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Primera Division

Andre Silva: Vom Hockeyspieler und 1000-Euro-Transfer zum Albtraum von Real Madrid

15:30 MESZ 27.09.18
Andre Silva, Sevilla
Als Kind entschied er sich fast für eine andere Sportart, dann wechselte er für 1000 Euro zu Porto. Nach einer schweren Zeit blüht er in Sevilla auf.

PORTRÄT

Um genau 22.22 Uhr sahen die 43.639 Zuschauer im ausverkauften Estadio Ramon Sanchez Pizjuan etwas, das wahrlich nicht oft vorkommt: Sergio Ramos war ratlos. Ausgerechnet an dem Ort, an dem er einst seine ersten Schritte als Fußballer gemacht hatte. An jenem Ort, den er so liebt, stand der Kapitän von Real Madrid auf dem Rasen, und fuchtelte wild mit seinen Armen durch die andalusische Abendluft.

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Der FC Sevilla hatte soeben das 2:0 erzielt, der Grund für Ramos' Resignation war sein direkter Gegenspieler. Ein breiter Mann mit schwarzem Haar und Dreitagebart, der bei beiden Toren am schnellsten reagiert hatte. Sein Name: Andre Silva.

Sechs Tore hat der Portugiese in seinen ersten sechs Spielen seit seinem Wechsel vom AC Mailand auf die iberische Halbinsel erzielt. Es scheint, als sei er endlich außerhalb von Portugal angekommen. Denn beim Sieg gegen Real zeigte er sein ganzes Repertoire: seinen dynamischen Antritt, seine Kraft, seinen kompromisslosen Abschluss. Silva zeigte endlich wieder das, was er bereits als kleiner Junge auf der Straße gelernt hatte, jene Qualitäten, die ihn einst zu einem der größten Talente Portugals machten. Und das nicht nur im Fußball!

Andre Silva und der Traum von einer Hockey-Karriere

Inline-Hockey erfordert ein hohes Maß an Balance und Dynamik. Man muss in der Lage sein, innerhalb von Sekundenbruchteilen seinen Körperschwerpunkt zu verlagern – und das, ohne auf dem nicht rutschfesten Untergrund zu Fall zu kommen. Die Spieler der hierzulande weitgehend unpopulären Sportart gelten als regelrechte Reflex-Monster, die mit einer Handlungsschnelligkeit agieren, die ihresgleichen sucht.

In Portugal genießt der Sport durchaus hohes Ansehen. Immer wieder sieht man Kids auf ihren Skates durch die Straßen von Lissabon oder Porto flitzen. Zur Jahrtausendwende war einer der Jungs, die von der ersten Hockey-Liga träumten, der kleine Andre Silva. Im nordportugiesischen 14.000-Einwohner-Örtchen Baguim do Monte raste er mit seinen Freunden abfallende Straßen entlang und lieferte sich auf asphaltierten Parkplätzen Duelle um den Ball.

Er stellte sich bald als einer der Geschicktesten heraus, heuerte im Verein an und wurde Torjäger sowie Spielmacher in Personalunion. Silva liebte das Spiel auf Rollen und die lokalen Medien berichteten sogar von ihm, nachdem er bei einem Turnier in Porto zum besten Spieler gekürt worden war.

Deco-Vergleiche und Porto-Interesse

Neben den Skates gab es aber auch immer den Fußball. In beiden Sportarten war er so talentiert, dass das viele Training mit der Schule nicht mehr vereinbar war. Zusammen mit seinen Eltern wog er ab. Hockey war seine Passion und die Chance, es dort nach oben zu schaffen, um ein Vielfaches größer als im Fußball. Und dennoch entschied er sich dafür, die Inline-Skates an den Nagel zu hängen und sich der Fußball-Karriere zu widmen.

Silva spielte für den SC Salgueres, einen Verein in der Nähe seines Geburtsortes und fungierte dort, wie beim Hockey, als torgefährlicher Spielmacher. "Deco" riefen sie ihn in Anlehnung an den berühmtesten Sohn des Vereins. Ganz anders aber als der filigrane Techniker hatte Silva den Zug zum Tor, den eiskalten Abschluss eines Knipsers. Deshalb, und natürlich wegen seiner Technik, seiner beim Hockey geschulten Balance und seines Auges, wurde 2011 der FC Porto vorstellig und holte ihn, nachdem er sein Team überraschend zum Sieg gegen die "Dragoes" geschossen hatte, zu sich. Lächerliche 1000 Euro Entschädigung kostete er damals. Nur sechs Jahre später sollte er das 3800-Fache kosten.

