Beim FC Bayern München gibt es eine ganz besondere Tradition, die vor allem das kulinarische Herz eines jeden Bayers höher schlagen lässt. Sobald ein Talent aus der eigenen Akademie für die Profis debütiert, werden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Campus zu einem gemeinsamen Weißwurstfrühstück eingeladen. Eine Besonderheit ist das gemeinsame Zusammenkommen in dieser Saison allerdings nicht mehr wirklich, vielmehr besteht schon eine gewisse Routine.
Getty ImagesHansi Flick tobte - ein heutiger Nationalspieler flüchtete: Wie ein Transferfehler den FC Bayern München spaltete
Trainer Vincent Kompany brummte der Belegschaft der Campus-Mensa schon satte neun (!) Anlässe auf, die legendären Brühwürste in Kochtöpfen zu erhitzen - zumindest besagt das die Milchmädchenrechnung. Denn seit dem ersten Spiel von Lennart Karl bei der Klub-WM im vergangenen Sommer feierten insgesamt ebenso viele Youngster ihr Profi-Debüt. In den vergangenen Wochen kamen die Köche und Weißwurst-Lieferanten jedoch gar nicht mehr hinterher.
"Da sind wir wieder - schneller als gedacht", begrüßte Nachwuchs-Chef Jochen Sauer unlängst das Küchenpersonal. Eigentlich war der Gaumenschmaus ein Resultat aus Maycon Cardozos Debüt Anfang März gegen Gladbach, seither debütierten aber auch Deniz Ofli, Filip Pavic und zuletzt Erblin Osmani. Einer kleinen Verletzungsmisere geschuldet, kam es vor der Länderspielpause zu einem Debütantenball nach dem anderen. Zeremonienmeister Kompany hatte zuvor in der Saison schon Wisdom Mike, David Santos Daiber, Cassiano Kiala und Felipe Chavez belohnt. Ein Rekord!
"Wir haben jetzt schon die meisten Debüts pro Saison von Spielern aus dem eigenen Nachwuchs geschafft und die insgesamt meisten Spielminuten mit dem jüngsten Durchschnittsalter der jeweiligen Spieler erzielt", schwärmte Sauer und betonte, dass kein anderer Klub in Europas Topligen eine solche Quote vorweisen könne. Wohl auch um das Campus-Personal zu entlasten, seien derzeit außerdem keine weitere Weißwurstfrühstücke geplant. Stattdessen werde es im Sommer ein Grillfest geben, "um unsere Rekord-Saison gebührend zu feiern".
Von welchem Stellenwert die historische Bestmarke ist, zeigt nicht nur der geplante "Bruch" mit der Tradition. Sondern auch ein Blick in die jüngere Vergangenheit. Eine derartige Förderung von Talenten war vor wenigen Jahren bei weitem nicht derart ausgeprägt und kostete den FC Bayern schon so manch gestandenen Top-Spieler der Gegenwart. Darunter auch Angelo Stiller, der durch seine herausragenden Leistungen beim VfB Stuttgart unter Ex-FCB-Nachwuchscoach Sebastian Hoeneß derzeit um einen Kaderplatz in der deutschen Nationalmannschaft für die anstehende Weltmeisterschaft kämpft. Seinem Abschied vom deutschen Rekordmeister ging ein "Schlag ins Gesicht" voraus, den in erster Linie der damalige Trainer Hansi Flick zu verantworten hatte.
Imago Images / Sven SimonTiago Dantas mittendrin: Historischer Transfer-Fünferschlag unter Hansi Flick zum Vergessen
Rückblick ins Jahr 2020: Die Bayern hatten mit Flick gerade das Triple gewonnen und befanden sich auf dem Weg zum Sextuple. Weil das Herbst-Wechselfenster wegen der Corona-Pandemie bis zum 5. Oktober geöffnet hatte, führte dies zu einer zuvor noch nie dagewesenen Transfer-Offensive im Herbst. Innerhalb von 24 Stunden verkündeten die Bayern die Verpflichtungen von Marc Roca (damals 23 Jahre alt, neun Millionen Euro Ablöse), Bouna Sarr (28, acht Millionen), Eric Maxim Choupo-Moting (31, ablösefrei), Douglas Costa (30, geliehen) und eines gewissen Tiago Dantas (19, geliehen). Federführend verantwortlich dafür war der damalige Sportvorstand Hasan Salihamidzic.
