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hall of fame MatthäusGetty Images

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"Ich will keinen Platini. Ich will Lothar Matthäus": Deutschlands Rekordnationalspieler - ein Champion, der der Zukunft voraus war

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"Rekorde sind dazu da, gebrochen zu werden" – Billie Jean King

Das ist eines der ungeschriebenen Gesetze des Sports. Früher oder später kommt immer jemand, der mehr Tore schießt oder länger spielt. Frag anch bei Miroslav Klose. Oder Lionel Messi,dem der WM-Torrekord sogar im vorletzten Spiel des Turniers wieder entrissen wurde von Kylian Mappe.

Im Fußball erging es vielen Champions so, sogar Lothar Matthäus. Viele seiner einst als ewig geltenden Rekorde fielen. Er ist noch immer deutscher Rekordnationalspieler mit 150 Spielen, aber eben nicht mehr WM-Rekordspieler - seine 25 Spiele werden überboten von Cristiano Ronaldo (27 Spiele) und Lionel Messi (34 Spiele).

Doch noch heute genügt es, seinen Namen zu nennen, um das Bild des Mittelfeldspielers zu sehen, der gegnerischen Spielmachern keine Atempause gönnte. Das Bild des Allrounders, der das Münchner Olympiastadion, das San Siro und die ganze Welt verzauberte. Die Bilder seiner harten Rechtsschüsse, die jeden Torwart bezwingen konnten, des Liberos, der seine Mitspieler mit Autorität anführte. Denn Matthäus war all das und noch mehr: ein Kapitän, der zwei Epochen verband und einem Fußball vorausging, dessen Modernität erst Jahre später sichtbar wurde.

Als der mexikanische Schiedsrichter Edgardo Codesal Méndez die Pfeife an die Lippen setzte und das WM-Finale 1990 beendete, schien die Zeit für einige Sekunden stillzustehen. Vor fast 75.000 Zuschauern im Olympiastadion von Rom blieb Lothar Matthäus regungslos stehen. Er ignorierte die Kameras, startete keinen Jubel-Sprint. Er senkte den Blick, atmete tief ein, dann ließ er sich von der Begeisterung seiner Teamkollegen mitreißen. Wenige Minuten später hob er als Kapitän der westdeutschen Nationalmannschaft den Weltmeisterpokal. Es war der Höhepunkt einer außergewöhnlichen Karriere und der Moment, in dem Vergangenheit und Zukunft sich trafen.

In dieser Nacht gewann nicht nur der beste Mittelfeldspieler der Welt. Es gewann eine Fußballphilosophie. Die Nummer 10, die Bälle im defensiven Mittelfeld eroberte, der Spielmacher, der so treffsicher wie ein Mittelstürmer schoss, der Anführer, der neunzig Minuten lang lief und dabei höchste Qualität bewahrte. Matthäus’ Spiel war schon auf die Zukunft ausgerichtet. Allen anderen voraus.


  • "Ich habe viel mehr aus den Niederlagen gelernt als aus den Siegen": Was Matthäus von Diego Maradona unterschied

    Wer Matthäus wirklich verstehen will, muss nach Herzogenaurach zurückkehren, in jene fränkischen Kleinstadt, die die Sportgeschichte nachhaltig prägen sollte. Hier, in der Heimat von Adidas und Puma, kam am 21. März 1961 Lothar Herbert Matthäus zur Welt. Hier gehört Fußball zum Alltag wie Politik oder Arbeit.

    Sein Talent zeigt sich früh, noch auffälliger sind seine Disziplin und sein fast obsessiver Wille, sich zu verbessern. Als der junge Teenager zu Borussia Mönchengladbach wechselt, braucht der Altstar Berti Vogts nur wenige Trainingseinheiten, um zu erkennen, wen er vor sich hat: "Lasst ihn sofort unterschreiben." Vogts erkennt nicht nur Matthäus' technische Qualitäten, sondern auch etwas Selteneres: seine Mentalität.

    Der Verein wird zur Werkstatt, in der Matthäus sein Spiel formt. Er läuft mehr als die anderen, erobert Bälle, begleitet den Aufbau und schießt aufs Tor. In einer Zeit, in der man von Mittelfeldspielern verlangt, sich auf eine Rolle zu festlegen, versucht er, alle Rollen auf einmal einzunehmen. Er will nicht nur Balljäger sein. Es reicht ihm nicht, nur Spielmacher zu sein. Er ahnt früh, dass die Zukunft den Allroundern gehört.

