Menschenmassen um Mitternacht. Pyro und Fahnen. Geschrei und Blitzlichtgewitter. Leroy Sane wurde in Istanbul wie ein Heilsbringer empfangen und das ist wenig verwunderlich. Schließlich wechselt einer der besten deutschen Fußballer im besten Fußballeralter von 29 Jahren in die international bestenfalls zweitklassige Süper Lig. Nicht zu fassen. Weder für die euphorisierten Galatasaray-Fans, noch für den nüchternen Beobachter in Deutschland.
Getty ImagesKommunikatives Desaster beim FC Bayern München: Leroy Sane geht mit einer Selbstdemontage und zwei Seitenhieben
Finanziell ist der Transfer für Sane höchst lukrativ. Dem Vernehmen nach verdient er bei Galatasaray künftig netto deutlich über zehn Millionen Euro. Damit mehr als bisher beim FC Bayern und mehr als doppelt so viel wie ihm die Münchner für eine Verlängerung geboten haben. Es geht dabei aber nicht nur um harte Zahlen, sondern auch um weiche Wertschätzung.
Sane durfte beim FC Bayern in den vergangenen Monaten beobachten, wie der ein Jahr ältere Joshua Kimmich einen neuen Vertrag ohne Gehaltseinbußen unterschrieb. Wie Alphonso Davies und Jamal Musiala für ihre Verlängerungen sogar deutliche Gehaltserhöhungen bekamen und dazu Handgelder in Millionenhöhe. Genau wie die ablösefreien Neuzugänge Jonathan Tah und Tom Bischof. Er durfte auch beobachten, wie der FC Bayern ein Sondervermögen in Höhe von 250 Millionen Euro für Bayer Leverkusens Florian Wirtz schnürte.
Leroy Sane: Sportlich gleicht dieser Schritt einer Selbstdemontage
Ja, all diese Entscheidungen sind für sich stehend nachvollziehbar. Auf Sane muss es dennoch befremdlich gewirkt haben, dass ausgerechnet bei ihm derart radikal gespart werden soll. Ja, Sane unterliegt Formschwankungen und polarisiert mit seiner Körpersprache. Die Zahlen aber sprechen für ihn: Seit seiner Ankunft 2020 zählte Sane in jeder Saison zu den zehn am meisten eingesetzten Spielern. In 220 Pflichtspielen sammelte er für einen Flügelstürmer höchst respektable 116 Scorerpunkte. Die vergangene Saison schloss er als viertbester Scorer ab.
Mehrmals betonte Sane seine Bereitschaft zu einer Verlängerung, grundsätzlich hätte er wohl auch einer Gehaltsreduktion zugestimmt. Aber gleich so viel weniger? Dass er sich unter diesen Umständen nach Alternativen umgeschaut hat, ist absolut nachvollziehbar. Eine Rückkehr nach England, wo er einst bei Manchester City spielte und wo seine Frau lebt, erschien naheliegend.
Seine Entscheidung für die Türkei gleicht dagegen rein sportlich einer Selbstdemontage. Viel zu früh verabschiedet sich Sane damit vom großen Fußball. Er wird mit Galatasaray zwar in der Champions League spielen, gewinnen wird er sie aber nicht. Gleichzeitig verringert er seine Chancen auf eine WM-Teilnahme im kommenden Sommer. Undenkbar, wie bisweilen hysterisch behauptet, ist sie durch den Transfer natürlich nicht. Sollte Sane bei Galatasaray überzeugen, spricht grundsätzlich nichts gegen künftige Nominierungen.
GettyFC Bayern: Theater gab es auch bei Kimmich, Müller und Wirtz
Die Rolle des FC Bayern ist in dieser Causa aber mindestens genauso fragwürdig wie die von Sane. Ihn ablösefrei zu verlieren anstatt für etwas mehr Geld zu binden, kann man statt als Einsparungsmaßnahme auch als Vermögensvernichtung betrachten. Gleichzeitig steigt nun der Druck, unbedingt einen neuen - sicherlich teuren - Flügelstürmer mit Stammplatzpotenzial zu verpflichten. Der kommunikative Hergang fügt sich unterdessen ganz hervorragend ins Bild ein, das die Bosse des FC Bayern bei zahlreichen wichtigen Personalentscheidungen der vergangenen Monate abgaben.
Los ging es mit dem Volley-Theater bei Kimmichs Vertragsverlängerung. Als Kapitän der Zukunft angepriesen, einigte sich Kimmich mit Sportvorstand Max Eberl zunächst mündlich, ehe der mächtige Aufsichtsrat um Patron Uli Hoeneß das Angebot nach einer eilig gesetzten Deadline zurückzog. Schließlich verlängerte Kimmich doch noch. Vor allem Eberl ging geschwächt aus der Episode hervor.
Beim unwürdigen Umgang mit Klub-Ikone Müller wiederholte sich die Geschichte. Eberl stellte Müller Anfang des Jahres öffentlich eine Vertragsverlängerung in Aussicht, er selbst dürfe über seine Zukunft entscheiden. Ausgerechnet bei der Premiere seines Films kassierte Hoeneß diese Ansage aber wieder ein. Obwohl Müller selbst verlängern wollte, bekam er letztlich keinen neuen Vertrag.
Unterdessen buhlte Hoeneß intensiv um eine Verpflichtung von Florian Wirtz. Trotz aller Treffen mit seinem Berater-Vater Hans, trotz aller öffentlicher Schmeicheleien und finanzieller Anstrengungen entschied sich Wirtz für einen Wechsel zum FC Liverpool.
FC Bayern: Das kommunikative Desaster bei Leroy Sane
Bei Sane ließ sich die Klubführung zunächst lange Zeit und wähnte sich dann ähnlich sicher wie bei Wirtz. Mitte Mai sagte Eberl: "Wir sind in guten Gesprächen, in zielführenden Gesprächen, aber die Unterschrift fehlt noch.Wir würden es gerne machen, Leroy auch." Wenige Stunden später wechselte Sane seinen Berater. Zurück auf Start.
Zum kommunikativen Desaster verkam der Poker ausgerechnet bei der Meisterfeier. Präsident Herbert Hainer verkündete, dass der Klub "keinen Zentimeter" vom bisherigen Angebot an Sane abrücken werde. Damit wollte er Stärke zeigen, schränkte den Handlungsspielraum der sportlichen Führung in dieser komplizierten Situation aber völlig unnötig ein. Diese widersetzte sich offenbar dem Machtwort des Präsidenten und bot Sane dennoch (vergeblich) verbesserte Konditionen an.
Abgerundet wurde das Desaster von widersprüchlichen Aussagen der deutlich zu zahlreichen Bosse. Während Hainer eine Entscheidung Sanes innerhalb der nächsten Tage verlangte, verzichteten Hoeneß und Eberl - in überraschender Einigkeit - explizit auf jeglichen Zeitdruck. Diese Mehrstimmigkeit innerhalb des Klubs sorgte schon bei Kimmich, Müller und Wirtz für Verwunderung.
Zum Abschied leistete sich Sane nach dem überraschenden Beraterwechsel noch einen zweiten krachenden Seitenhieb gegen den FC Bayern. Für seine Reise zur Vertragsunterschrift wählte er ausgerechnet den ersten Tag nach dem Ende der Sonder-Transferphase. Bei der so lukrativen Klub-WM müssen die Münchner somit nicht nur auf den fest eingeplanten und bereits als Kadermitglied genannten Sane verzichten. Sie können nicht einmal mehr einen schnellen Ersatz besorgen.

