Schalke-Talent Fabian Reese: Tedescos "Mentalitätsmonster"

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Vor der Saison hat beim FC Schalke 04 kaum einer mit Fabian Reese gerechnet. Jetzt ist er eine echte Alternative im Kader von Domenico Tedesco.

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"Super Fabi", schallt es quer über den Trainingsplatz am Ernst-Kuzorra-Weg in Gelsenkirchen, als Fabian Reese den Ball gekonnt über Schalkes herausstürmenden Ersatzkeeper Michael Langer ins Tor lupft. Neben den lobenden Worten von Kapitän Ralf Fährmann sorgte die Aktion des 19-Jährigen auch bei den anwesenden Zuschauern für anerkennendes Kopfnicken, während ein echtes Ruhrpott-Original seinen Nebenmann fragt: "Dat is doch auch einer vom Elgert ausse Knappenschmiede, ne?"

Ähnliches werden sich auch andere Anhänger der Knappen fragen –  Wer ist dieser Fabian Reese eigentlich? Denn ist man ehrlich, haben nur die wenigsten damit gerechnet, dass der Jungprofi in dieser Saison für Schalke aufläuft, nachdem er im Mai mit seinem Leihverein Karlsruher SC in die dritte Liga abgestiegen ist, wo er zeitweise einen schweren Stand hatte.

Trotz Vertrag bis 2019 war es auch für Reese nicht selbstverständlich, in dieser Saison königsblau zu tragen und in der Bundesliga zu spielem, wie er im exklusiven Gespräch mit Goal verrät: "Eigentlich kam ich in der Vorbereitung mit dem Ziel nach Schalke zurück, einen passenden Leihverein zu finden. Obwohl es keine leichte Situation ist, bin ich komplett positiv in die Saison gestartet."

Fleiß zahlt sich aus

Denn auch der Offensivmann weiß, dass es gerade für junge Spieler extrem wichtig ist, regelmäßig Spielpraxis zu sammeln: "Es bringt mir nichts, nur auf der Bank zu sitzen." Mit diesem Satz im Hinterkopf nahm er sich auch für die Vorbereitung auf Schalke vor, "immer 100 Prozent zu geben." Genau diese Einstellung und der ausgeprägte Siegeswille, den der gebürtige Kieler mitbringt, haben ihm in den letzten Wochen einige Befürworter verschafft – darunter auch Trainer Domenico Tedesco.

Denn während mit Haji Wright und Bernard Tekpetey Spieler, die medial mehr Beachtung fanden, an Leihvereine abgegeben wurden, blieb Reese fest im Ruhrgebiet. "Dem Trainer hat gefallen, was ich mache, weshalb sein Vertrauen in mich stetig gewachsen ist. Die letzten Wochen haben gezeigt, dass er mir Chancen gibt und ich mehr bin als nur ein Statist", erklärt der U20-Nationalspieler.

Dieses Vertrauen zeigte sich schon an den ersten beiden Spieltagen, als Tedesco den Jungspund gegen RB Leipzig und Hannover 96 einwechselte. Als junger, hungriger Spieler mit starker Physis und hoher Spielintelligenz entspricht er in vielen Punkten den Idealvorstellungen des Coaches, der Experte darin ist, junge Spieler zu formen und weiterzuentwickeln."Er ist ein Mentalitätsmonster", schwärmt der Übungsleiter. "Im Training ist er immer der Spieler mit den meisten intensiven Läufen. Er zeigt großen Hunger, sich weiterzuentwickeln." 

Die königsblaue Allzweckwaffe

Während Reese in der A-Jugend vor allem seinem einstigen Idol Robin van Persie nacheiferte und als Rechtsaußen oder Mittelstürmer die Aufgabe hatte, an möglichst vielen gefährlichen Aktionen beteiligt zu sein, weht inzwischen ein etwas anderer Wind, was seine Position angeht. Denn Tedesco schätzt ihn für seine Vielseitigkeit und setzte ihn in der noch jungen Saison bereits auf verschiedensten Positionen ein: Mal als Mittelstürmer, mal Linksaußen, mal Rechtsaußen oder sogar als Rechtsverteidiger in der Fünferkette.

