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Daniel Keita-Ruel: Der "Big Boy" fängt neu an

16:00 MESZ 22.05.17
ONLY GERMANY Daniel Keita-Ruel
Kostete ihn eine hohe Gefängnisstrafe seine Karriere? Lange musste Keita-Ruel den Fußball von abseits des Platzes verfolgen - und fängt jetzt neu an.

HINTERGRUND

"LIVE FAST", lebe schnell, prangt in Großbuchstaben auf der Brust. Im Hintergrund dominiert eine schlichte, graue Betonmauer das Bild. Die Kapuze des schwarzen Hoodies hat Daniel Keita-Ruel über den Kopf gezogen und gleichzeitig einen leicht skeptischen und ernsten Blick aufgesetzt.

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Der Spruch, der die Kollektion des Modelabels (Live Fast Die Young) prägt, passt perfekt zum 27-jährigen Stürmer. Aktuell macht er nämlich nicht nur auf dem Platz, sondern auch als Teilzeitmodel eine gute Figur. Er steht wieder mitten im Leben.

Gavin Grant: Law and Order und Mörder statt Profi

“Das Label ist ausgerechnet durch mein Entlassungsfoto aus dem Gefängnis auf mich aufmerksam geworden. Ein guter Freund hatte den Kontakt hergestellt. Sie wollten ein Model mit Persönlichkeit, mit Geschichte. Das Probeshooting lief gut und danach war ich unter anderem in Mailand, Cannes und Monaco”, erzählt er heute gelassen und ruhig gegenüber Fussball.de. Sein Leben nimmt seit rund drei Jahren wieder Fahrt auf, er lebt schneller. Vorbei die Zeit, als alles zum Stillstand, zum Erliegen gekommen war.

 
 

Ein Beitrag geteilt von Keita (@keita_ruel) am 14. Mai 2017 um 7:21 Uhr

Zeitsprung. September 2011. Der Vorhang fällt fürs Erste, das dunkelste Kapitel im Leben von Keita-Ruel bricht an: Festnahme. Gerichtsverhandlung. Schuldig gesprochen. fünfeinhalb Jahre Gefängnis. Der Grund? Gemeinsam mit sieben Komplizen überfiel Keita-Ruel, der in der Bande nur den Spitznamen "Big Boy" trug, mehrere Kioske.

Der damals 21-Jährige war an insgesamt drei Raubüberfällen beteiligt, soll mit seinen Mittätern runde 100.000 Euro erbeutet haben.

Die falschen Freunde bringen ihn auf die schiefe Bahn

“Ganz einfach: Falsche Freunde”, entgegnet Keita-Ruel, wenn man ihn nach den Gründen seines Handelns fragt. “Ich habe mich von älteren, damals für mich so coolen Typen beeindrucken lassen. Ich wollte einer von ihnen sein und wollte zeigen, dass ich auch so cool bin. Das war definitiv der größte Fehler meines Lebens.”

Es war nicht nur der “größte Fehler seines Lebens, sondern auch das abrupte Ende seines Traums, dem er seit seinen Kindertagen hinterherjagte. Mit 17 Jahren wurde der Bundesligist aus Mönchengladbach auf ihn aufmerksam, stattete ihn mit einem Vertrag aus. Keita-Ruel darf sich ein erstes Mal beweisen im Zirkus Profifußball.

Daniel Keita-Ruel im Triokot von Wuppertal (l.)

Es reicht nicht. Nach zwei Saisons ist Schluss am Niederrhein. Der ganz große Sprung wird ihm nicht zugetraut. Keita-Ruel schließt sich dem damaligen Regionalligisten Bonner SC an. Doch auch hier läuft es nicht wie gewünscht. Nur ein Jahr später, 2009, kehrt er wieder in seine Geburtsstadt zurück, kickt für den Wuppertaler SV, dem Verein, für den er schon in der Jugend die Schuhe schnürte.

