Andrew Robertson vom FC Liverpool: Aus Schottlands vierter Liga ins Champions-League-Finale

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Vor fünf Jahren verkaufte Andrew Robertson noch Eintrittskarten im Hampden Park, jetzt trifft er im CL-Finale auf das größte Starensemble der Welt.


HINTERGRUND

"Ich hätte gerne zwei Tickets für Robbie Williams am 25. Juni 2013 im Innenraum." – Leute, die diese oder ähnliche Wünsche bei der Tickethotline des Glasgower Hampden Park äußerten, könnten es anno dazumal mit einem ganz besonderen Gesprächspartner zu tun bekommen haben. Einem, für den etliche Fans auf der ganzen Welt mittlerweile selbst in den Tiefen der mit bizarrer Musik untermalten Telefon-Warteschlangen ausharren, um ihn für viel Geld spielen zu sehen: Andrew Robertson vom FC Liverpool.

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Noch vor fünf Jahren deutete nicht sonderlich viel darauf hin, dass der Linksverteidiger eines Tages als Fußballprofi seine Brötchen verdient, kickte er damals doch noch in Schottlands vierter Liga, beim Queens Park FC. Das Wochensalär belief sich laut The Sun auf rund 23 Pfund. Ein winziges Zubrot neben seinem eigentlichen Job: Ticketverkäufer im Hampden Park, der hauptsächlich als Spielstätte des Celtic FC, bisweilen aber auch als Leichtathletik-Stadion oder Konzert-Location dient.

"Ich nahm Ticketbestellungen für Fußballspiele und Konzerte am Telefon entgegen", erklärte Robertson im Interview mit dem Liverpool Echo und schob nach: "Da war dieser Kerl, Andrew McGlennan, der jahrelang für Queens Park gearbeitet hat. Er stattete zahlreiche Jungs von uns mit Jobs aus. Er kümmerte sich um mich und stellte sicher, dass ich ausreichend Geld neben dem Fußball verdiene. Er wusste um meinen großen Traum und unterstützte mich dabei. Meine Eltern ebenso."

Seiner großen Leidenschaft, dem Fußball, ging der damals 19-Jährige nur hobbymäßig nach. "Wir haben nur zweimal die Woche trainiert, samstags hatten wir dann unsere Ligaspiele. Ich habe unter der Woche von neun bis 17 Uhr gearbeitet, um 18 Uhr startete das Training", schilderte Robertson weiter. Sein Debüt für den Amateurklub, der übrigens der älteste und hinter Celtic und den Rangers der dritterfolgreichste seiner Zunft im schottischen Fußball ist, feierte der Defensivmann im Juli 2012. Vor 372 Zuschauern.

Andrew Robertson: "Ich wäre vielleicht Sportlehrer geworden"

Nicht unbedingt der klassische Nährboden für einen angehenden Premier-League-Profi und Nationalspieler. Aus diesem Grund einigte er sich mit seinen Eltern auf einen Deal: Sollte in der einen Spielzeit kein Scout auf ihn aufmerksam werden, würde er seine Ambition begraben und sich auf eine andere Laufbahn konzentrieren. "Sie sagten mir, dass sie mir diese Saison geben, damit ich meinen Traum verwirklichen kann. Wenn es nicht funktioniert, dann hätte ich mir andere Optionen suchen müssen. Ich war auf dem Weg, mich für die Universität einzuschreiben. Ich wäre vielleicht Sportlehrer geworden oder hätte irgendetwas mit Sportwissenschaften gemacht", verriet Robertson. "Zum Glück lief die Saison aber sehr gut, im Januar oder Februar wurden wir in Kenntnis gesetzt, dass einige Profi-Vereine auf mich aufmerksam geworden waren."

Kein Novum in Robertsons Leben, der schon in jungen Jahren die Fußballschuhe für den prestigeträchtigen Celtic FC geschnürt hatte, im Alter von 15 Jahren von den Verantwortlichen allerdings für zu klein und schmächtig befunden wurde.

"Dieser Rückschlag passierte in einem Lebensabschnitt, in dem man am Scheideweg steht, ob es für eine Karriere reicht oder nicht. Sie waren damals der Meinung, dass ich noch nicht bereit dafür sei. Ich muss sagen, dass sie sehr ehrlich waren, meinen Eltern und mir die Entscheidung bei einem Treffen mitteilten. Zu dieser Zeit befand sich Celtic im Umbruch, gerade war ein neuer Jugendleiter eingestellt worden. Da passte ich nicht mehr ins Konzept", so Robertson. "Es war hart, dass ich aussortiert wurde. Besonders, weil ich von klein auf Celtic-Fan war. Aber es hat mir rückblickend geholfen, zu dem Mann zu werden, der ich heute bin."