    1980 gewinnt er mit 19 Jahren den EM-Titel mit der westdeutschen Nationalmannschaft in Italien. Es ist sein erster großer Titel und ein Vorgeschmack auf die Siegermentalität, die sein Leben prägen wird. Wenige Jahre später erlebt er Niederlagen, die ihn prägen: den verschossenen Elfmeter im DFB-Pokalfinale 1984 gegen den FC Bayern München und, nach seinem Wechsel nach München, die Finalniederlage im Europapokal 1987 gegen Porto. Diese Rückschläge bremsen seine Entwicklung nicht, sondern formen seinen Charakter.

    "Ich habe viel mehr aus den Niederlagen gelernt als aus den Siegen", sagt er später. Genau das unterscheidet ihn von anderen Topspielern seiner Zeit. Er sieht Talent nie als Ziel, sondern immer als Start.

    Während der junge Deutsche auf dem Platz seine eigene Identität aufbaut, schreibt auf der anderen Seite der Welt ein argentinischer Junge die Bedeutung des Wortes "Genie" neu. Maradona verzaubert mit dem Ball am Fuß. Matthäus setzt sich mit und ohne Ball durch. 

    Zwei gegensätzliche Arten, den Fußball zu interpretieren. Zwei Ausnahmespieler, deren Begegnung das Schicksal bereits beschlossen hat.


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    Lothar Matthäus: Mehr nur ein morderner Mittelfeldspieler

    Als Lothar Matthäus im Sommer 1984 nach München kam, stand sein Talent bereits außer Frage. Für Borussia Mönchengladbach bestritt er 200 Pflichtspiele, erzielte 51 Tore und erreichte ein UEFA-Pokalfinale. Offen war nur, ob er sich dauerhaft auf höchstem Niveau durchsetzen konnte.

    Er verfeinert sein Spielverständnis, lernt, das Tempo zu steuern, und verbessert sich im Spielaufbau, ohne die unbändige Intensität zu verlieren, die ihn zu einem der vielversprechendsten Talente Deutschlands gemacht hatte. Er erobert Bälle, bestimmt das Tempo, begleitet den Spielzug und schließt mit einem kraftvollen und präzisen Rechtsschuss ab. Er ist nicht mehr nur ein moderner Mittelfeldspieler: Er entwickelt sich zu einem Allround-Fußballer.

    Die Erfolge stellen sich ein. In seiner ersten Zeit beim FC Bayern holt er drei Meisterschaften, einen DFB-Pokal und einen Supercup und hilft dem Club, wieder an die Spitze von Deutschland und Europa zu kommen. 

    Auch Niederlagen lehren etwas. Im Mai 1987 reist der FC Bayern nach Wien, um im Europapokal der Landesmeister gegen Porto anzutreten. Die Deutschen gehen in Führung und scheinen das Spiel unter Kontrolle zu haben. Doch innerhalb weniger Minuten drehen Madjers Hackentrick und Juarys Tor das Spiel. Es ist eine der bittersten Enttäuschungen seiner Karriere, doch statt ihn zu entmutigen, spornt es ihn an, sich noch weiter zu verbessern. Diese Nacht wird so eher zu einer Lektion als zu einer Wunde. Die letzte Etappe seiner ersten Zeit in Deutschland, während die wichtigste Herausforderung seines Lebens gerade erst beginnt.


  • imago-sport-20323733.jpgWEREK

    "Ich will keinen Platini. Ich will Lothar Matthäus": Was gab Lothar Matthäus Inter Mailand?

    Giovanni Trapattoni holte ihn nach Italien, zu Inter Mailand. "Ich weiß, dass du kein Platini bist. Aber ich will keinen Platini. Ich will Lothar Matthäus", sagte er zu ihm, um ihn zu überzeugen.

    In diesen wenigen Worten steckt die Idee des Projekts der Nerazzurri. "Il Trap" sucht keinen Spielmacher für die Titelseiten: Er will einen Anführer, der die Mannschaft zusammenhält. Der Erste, der verteidigt, der Erste, der das Spiel aufbaut, der Erste, der Verantwortung übernimmt, wenn es brenzlig wird.