Er entwickelte sich prächtig und führte die strikte Einteilung in wendige kleine Stürmer und große Strafraumstürmer ad absurdum, indem er trotz seiner Größe viel unterwegs war, technisch versiert auftrat und vor allem den finalen Pass beherrschte – ein Komplettpaket, das ihn zum Albtraum einer jeden Abwehrreihe machte und ihn in den Kader der portugiesischen U-Nationalmannschaften spülte.

Erfolge in der Jugend, Durchbruch bei Porto, Nationalmannschaftsdebüt

Bei der U19-EM erzielte er 2014 fünf Tore und schoss Portugal ins Finale gegen Deutschland, das man, gegen Julian Brandt, Davie Selke und Co. chancenlos, mit 0:1 verlor. Auch Sommer 2015 konnte er bei der U20-Endrunde glänzen und viermal einnetzen. Es zeugt von seinem Charakter, dass er sich nach seinem verschossenen Elfmeter im Viertelfinale gegen Brasilien vor die Kameras stellte und sagte: "Ich werde das abhaken und weiter an mir arbeiten."

Und das tat er. Er trainierte seinen schwachen linken Fuß, sein Kopfballspiel und vor allem seine Physis. So wurde innerhalb von einem Jahr aus dem etwas schlaksig anmutenden Kerl ein muskulöser Stürmer, der nichts von seinem Tempo eingebüßt hatte und gleichzeitig sowohl in der Luft als auch auf dem Boden derart durchsetzungsstark war, dass A Bola im September 2016  Jahres seine "Wucht" feierte und weiter schrieb: "Portugal hat wieder einen Stürmer!"

2016/17 erzielte Silva für Porto 16 Tore und feierte sein Länderspieldebüt. In seinen ersten vier Einsätzen für die A-Nationalmannschaft traf er viermal. Medien und Experten feierten ihn gleichermaßen. "Vielleicht ist er der perfekte Partner für Ronaldo. Er sucht nach Räumen in der Mitte, er verfügt über viel Wucht und hat eine gute Kondition. Er setzt gegnerische Innenverteidiger stets unter Druck und bindet sich gut ins Aufbauspiel ein", sagte sein Trainer Jose Peseiro – und adelte ihn damit vollends.

Von Portugals Hoffnung zu Milans 38-Millionen-Euro-Flop

Nach seiner so erfolgreichen Saison, in der er auch in der Champions League viermal einnetzte, standen die Top-Klubs Schlange. Atletico Madrid, der FC Arsenal und PSG sollen dran gewesen sein. Den Zuschlag bekam der AC Mailand, der sich im Sommer 2017 mal wieder in einer Umbruchphase befand. Knapp 200 Millionen Euro gaben die Rossoneri für neue Spieler aus - und entsprechend schwierig gestalteten sich zu Beginn die Abläufe im Team.

Milan stolperte nach gutem Start durch die Hinrunde. Trainerwechsel, aufgebrachte Fans, Wirbel um Donnarumma. Der das bewusst beschaulich gehaltene Umfeld beim FC Porto gewohnte Silva hatte große Probleme. Nur zwei Tore erzielte er in 24 Ligaspielen, nur siebenmal stand er in der Startelf. Schnell war aus der größten Stürmerhoffnung Portugals ein 38-Millionen-Euro-Flop geworden, der auch bei seinen drei WM-Einsätzen nicht überzeugte.

Nun also Sevilla. Seine Leihe kommt einer Flucht gleich. Einer Flucht vor einem verkorksten Jahr und vor Gonzalo Higuain, der leihweise von Juventus kam. In Andalusien vertraut ihm Trainer Pablo Machin. "Ich habe viele Freiheiten", sagte Silva selbst. An der Seite von Wissam Ben Yedder und Jesus Navas und mit dem Strategen Ever Banega im Rücken blüht er auf. Die Fans lieben ihn endlich wieder – und Silva hat wieder Spaß am Fußball. "Er ist einer, der noch Großes leisten kann", so Trainer Machin.

Einer, der Physis mit Technik und Balance vereint. Und kaum einer der jungen Angreifer Europas macht das eindrucksvoller als Silva. Schließlich flitzte kein anderer als Junge auf Skates durch kleine Gassen. Sergio Ramos weiß das seit Dienstag genau. "Es ging uns heute in der ersten Halbzeit zu schnell", sagte er nach dem Spiel und der Silva-Show. Und auch das ist wahrlich etwas, das nicht oft vorkommt.