Der “Big Boy” hat ausgespielt

Der Fußball wird nach und nach zum Nebenschauplatz. Er rutscht auf die schiefe Bahn ab. Die “falschen Freunde” nehmen einen immer größeren Platz in seinem Leben ein. Bis zum großen Knall im September 2011. Der “Big Boy” hat ausgespielt.

“Ich war völlig geschockt. Die Beamten kannten mich ja auch noch fast alle. Ich solle nicht weglaufen, hat einer gesagt. Sie wussten schließlich, dass ich Profifußballer bin. Vorher hatte ich nie etwas mit der Polizei zu tun gehabt”, beschreibt er den Tag der Festnahme bei derwesten.de.

Im März 2012 fällt das Urteil, Keita-Ruel und seine Komplizen müssen ins Gefängnis, hinter Schloss und Riegel. Doch auch hinter den meterhohen Mauern hört er nicht auf, an seinen Traum zu glauben.

Aufgrund guter Führung darf der gebürtige Wuppertaler nach knapp vier Jahren das Gefängnis verlassen und heuert beim Oberligisten Ratingen 04/19 an. Dort ist er gleich wieder mitten im Geschehen, macht mit klasse Leistungen auf sich aufmerksam. Wie geht das? Er war doch vier Jahre komplett aus dem Fußballzirkus raus?

“Man hat viel Zeit, über sich nachzudenken. Glücklicherweise konnte ich fußballerisch und athletisch arbeiten.” Der Angreifer, den neben einer überdurchschnittlichen Schnelligkeit noch eine gute Abschlussstärke und einen guten Blick für seine Mitspieler auszeichnen, übernimmt hinter Gittern die Rolle des Sportwarts. Er ist für den gesamten Sportbereich der Justizvollzuganstalt verantwortlich. Mit Trainingsplänen vom Athletik-Trainer seines alten Vereins aus Wuppertal ausgestattet, arbeitet er an den Grundlagen seines Comebacks.

Keita-Ruel hat keinen Kontakt mehr zu den "Coolen"

Im Sommer  2016 führt Keita-Ruels Weg zur SG Wattenscheid 09. Wieder Regionalliga. Doch dieses Mal soll sein Weg dort nicht enden, er will sich nicht mehr von ihm abbringen lassen: ”Meine Mittäter sind heute auch alle raus aus dem Knast. Ich habe aber keinen Kontakt mehr zu diesen Leuten”.

Vielmehr will er seine Leistungen auf dem Platz kontinuierlich verbessern. “Ich bin 27 und habe noch einiges vor. Ich werde aber mit meinen Zielen, Träumen nicht herum posaunen. Das macht keinen Sinn. Fußball ist ein schnelllebiges Geschäft und es kann schnell nach unten wie auch oben gehen”, gibt er sich selbstbewusst und schiebt hinterher: “Für das, was ich jetzt mache, habe ich vier Jahre hart gearbeitet. Es gibt genügend Beispiele von Profis, die es erst spät in eine höhere Liga geschafft haben. Dieses Ziel verfolge auch ich nach wie vor.”

Bekommt er bald die Chance Profifußball?

Und vielleicht wird es ja noch was mit dem Traum vom Profifußball. Seine zwölf Tore und fünf Vorlagen in der aktuellen Saison im Wattenscheider Trikot haben Begehrlichkeiten geweckt. Angeblich sind neben dem Halleschen FC noch weitere Drittligisten an ihm dran. “Es ist sehr angenehm, wenn andere Vereine dich wollen. Das ist doch eine Bestätigung dafür, dass man eine gute Saison spielt”, fühlt sich Keita-Ruel geschmeichelt. Aber vom Zaun brechen will er nichts mehr: “Ich beschäftige mich nur mit Wattenscheid. Ich will, dass die SG in der nächsten Saison im DFB-Pokal spielt. Ich will noch einige Tore schießen.”

Er ist wieder mittendrin im Fußballerleben - vorbei die kriminellen Zeiten. Überfälle waren gestern. Und böse schauen tut er nur noch auf Fotos für seinen Modeljob. Ein zweites Standbein, sollte es mit dem Fußball doch nichts werden.