Spätestens mit zwei Jahren Abstand stellte sich das durchaus von Panik getriebene Vorgehen in Folge einer besorgniserregenden 1:4-Pleite bei der TSG Hoffenheim als eine der missratensten Aktivitäten der Bayern auf dem Transfermarkt heraus. Nur Choupo-Moting brachte nachhaltigen Mehrwert, während Sarr und Costa der Mannschaft nicht wirklich weiterhalfen. Roca und Dantas verbauten obendrein den gebürtigen Münchnern und vom Klub selbst ausgebildeten Stiller sowie Adrian Fein (heute beim SSC Jahn Regensburg) die Perspektiven - und zu allem Überfluss kosteten sie teilweise noch einen Haufen Geld.
Für Roca erzielten die Bayern zwei Jahre später immerhin noch ein Transferplus von drei Millionen Euro, als dieser für kolportierte zwölf Millionen Euro zu Leeds United weiterzog. Das Leihgeschäft mit Benfica Lissabon bei Dantas ist daher umso fragwürdiger. Jene erfolgte insbesondere auf Drängen Flicks, der den zweifellos talentierten Portugiesen schon zu seiner Zeit als Sportdirektor beim DFB entdeckt hatte und sich mit dem Transfer Gerüchten zufolge über den Kopf von Salihamidzic hinwegsetzte. "Brazzo" habe andere Pläne für das Mittelfeld verfolgt, hieß es damals.
Nur wenige Monate nach dem Transfer-Fünferschlag entfachte eine Debatte, wonach am Campus Verwunderung darüber herrsche, dass der regelmäßig mit den Profis trainierende Dantas dem eigenen Nachwuchstalent Stiller vorgezogen werde. Die Tatsache, dass Dantas sogar erst am dem 1. Januar für die Profis spielberechtigt war, goss weiteres Öl in das bereits lodernde Feuer der Diskussion. Der Grund: Die entsprechenden Unterlagen für den Deal waren erst nach dem eigentlichen Ende der Transferperiode angekommen, weshalb er nicht vor der Sperrfrist nicht mehr gemeldet werden durfte. Die Berichterstattung brachte Flick indes mächtig auf die Palme.
"Das stimmt so nicht", sagte er und schimpfte: "Man versucht immer wieder, einen Keil zwischen Profis und dem Campus hineinzuschlagen." Schließlich befinde er sich in einem ständigen Austausch mit dem Campus. "Wenn was ist, sprechen wir mit einer Stimme." Doch so ganz falsch scheinen die Gerüchte nicht gewesen zu sein, wie Aussagen Stillers im November 2021 vermuten ließen.
Der heute 24-Jährige bezeichnete die Verpflichtungen von Roca und Dantas als einen "Schlag ins Gesicht" und führte im darauffolgenden Sommer gegenüber SPOX aus: "Im Endeffekt war für mich damit klar, dass mein Weg bei Bayern nach dieser Saison zu Ende ist." Und so kam es auch. Stiller ließ seinen Vertrag auslaufen und wechselte ablösefrei zur TSG Hoffenheim. Unter Hoeneß zum Stammspieler aufgestiegen, folgte er diesem zur Saison 2023/24 zum VfB Stuttgart und machte dort nochmal große Fortschritte in seiner Entwicklung.