    Sein Einfluss in der Serie A zeigt sich sofort. Ende der 1980er Jahre gilt die italienische Meisterschaft als die stärkste der Welt. Im San Siro treten die größten Champions der Welt auf. Die AC Milan mit den Niederländern um Arrigo Sacchi, SSC Neapel mit Maradona, Sampdoria Genua mit Vialli und Mancini, Juventus Turin mit Zoff, Rui Barros und Zavarov sowie die Fiorentina mit Roberto Baggio. Den Scudetto zu gewinnen bedeutet, die absolut wettbewerbsintensivste Meisterschaft zu erringen.

    Mailand braucht nicht lange, um ihn ins Herz zu schließen. Lothar schießt Tore, erobert Bälle zurück, leitet das Spiel ein. Er trägt seine Mitspieler mit einer überraschenden Selbstverständlichkeit mit. Seine Standardsituationen werden zu seinem Markenzeichen, seine Fernschüsse versetzen das San Siro in Ekstase. Doch sein wichtigster Beitrag zeigt sich in dem Vertrauen, das er seinen Mitspielern einflößt.

    An seine Seite treten Andreas Brehme und im folgenden Jahr Jürgen Klinsmann. Die "drei Deutschen" erobern schnell die Herzen der Nerazzurri-Fans. Doch Matthäus ist der technische und charismatische Anführer der Mannschaft.

    Am Ende der Saison folgt der wichtigste Titel. Der Scudetto 1988/89 bleibt einer der außergewöhnlichsten in der Geschichte von Inter. 58 Punkte in der Ära, in der es zwei Punkte pro Sieg gab, und elf Punkte Vorsprung auf den amtierenden Meister Napoli zeugen von totaler Dominanz.

    Das Schicksal verflechtet sich weiter mit dem von Diego Armando Maradona. Inter gegen Napoli ist mehr als ein Spitzenspiel; es ist ein Duell gegensätzlicher Philosophien. Auf einer Seite stehen Inspiration und Genie der argentinischen Nummer 10, auf der anderen Seite stehen Vielseitigkeit und mentale Stärke des deutschen Mittelfeldspielers. Maradona formt den Ball nach seiner Fantasie, Matthäus formt die Spiele nach seinem Willen.

    Am 28. Mai 1989 im San Siro landet Matthäus' Freistoß im Tor. Das 2:1 gegen die SSC Neapel und Maradona besiegelt den Endstand und bringt den Nerazzurri den Scudetto. Das Tor steht für ein Inter, das seinen Anführer gefunden hat. 

    Im Laufe der Jahre wich die Rivalität der Wertschätzung. Maradona nannte ihn den stärksten Rivalen seiner Karriere. Matthäus bezeichnete Diego später als den genialsten Spieler, gegen den er je angetreten ist.


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    "Der beste Spieler, den Deutschland je hatte": Wie Franz Beckenbauer Matthäus adelte

    1990 ist das Jahr, in dem endlich alle Puzzleteile passen. Matthäus reist als einer größten Stars zur Weltmeisterschaft in Italien. Der "Ballon d'Or" im Dezember ist dann nur die logische Folge seiner Entwicklung. Um ihn zu gewinnen, fehlt ihm aber noch ein Teil: der Weltmeistertitel.

    Franz Beckenbauer kennt die Bedeutung des Turniers. 1974 hob er als Kapitän den Pokal in die Höhe. Jetzt will er als Nationaltrainer den Titel zurück nach Deutschland holen. Dafür übergibt er die Mannschaft seinem Aushängeschild: Lothar Matthäus.

    Ihre Verbindung geht über das normale Verhältnis von Trainer und Kapitän hinaus. Beckenbauer sieht in ihm den natürlichen Träger seiner Fußballphilosophie. Ein Anführer, der die Mannschaft eher durch sein Vorbild als durch Worte führt. Es ist kein Zufall, dass der Kaiser ihn später als "den besten Spieler, den Deutschland je hatte" bezeichnen wird.

    Westdeutschland geht souverän durch das Turnier, und Matthäus führt die Mannschaft. Er erzielt vier Tore, bestimmt das Tempo, erobert Bälle und motiviert seine Mitspieler in kritischen Momenten. Er gestaltet das Spiel ohne feste Rolle: Er verteidigt, baut auf, greift an.