Andrew Robertson Dundee United

Dass es schließlich doch noch für die Fußball-Karriere gereicht hat, verdankt der Außenspieler also seinem eigenen Durchhaltevermögen. 2013 ging es drei Ligen nach oben, zu Dundee United, wo Robertson in der Folge noch größere Klubs auf sich aufmerksam machen sollte. "Sie gaben mir einen Vertrag für zwei Jahre", erinnerte er sich im Gespräch mit dem Liverpool Echo und ergänzte: "Ein Jahr zum Eingewöhnen und ein weiteres, um richtig mitzumischen." Eingewöhnen musste sich der Schotte aber mitnichten. Prompt sicherte er sich einen Stammplatz, feierte kurz darauf sein Debüt in der Nationalmannschaft und wurde am Ende der Saison zum besten Youngster der gesamten Scottish Premiership gewählt.

Der Lohn für die beeindruckende Entwicklung: Im darauffolgenden Sommer legte Hull City, damals noch in der Premier League, dreieinhalb Millionen Euro für die Dienste Robertsons auf den Tisch. Innerhalb kürzester Zeit aus den Niederungen des schottischen Fußballs in eine der besten Ligen der Welt. Mit den Tigers musste er in ebenjener Runde aber den bitteren Gang in die zweite Liga antreten, im Folgejahr gelang der Wiederaufstieg ins Oberhaus, danach ging es erneut eine Etage tiefer – und dann kam er, der Anruf des großen FC Liverpool.

"Wenn Liverpool anklopft, überlegt man nicht lange", sagte Robertson kurz nach seiner Ankunft bei den Reds vor rund einem Jahr im bayrischen Rottach-Egern, wo der ehemalige Rekordmeister ein Sommer-Trainingslager absolvierte. "Als ich das erste Mal mit Jürgen Klopp gesprochen habe, war ich sofort von seinen Plänen überzeugt. Ich konnte es kaum erwarten, nach Liverpool zu kommen, nachdem sich die Vereine auf eine Ablösesumme geeinigt hatten." Diese belief sich schlussendlich auf neun Millionen Euro.

Jürgen Klopp: "Da war ich etwas enttäuscht"

Ein ordentlicher Betrag für einen Spieler, der noch vier Jahre zuvor im Amateurbereich kickte. Zu Beginn schien der Schritt an die Mersey tatsächlich etwas zu groß zu sein. Robertson kam kaum zum Einsatz, auf seiner Paradeposition hatte er den erfahrenen Alberto Moreno als Konkurrenten vor der Nase. Die ernüchternde Bilanz nach 14 Spieltagen: Vier Kaderberufungen und 180 Minuten Spielzeit.

 

"Ich habe ihm gesagt: 'Du bist schnell, ein guter Fußballer und Flankengeber, aber Du musst an Deinen Defensivfähigkeiten arbeiten", erzählte Trainer Klopp dem Journalisten Graham Hunter bei dessen Podcast The Big Interview. "Irgendwann kam Andy zu mir und sagte: 'Coach, wie kann ich mich verbessern?' Da war ich etwas enttäuscht, weil ich ihm genau das ja in unserem ersten Gespräch erklärt hatte. Ich erklärte ihm, dass ich kaum Verbesserungen bei ihm feststellen kann. Er hatte kein Selbstbewusstsein, selbst seine Flanken wurden schlechter. Er muss sich denken: 'Ich möchte Verteidiger sein, aber sobald ich den Ball habe, bin ich ein offensiver Flügelspieler, das ist die Aufgabe eines Außenverteidigers.'"

HD Jurgen Klopp Andy Robertson

Die Kritik seines Übungsleiters fruchtete spätestens nach dem zweiten Gespräch, zudem profitierte Robertson von einer Verletzung Morenos, sodass der Platz links hinten unverhofft frei wurde. In der Zweikampfführung verbesserte sich der mittlerweile 24-Jährige enorm, wirkt bissiger und weiß seither insbesondere mit seinen Vorstößen sowie damit verbundenen Flankenläufen zu gefallen.

Fünf Vorlagen steuerte der gebürtige Glasgower in der abgelaufenen Liga-Saison bei, sein erstes Pflichtspieltor gelang Robertson am letzten Spieltag, beim 4:0-Kantersieg über Brighton & Hove Albion. Bei den LFC-Fans, die von dem Transfer im vergangenen Sommer zunächst nicht sonderlich begeistert waren, hat er mittlerweile ein Stein im Brett: Sie besangen ihn während seiner überragenden Leistung gegen Manchester City, was bei ihm eigenen Angaben zufolge "Gänsehaut" auslöste. 

Auch Klopp freut die mächtige Leistungsexplosion seines Schützlings: "Jetzt hat er diese Schritte endlich gemacht, das ist fantastisch. Ich war vorher nicht wütend auf ihn, aber ich wusste, dass er das alles ganz alleine schaffen muss." Es gilt als sicher, dass Robertson auch im Champions-League-Finale gegen den Vor- und Vorvorjahressieger Real Madrid die linke Seite beackert. Innerhalb von nur fünf Jahren hat er es geschafft, vom Ticketverkäufer zum Startelfspieler im bedeutendsten Match des Vereinsfußballs.

In der jüngeren Vergangenheit dürften wohl sämtliche Telefonleitungen heißgelaufen sein. Abertausende Menschen wollen unter anderem ihn live bestaunen. Der wohl gängigste Satz, den die Ticketverkäufer von heute wohl zu hören bekommen haben: "Ein Ticket fürs Champions-League-Finale, bitte!"

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