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"In England habe ich gelernt, dass Fußball hässlich sein kann": Ein ehemaliger Zweitligakicker kostet heute mehr als 30 Millionen Euro

Im Elternhaus von Christos Tzolis ist es nicht schwer zu erraten, welches Zimmer ihm gehört. Die einzige Tür, die mit einem riesigen PAOK-Logo verziert ist, verrät unmissverständlich, wo der Grieche schläft. Tzolis muss vorsichtig sein, wenn er seine Tür öffnet, da sonst unter Umständen die Medaillen, Wimpel und Trophäen aus den Regalen fallen.

"Das ist mein Favorit", sagt der neunzehnjährige Tzolis in der PAOK-Dokumentation "Golden Boy", als er nach einer seiner vielen Trophäen greift. "MVP eines Jugendturniers in Istanbul", steht auf dem Pokal. "Warum? Weil Wesley Sneijder ihn mir überreicht hat. Deshalb ist das der beste."

  • Eine große Reise zum FC Barcelona

    Tzolis strahlt, während er die Trophäe von 2014 in seinen Händen wiegt. Die vielen noch greifbaren Erinnerungen machen dieses Kinderzimmer zu einem besonderen Ort. Tzolis war erst vier Jahre alt, als er als kleiner Junge zum ersten Mal Fußball spielte. Das tat er bei Doxa Pentalofos, einer kleinen Mannschaft etwas außerhalb von Thessaloniki. Er war der jüngste Spieler, der jemals für eine Mannschaft des Vereins gespielt hat.

    Auf der Bank am Doxa-Platz fehlen vier blaue Plastikstühle. Auf der Tribüne fehlen noch mehr - und von der Überdachung über der Tribüne ist nur noch wenig übrig. Dennoch fühlt sich Tzolis hier zu Hause. "Hier habe ich meine ersten Schritte im Fußball gemacht", sagt er. "Ich habe hier einige wundervolle Momente erlebt."

    Im Alter von vier bis acht Jahren spielte er für Doxa. Dann klopfte PAOK an und fragte, ob Tzolis in ihre Jugendakademie wechseln wolle. Natürlich wollte er seinen ersten Verein nicht so einfach verlassen. "PAOK hat mich unter Vertrag genommen, aber Doxa wollte, dass ich die Saison bei ihnen zu Ende spiele", erinnert sich der Stürmer in Het Laatste Nieuws.

    "Also spielte ich samstags zuerst für PAOK und dann fuhren wir zum anderen Spiel. Die Pause zwischen den beiden Spielen war so kurz, dass ich mich im Auto umziehen musste." Seine Jugendjahre bei PAOK sind ihm für immer in Erinnerung geblieben - und ganz sicher wird er ein Freundschaftsspiel gegen den FC Barcelona nie vergessen. PAOK hatte eine Einladung des spanischen Spitzenklubs erhalten, nach Katalonien zu reisen. Selbst ein Jahrzehnt später spricht Tzolis noch immer begeistert davon. "Ich erinnere mich daran, als wäre es gestern gewesen!"

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  • Christos Tzolis PAOKGetty Images

    Finanzkrise bringt die Familie Tzolis nach Deutschland

    "Wir haben gegen Barcelona gespielt und sie mit 2:1 besiegt – eine unglaubliche Erfahrung. Wir haben darin eine Chance gesehen, uns einen Namen zu machen, denn jede Menge Leute haben das Turnier verfolgt. Genau das ist dann auch passiert." Tzolis erzielte ein atemberaubendes Tor und hinterließ einen hervorragenden Eindruck bei den Scouts, die an diesem Tag in La Masia unterwegs waren.

    "Damals war mir das nicht bewusst; ich habe es erst später erfahren. Barcelona war interessiert, aber ich war noch sehr jung. Letztendlich hat es nicht geklappt." Tzolis’ Talent steht bei PAOK jedoch außer Frage – dort erzielte er für eine der Jugendmannschaften 100 Tore in 48 Spielen.