    Beim Auftaktspiel gegen Jugoslawien erzielt er einen Doppelpack, der sofort zu einem Symbolbild der WM 1990 wird. Zunächst bringt er die Mannschaft mit einem Linksschuss in Führung, dann gelingt ihm ein Tor für die Geschichtsbücher. Matthäus startet mit dem Ball aus der eigenen Hälfte, umspielt Jozic und feuert aus 25 Metern flach mit rechts – Ivkovic hat keine Chance. In diesem Lauf zeigt sich sein Fußball: Kraft, Technik, Persönlichkeit und Taktik. Er verkörpert den Allround-Mittelfeldspieler, den Prototyp des modernen Fußballers, der seiner Zeit dreißig Jahre voraus war.

    Im Finale im Olympiastadion von Rom wartet erneut der Gegner, der die entscheidenden Momente seiner Karriere geprägt hat: Diego Armando Maradona. Vier Jahre nach Mexiko-Stadt erlebt die Welt abermals das Duell Deutschland gegen Argentinien, das Aufeinandertreffen der beiden einflussreichsten Nummern zehn ihrer Zeit. Auf der einen Seite steht das argentinische Genie, das den Titel verteidigen will, auf der anderen der deutsche Kapitän, der seinen Durchbruch perfekt machen will.

    Das Finale bleibt lange ausgeglichen, hart und eng. Dann, wenige Minuten vor Schluss, entscheidet eine Szene das Spiel: Der mexikanische Schiedsrichter Codesal pfeift nach einem Foul von Sensini an Rudi Völler Elfmeter für Deutschland, die Südamerikaner protestieren. Eigentlich soll der Kapitän antreten. Doch dazu kommt es nicht.

    Sein rechter Schuh war in der ersten Halbzeit beschädigt worden. Er hatte ihn in der Halbzeitpause gewechselt, doch mit dem neuen Schuh fühlte er sich beim Aufsetzen nicht ganz sicher. Also wandte er sich an seinen Stellvertreter Andreas Brehme und sagte einfach: "Ich traue mich nicht. Geh du und schieß das Tor." Brehme gehorchte und versagte nicht.

    Hinter dieser Entscheidung steht ein Grundsatz, den Franz Beckenbauer ihm schon in den ersten Jahren in der Nationalmannschaft vermittelt hatte: "Frag mich nicht, wenn du auf dem Platz etwas siehst. Tu das, was du für das Beste hältst." Mehr als eine taktische Anweisung, eine Philosophie. Kapitän zu sein bedeutet, die Verantwortung für die eigenen Entscheidungen zu übernehmen, auch wenn dies den Verzicht auf eine Geste bedeutet, die auf die Titelseiten kommen würde. 

    Nach dem Schlusspfiff bleibt die deutsche Nummer 10 kurz regungslos stehen, blickt dann zum Himmel über Rom und lässt sich von seinen Teamkollegen umarmen. Wenige Minuten später reckt er mit der Kapitänsbinde den Weltmeisterpokal in die Höhe.

    Es ist das Bild, das in die Geschichte eingeht. Der Junge aus Franken, der Champion, der zwischen Gladbach und München groß geworden ist, der Anführer von Inter und Westdeutschland – all das findet endlich seine Vereinigung in einer lauen römischen Nacht. Matthäus hält den Weltmeisterpokal in den Händen.


  • Der erste Ballon d'Or in der MLS

    Im Dezember 1990 erhält Lothar den Goldenen Ball. Es ist die wichtigste Einzelauszeichnung und der logische Abschluss eines besonderen Jahres. In der Begründung für die Auszeichnung schreibt der Chefredakteur von "France Football", Jacques Thibert: "Matthäus zeichnet sich nicht durch eine einzige Stärke aus, sondern ist in allem gut, und das ermöglicht es ihm, sich in jedem Bereich des Spielfelds wohlzufühlen." Er ist nicht der Beste in einer einzelnen Eigenschaft. Er ist insgesamt der vielseitigste Spieler.

    Wenige Monate später gewinnt er auch die neu von der FIFA geschaffene Auszeichnung "World Player of the Year". Zu diesem Zeitpunkt verkörpert niemand die Entwicklung des modernen Fußballs besser als er.

    Für Matthäus sind Auszeichnungen kein Endziel, sondern der Beweis für eine Entwicklung, die Jahr für Jahr, Spiel für Spiel aufgebaut wurde. Nachdem er als Kapitän die Weltmeisterschaft gewonnen hatte, feierte ihn die Welt als die absolute Nummer eins.

