahm den Hochbegabten unter seinen Fittiche, förderte ihn und gewährte ihm Freiräume. Quaresma dankte es ihm mit starken Leistungen und drei Meisterschaften zwischen 2005 und 2008.

Dieser Erfolg verhalf Quaresma zu einer zweiten Chancen bei einem Topklub Europas. Jose Mourinho gab 18,7 Millionen Euro für ihn aus und lotste ihn zu Inter Mailand. Doch auch dort kam er nicht über den Status eines teuren Ergänzungsspielers hinaus.

Reservist bei Inter und Chelsea, Skandalnudel in Istanbul

"Quaresma? Er mag es, den Ball mit dem Außenrist zu spielen. Aber wenn sie mich fragen, werden wir in ein paar Monaten über einen anderen Quaresma reden", meinte Mourinho im Oktober 2008 nach einem 1:0 über Anorthosis Famagusta noch hoffnungsfroh.

'The Special One' sollte falsch liegen. Der Flügelstürmer absolvierte in seinen zwei Jahren bei den Nerazzurri nur 24 Einsätze. Zudem verbrachte er eine kurze Zeit auf Leihbasis beim FC Chelsea. Am Ende seiner Zeit in Mailand gewann Inter zwar das Triple, doch Quaresmas Beitrag dazu war minimal.

Spätestens seit dieser Zeit gilt er als ewiges Talent. Ein zweijähriges Intermezzo bei Besiktas Istanbul zwischen 2010 und 2012 half auch nicht, seinen Ruf aufzupolieren. Im Gegenteil: Nachdem er während eines Duells mit Atletico Madrid in der Halbzeit ausgewechselt worden war, warf er mit einer Wasserflasche nach Trainer Carlos Carvahal.

Die Hoffnung auf einen erneuten Neustart im Dress von Al Ahli in Dubai zerschlug sich ebenfalls schnell und von dort verabschiedete er sich nach weniger als einem Jahr im Mai 2013 wieder. "Was wäre wenn", lautete das Motto seiner Laufbahn bis dahin.

In 18 Spielen fast noch zur Weltmeisterschaft

Umso überraschender ist die Entwicklung, die er seither genommen hat: Quaresma war sechs Monate lang vereinslos, ehe Porto ihm im Januar einen Rettungsring zuwarf. Und er nutzte diese Chance. In 18 Partien markierte er sieben Tore. Er erreichte mit dem Klub das Viertelfinale der Europa League und beendete die Primeira Liga auf dem dritten Platz.

Zyniker meinten, er habe nur einen Gang zugelegt, um noch auf den WM-Zug aufzuspringen. Falls dem so war, hätte der 31-Jährige sein Ziel beinahe erreicht. Er stand im provisorischen Kader, wurde aber am Ende noch ausgesiebt.

Der "alte Quaresma" hätte auf die Nicht-Nominierung vermutlich mit einem frustrierten Interview reagiert. Doch stattdessen akzeptierte er die Entscheidung und demonstrierte seine neue Reife. Das wurde nun belohnt, als ihn der neue Nationalcoach Fernando Santos wieder für die Seleccao nominierte.

Drei hochkarätige Vorbilder für das letzte Kapitel

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Kürzlich sagte Quaresma: "Natürlich reicht Talent allein nicht aus, um eine tolle Karriere zu haben. Aber ich bin erst 31 Jahre alt. Schaut Euch Giggs, Zanetti und Pirlo an. Das will ich auch." Die drei Ikonen erlebten auf der Zielgeraden ihrer Karriere noch große Erfolge und spielten bis zuletzt auf höchstem Niveau.

Am Dienstagabend treten die Portugiesen in der Qualifikation zu EM 2016 in Dänemark an. Je nachdem, wie es um Ronaldos Knie bestellt ist, könnte Quaresma sogar in der Startelf stehen. Wer weiß, vielleicht wird das letzte Kapitel seiner Karriere auch das spannendste.

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