    Kein Wunder, dass die Verantwortlichen des Vereins zutiefst enttäuscht waren, als sie erfuhren, dass Tzolis’ Familie aufgrund der Finanzkrise in Griechenland gezwungen war, das Land zu verlassen. "Während der Finanzkrise sah es für uns nicht gut aus", erklärt Tzolis’ Vater. "Deshalb haben wir beschlossen, als Familie nach Deutschland zu ziehen."

    Tzolis musste sich an eine neue Umgebung, eine neue Schule und neue Freunde gewöhnen - vor allem aber an den Fußball. In Deutschland spielte er auf einem niedrigeren Niveau als gewohnt, in den Jugendmannschaften weniger namhafter Vereine wie dem SV Alemannia Königstädten oder dem SC Rosenhöhe Offenbach. Doch das Heimweh überkam die Familie - und so kehrte sie 2018 nach Griechenland zurück.

  • Christos Tzolis FC TwenteGetty Images

    In England läuft es für Christos Tzolis nicht

    Dort empfing ihn PAOK mit offenen Armen, und in seinem ersten Jugendspiel auf griechischem Boden erzielte der schnelle Stürmer – der seine Fußballkarriere als rechter Außenverteidiger begonnen hatte – sofort drei Tore. Er hatte in Deutschland nichts von seinem Fußballtalent eingebüßt. Einige Jahre später gab er sein Debüt in der ersten Mannschaft gegen Olympiakos, bereits im nächsten Spiel erzielte er sein erstes Tor.

    In der Champions-League-Qualifikation festigte er seinen Platz in der Startelf mit zwei Toren und einer Vorlage gegen Besiktas. Nach 57 Einsätzen für die erste Mannschaft stand für den 19-jährigen Tzolis zum zweiten Mal der Abschied an. Diesmal war sein Ziel nicht Deutschland, sondern England.

    Norwich City war bereit, seinen eigenen Transferrekord zu brechen, um den talentierten Tzolis von PAOK loszueisen. Er kostete den Verein elf Millionen Euro. In der Premier League lief es für Tzolis nicht rund. Jahre später stört das den Griechen selbst nicht sonderlich. "Was soll ich dazu sagen? Schaut euch einfach meine Einsatzzeiten an. Ich muss heute darüber lachen. Weniger als 800 Minuten in einer ganzen Saison!"

    "Fünf Spieltage vor Saisonende war Norwich bereits rechnerisch abgestiegen. Wissen Sie, wie viele Minuten ich in diesen fünf Spielen bekam? Null! Obwohl sie viel Geld für mich bezahlt haben. Ich bin bis heute der teuerste Neuzugang des Vereins. In England habe ich gelernt, dass Fußball hässlich sein kann. Bei PAOK lief immer alles nach meinen Vorstellungen."

    "Das ist eine wertvolle Lektion", sagt Tzolis, der in der folgenden Saison an den FC Twente nach Holland ausgeliehen wurde. Ron Jans, damals Cheftrainer in Enschede, ist "absolut begeistert" von seiner Verpflichtung. Die Freude währt jedoch nur kurz. Tzolis hat immer noch mit einer Knieverletzung zu kämpfen und schafft es nicht, Virgil Misidjan aus der Twente-Startelf zu verdrängen.

  • Über Düsseldorf nach Belgien

    Die Entscheidung lag bei Jans: Sollte Twente die Leihe vorzeitig beenden? Ja, meinte der Trainer. "Wir haben alle Optionen abgewogen. Ich habe gesehen, wie es für den Jungen bergab ging. Er war verletzt gewesen, auch seine Einsätze als Einwechselspieler danach waren sehr schwierig. Der menschliche Aspekt ist ebenfalls wichtig", sagte Jans 1Twente.