    Im Frühjahr 1991 folgt ein weiterer europäischer Erfolg: Inter gewinnt den UEFA-Pokal, nachdem das Team die Roma besiegt. Für Lothar ist es der dritte und letzte Titel im Trikot der "Nerazzurri", der würdige Abschluss des von Giovanni Trapattoni aufgebauten Zyklus.

    Doch zum Feiern bleibt kaum Zeit. Die nächste Saison bringt eine Wende. Corrado Orrico löst Trapattoni auf der Inter-Bank ab. Das neue Projekt stockt, und Matthäus erlebt das schwierigste Jahr seiner Zeit bei den Nerazzurri.

    Als ob das nicht reicht, trifft Lothar der härteste Schlag: Eine schwere Knieverletzung stellt plötzlich alles infrage, was als sicher galt. Für einen Spieler, der seine Stärke aus körperlicher und technischer Vollkommenheit zieht, ist die Gefahr, nie wieder derselbe zu werden, sehr real.

    Doch Matthäus reagiert erneut. Er gibt nicht auf. Er passt sich an. Er erfindet sich neu. 1992 beendet er sein Kapitel bei Inter. Nach vier intensiven Jahren mit 154 Spielen, 53 Toren und 13 Vorlagen verlässt er Mailand.

    Die Rückkehr nach München ist kein Nostalgie-Trip. Matthäus wechselt zum FC Bayern, um wieder Titel zu holen. Mit der Kapitänsbinde führt er eine neue Generation an und erreicht 410 Pflichtspiele, 100 Tore und 15 Titel (7 Meisterschaften, 3 Pokale, 3 Ligapokale, 1 Supercup, 1 UEFA-Pokal).

    Die Jahre vergehen. Seine Beine verlieren an Spritzigkeit, doch sein Spielverständnis wächst. Matthäus rückt immer weiter nach hinten und entwickelt sich zu einem der ersten modernen - und letzten - Liberos im europäischen Fußball. Er baut das Spiel von hinten auf, führt die Abwehr an und bestimmt das Tempo. Er wechselt die Position, ohne seine Identität zu verändern: Er antizipiert erneut die Entwicklung des Spiels.

    Am 26. Mai 1999 im Camp Nou von Barcelona steht der FC Bayern kurz vor dem Champions-League-Titel gegen Manchester United. Matthäus verlässt in der Schlussphase das Feld, während die Deutschen noch führen. In der Nachspielzeit drehen Sheringham und Solskjær das Spiel. Es ist eine der schmerzlichsten Niederlagen: Lothars Traum, den wichtigsten europäischen Pokal in die Höhe zu recken, zerplatzt.


    SOC-US-MLS-LOTHARGetty Images


    Nach 464 Bundesligaspielen verabschiedet er sich vom deutschen Fußball, doch bevor er seine Fußballschuhe endgültig an den Nagel hängt, gönnt er sich noch einen Abstecher zu den New York MetroStars (heute Red Bulls) in die USA und wird damit der erste "Ballon d'Or"-Gewinner in der Major League Soccer. Es ist das letzte Kapitel einer Karriere, die sich über zwei Kontinente und fast ein Vierteljahrhundert erstreckte.

    Mit der Nationalmannschaft spielte er bei fünf Weltmeisterschaften in Folge, von 1982 bis 1998, zuerst für Westdeutschland und später für das vereinte Deutschland. Nach der EM 2000 beendete er seine Länderspielkarriere nach 150 Einsätzen – ein bis heute ungebrochener deutscher Rekord.

    Doch während die Zahlen in den Rekordbüchern stehen, bleibt das Vermächtnis von Lothar Matthäus aktuell. Heute sind wir an Mittelfeldspieler gewöhnt, die den Ball vor der Abwehr erobern und wenige Sekunden später bereits an der Strafraumgrenze des Gegners auftauchen. An Stars, die mehrere Rollen ausfüllen, Räume lesen, ihre Mitspieler führen und in beiden Spielphasen den Unterschied ausmachen können. Wir haben sie als Allrounder, Box-to-Box-Spieler oder Allround-Mittelfeldspieler bezeichnet.

    Matthäus tat all das in einem Fußball, der sich stark vom heutigen unterscheidet. Die Zahlen sind teilweise überholt, seine Art, das Spiel zu interpretieren, jedoch nicht. Denn noch bevor er Geschichte schrieb, war Lothar bereits die Zukunft.