Für einen gelernten Offensivmann mag diese Rolle ungewöhnlich klingen, Reese jedoch findet durchaus Gefallen an der defensiveren Position und kann sich sogar vorstellen, dauerhaft umgeschult zu werden. "Das ist auf jeden Fall denkbar. Gerade für einen jungen Spieler ist es immer gut, vielseitig einsetzbar zu sein. Deshalb ist es sehr wichtig, auch zur Stelle zu sein, wenn man auf anderen Positionen gebraucht wird."

In seiner jungen Karriere wäre es nicht der erste Positionswechsel, denn schon Schalkes Jugendtrainer-Legende Norbert Elgert formte ihn nach seinem Wechsel von Holstein Kiel ins Ruhrgebiet vom Mittelfeldspieler zum Angreifer. Mit großem Erfolg, wie ein Blick auf seine Leistungen in der U19 beweist: In 51 Spielen erzielte Reese 21 Treffer und bereitete 26 weitere Tore vor – starke Zahlen, die nicht zuletzt dafür sorgten, dass er seit 2016 regelmäßig in die Junioren-Nationalmannschaften des DFB berufen wird.

GFX Fabian Reese

Norbert Elgert gibt Karriere-Tipps

"Ich bin Norbert Elgert sehr dankbar", schwärmt Reese. "Er hat unglaubliche Arbeit geleistet und mich enorm nach vorn gebracht. Ich habe bis heute ein fast freundschaftliches Verhältnis zu ihm. Nach wie vor ist er für mich ein wichtiger Ansprechpartner, den ich gern in meine Entscheidungsfindung hinzuziehe." So holt sich der Youngster noch heute Karriere-Tipps beim ehemaligen Trainer und tauscht sich regelmäßig mit ihm aus, wie auch im Winter 2016, als er im Kader der Schalker nicht über den Reservistenstatus hinauskam und mit einer Leihe liebäugelte.

Schließlich landete er für ein halbes Jahr beim Karlsruher SC, wo der junge Allrounder die Schattenseiten des Fußballgeschäfts kennenlernte. Denn statt mit S04 um die internationalen Plätze zu kämpfen, stand plötzlich Abstiegskampf in der zweiten Liga an der Tagesordnung. "Diese Zeit hat mir gezeigt, dass es im Fußball auch um Existenzen geht", erklärt der 19-Jährige heute.

Obwohl er speziell unter dem damaligen KSC-Trainer Mirko Slomka keinen leichten Stand hatte, konnte Reese in diesen sechs Monaten wichtige Erfahrungen sammeln und immerhin zehn Pflichtspiele für die Badener bestreiten. Dass die Zeit mit dem sportlichen Super-GAU, der gleichbedeutend mit dem Abstieg in die dritte Liga war, endete, hat den Teenager schwer getroffen: "Es macht keinen großen Unterschied, ob man nur ausgeliehen ist oder nicht. Wenn ich etwas mache, dann zu 100 Prozent. Deshalb war ich am Boden zerstört, als schließlich Gewissheit herrschte."

Ziele? "Erstes Bundesligator wäre ein Traum"

Mit dieser schmerzhaften Erfahrung im Gepäck ist er vielen seiner Altersgenossen im Profifußball einen Schritt voraus. Denn ein Abstieg aus der zweiten Liga sollte jungen Talenten dabei helfen, Wertschätzung dafür zu empfinden, bei einem Bundesligisten unter Vertrag stehen zu dürfen. Auch im Fußball geht es nicht immer nur bergauf – das musste Reese in Karlsruhe am eigenen Leib erfahren.

Dementsprechend kann der Youngster sein Strahlen auch nicht verbergen, wenn er von der laufenden Saison, seinen Einsatzchancen in der Bundesliga und seinen persönlichen Zielen bei seinem "Herzensklub" Schalke spricht. Im Bewusstsein, dass er mit 19 Jahren zu den Küken im Team gehört, fallen diese Ziele nüchtern und realistisch aus. Eine zweistellige Zahl an Einsätzen sollte es sein. "Und mein erstes Bundesligator wäre ein Traum", verrät er.

Bedenkt man, dass er in der noch jungen Saison bereits zwei Einsätze vorweisen kann, ist der Schalker auf einem guten Weg, seine Ziele zu erreichen. Mit dem nötigen Ehrgeiz, aber auch Realismus ausgestattet, scheint Reese viel mehr als prädestiniert dazu, sich Schritt für Schritt im Profifußball zu etablieren – sodass in wenigen Monaten womöglich niemand mehr fragen muss, wer dieser Fabian Reese eigentlich ist. 

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