    Es sind die härtesten Jahre seiner Karriere. Tzolis ist aber immer fröhlich, glücklich und freundlich. "Das liegt einfach in meiner Natur. Als Fußballer hat man ein fantastisches Leben. Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht und fast alle meine Träume schon in jungen Jahren verwirklicht."

    Eine zweite Leihe soll ihn wieder auf Kurs bringen. Tzolis kehrt nach Deutschland zurück, diesmal zum Zweitligisten Fortuna Düsseldorf. Mit 22 Toren (und zudem 7 Vorlagen) wurde der linke Flügelspieler zum gemeinsamen Torschützenkönig der Liga. Der größte Rückschlag: das schmerzhafte Scheitern im Kampf um den Aufstieg in die Bundesliga. Die 3:0-Führung gegen den VfL Bochum, die auch zwei Vorlagen von Tzolis zu verdanken war, wurde im Relegations-Rückspiel noch komplett verspielt.

    Natürlich zog Fortuna die Kaufoption, die im Leihvertrag festgelegt war, doch der Zweitligist hatte keine Chance, den Griechen im Verein zu halten. Drei Tage später wechselte er nach Brügge, wobei Club 6,5 Millionen Euro zahlte. Nach sechs Monaten Anlaufzeit in Belgien lief es dann für ihn richtig gut.

    Im Jahr 2025 erzielte Tzolis 25 Tore und lieferte 23 Vorlagen. Mit diesen unglaublichen Statistiken liegt er europaweit nur hinter Kylian Mbappe, Harry Kane, Erling Haaland, Vangelis Pavlidis und Michael Olise. Angebote mit Ablösesummen von mehr als 30 Millionen Euro werden vom belgischen Verein sofort abgelehnt.

  • Tzolis ist "ein Vorzeigeprofi"

    "Christos ist jemand, der sich Woche für Woche beweist", sagt der ehemalige Club-Trainer Nicky Hayen. "Nicht nur in Bezug auf Statistiken oder seine gefährlichen Tiefenläufe. Auch seine Mentalität macht ihn zu einem großen Gewinn für uns. Er passt sehr gut in den Kader. Ein Vorzeigeprofi, mit dem man jeden Tag zusammenarbeiten möchte."

    Seine Eltern können dem nur zustimmen. "Er ist entschlossen und steht mit beiden Beinen fest auf dem Boden. Er ist ein ruhiger Junge, der hart arbeitet", sagt seine Mutter über ihren "Golden Boy". Sie fügt schnell hinzu: "Und er ist ein wählerischer Esser!" Tzolis kann das nicht abstreiten.

    "Letzten Sommer, als ich gerade erst hier angekommen war, fuhren wir zu einem Trainingslager in die Niederlande. Jeden Abend stand Tzatziki auf dem Tisch. Ich glaube, ich war der Einzige, der es nicht gegessen hat. Und alle haben nur gelacht. Seitdem nennen sie mich 'Tzatziki'."

    Auch die belgische Presse zeichnet ein recht treffendes Bild von "Tzatziki". "Er ist ein liebenswerter, netter Kerl, aber er steht gerne im Rampenlicht. Um auf dem Platz zu glänzen und abseits davon Anerkennung zu bekommen." Als Tzolis im Januar den Goldenen Schuh als Torschützenkönig verpasste, war er daher "absolut am Boden zerstört".

    "Bin ich enttäuscht? Ja, das bin ich. Denn ehrlich gesagt hatte ich das überhaupt nicht erwartet", sagte der Grieche, nachdem Ardon Jashari den Preis gewonnen hatte. In Belgien sprechen Journalisten von einem "massiven Formtief". "Seit er den Goldenen Schuh nicht bekommen hat, kämpft er. Das sieht man nicht nur an seinen Leistungen, sondern auch an seinem Gesicht."

    Doch nun stimmen die Statistiken bei Tzolis wieder. Mit drei Toren und zwei Vorlagen in den letzten vier Ligaspielen – und einem Tor im Champions-League-Spiel gegen Atletico Madrid – scheint die Formkrise vorbei zu sein.