Tiago Dantas enttäuschte beim FC Bayern - und avancierte zum Weltenbummler
Inzwischen gehört Stiller zu den besten Mittelfeldspielern des Landes und durfte erst kürzlich zum Start ins neue WM-Jahr im März-Lehrgang zweimal im DFB-Team von Beginn an ran. Bundestrainer Julian Nagelsmann hatte den Stuttgarter Leistungsträger - zum Unverständnis einiger Experten - zunächst jedoch nicht nominiert. Aufgrund der verletzungsbedingten Absagen von Aleksandar Pavlovic, seines Zeichens ebenfalls Münchner Eigengewächs, und Felix Nmecha (BVB) rückte er aber sofort in die Startelf und darf sich damit zumindest wieder leise Hoffnungen auf ein WM-Ticket machen.
Und Dantas? Der wusste die großen Erwartungen nie zu erfüllen. Auch Flick musste schnell einsehen, dass er dem FC Bayern schlichtweg nicht gewachsen war. Allen voran körperlich verzeichnete das technisch begabte Mittelfeld-Juwel große Defizite und kam letztlich auf lediglich zwei mickrige Einsätze in der Bundesliga. Während der heutige Barca-Coach im Zuge des ständigen Zoffs mit Salihamidzic im Sommer das Weite suchte und als Bundestrainer krachend scheiterte, zogen die Verantwortlichen die Kaufoption von acht Millionen Euro für eine feste Verpflichtung nicht.
Auch Benfica hatte nicht wirklich eine Verwendung mehr für Dantas, der nach seiner Rückkehr drei weitere Male verliehen wurde und zum Weltenbummler avancierte. Über CD Tondela (Portugal), PAOK Saloniki (Griechenland) und AZ Alkmaar (Niederlande) unterschrieb der der 18-malige U21-Nationalspieler Portugals im Sommer 2024 beim kroatische Erstligisten NK Osijek einen Einjahresvertrag und ergatterte erstmals in seiner noch immer jungen Laufbahn einen Stammplatz.
Weiterhin mit erkennbaren Defiziten im Zweikampf glänzte Dantas vor allem Passgeber, worauf zur aktuellen Spielzeit der nächste ablösefreie Wechsel zu HNK Rijeka folgte. Beim Meister von 2017 und mehrfachen Pokalsieger ist er der Dreh-und Angelpunkt im Zentrum und besticht obendrein mit Torgefahr. Acht Treffer und zehn Assists sprangen in bislang 44 Pflichtspielen heraus.
Beinahe hätte sich Dantas auch mal wieder einem deutschem Publikum zeigen dürfen, wäre Rijeka im Achtelfinale der Conference League nicht an Racing Straßburg gescheitert. In der nächsten Runde treffen die Franzosen nämlich auf Mainz 05. Den Traum vom ersten Titelgewinn als wichtiger Bestandteil einer Mannschaft muss Dantas trotz Platz drei in der Liga mit deutlichem Abstand auf Tabellenführer Dinamo Zagreb aber noch nicht begraben, nachdem er in München die Meisterschale und Klub-WM als Dauerreservist gewonnen hatte.
Nach einem fulminanten 3:2 im kroatischen Pokal-Viertelfinale gegen Hajduk Split mit drei (!)Toren in der Nachspielzeit inklusive eines Treffers von Dantas per Elfmeter zum zwischenzeitlichen 1:1-Ausgleich kommt es in der Runde der letzten Vier nun zum Duell mit seinem Ex-Klub Osijek. Ein Triumph wäre der vorläufige Höhepunkt in seiner Karriere.
Imago Images / PixsellTiago Dantas: Die vielen Stationen des Ex-Bayern-Spielers
Zeitraum Verein 2013 bis 2024 Benfica Lissabon 2020 bis 2021 FC Bayern München (Leihe) 2021 bis 2022 CD Tondela (Leihe) 2022 bis 2023 PAOK Saloniki (Leihe) 2023 bis 2024 AZ Alkmaar (Leihe) 2024 bis 2025 NK Osijek 2025 bis heute HNK Rijka



