Naby Keitas Geschichte

Von Conakrys Straßen an die Anfield Road

Von Melissa Reddy

Als er seine beiden Gegenspieler abschüttelt, klebt der behelfsmäßig zusammengeschusterte Ball an seinen nackten Füßen. Danach der Blick nach oben, schauen, wo die beiden Steine liegen, die als Torpfosten dienen. Das Trikot, das er trägt, hat er geerbt, er merkt, wie daran gezogen wird, aber er reißt sich los und nimmt Fahrt auf. Das Kind spürt einen Schlag auf den Rücken, prüft aber zunächst, ob das kugelförmige Gebilde an seinem Fuß noch gesichert ist. Im Anschluss der gezielte Schuss.

Der junge Naby Keita hat getroffen, während er jubelt erkennt er erst, dass ein geparktes Auto für den Schmerz in seinem Rücken verantwortlich ist. "Das war ganz normal, ein übliches Spiel", sagt der Mittelfeldspieler im Goal-Interview, als er seine ersten fußballerischen Gehversuche in Koleya, einer Ortschaft in Guineas Hauptstadt Conakry, Revue passieren lässt. Jetzt ist er Teil der erlesenen Goal-50-Auswahl, die die besten Spieler des Jahres krönt.

Keita erinnert sich: "Wir spielten überall, wo Platz war. Das war fast immer auf der Straße, wo wir den Autos ausweichen mussten.

Der Nationalspieler Guineas erklärt weiter: "Wir spielten mit allem, was auch nur ansatzweise nach einem Fußball aussah. Meistens war ich barfuß unterwegs, nur manchmal trug ich alte, kaputte Schuhe. Ich hatte keine vernünftigen Fußballschuhe, richtige Fußballtrikots sowieso nicht. Das alles hat mich stärker gemacht. Meine Zeit in den Straßen Conakrys hilft mir – jetzt, wo ich Profi bin – immer noch.

"Ich habe keine Angst, wenn ich auf dem Platz stehe. Ich war immer ziemlich klein und musste es lernen, mich durchzusetzen. Ich habe mir Respekt verdient, deshalb konnten mich nicht mal die Autos aufhalten. Daher kommt meine Aggressivität, die heute so elementar für mein Spiel ist."

Conakrys eigener "le roi de la rue" – der König der Straße – ist mittlerweile der teuerste afrikanische Fußballer aller Zeiten. Liverpool zog Keitas Ausstiegsklausel über 50 Millionen Euro, die im nächsten Sommer greift, zahlte 20 weitere Millionen obendrauf, um sicher zu gehen, dass der Mittelfeldmann sich dann keinem anderen Klub anschließt. Dass Keita einmal den Schritt nach oben schaffen könnte, kristallisierte sich im Teenager-Alter heraus, tatsächlich war das außergewöhnliche Talent allerdings schon erkennbar, als Naby noch ein kleiner Junge war.

Sobald er laufen konnte, spielte Keita mit allem, was er an die Füße bekam. "Meine Mutter hat mir mal erzählt, dass ich mit allem, was vom Tisch fiel, egal, ob es sich dabei um eine Wasserfalsche oder eine Orange handelte, dribbeln wollte", lacht der RB-Star und schiebt nach: "Wenn ich etwas auf dem Boden entdeckte, das auch nur ansatzweise nach einem Spielgerät aussah, dann spielte ich damit. "

Nabys Vater, Sekou Keita, glaubt, dass das Schicksal seines Sohnes vorherbestimmt war. "Mein Vater sagte mir, dass ich schon als Baby ein Faible für den Ball hatte. Ihn ansehen, ihn berühren, ich wollte immer einen Ball in meiner Nähe haben", verrät Keita.

Obwohl beide Eltern wussten, dass ihr Filius über enormes Talent verfügte, sahen sie einen anderen Lebensweg für ihn vor. Keita sagt: "Sie wollten, dass ich studiere. Für sie war Bildung das Wichtigste, etwas Handfestes. Aber für mich gab es ausschließlich Fußball. Sie haben es immer wieder versucht, aber erkannten irgendwann, dass mein Kopf und mein Herz immer nur beim Fußball waren. Alle haben ihnen gesagt, dass ich der beste Spieler in ganz Conakry bin. Irgendwann haben sie mir dann erzählt, dass sie um meine Gabe wissen und mich bei meinem Traum voll und ganz unterstützen."

Als Keita zwölf Jahre alt war, rieten ihm die Scouts in der Heimat bereits, es in Europa zu versuchen. Allerdings fühlte das Juwel sich damals noch nicht bereit, seine gewohnte Umgebung zu verlassen. "Ich war damals im Kopf noch nicht so weit, einen solch großen Schritt zu machen", so Keita. "Rund zwei Jahre später sah ich mir viele Spiele der Ligue 1, Champions League und Premier League im TV an und da wusste ich, dass ich auch irgendwann mal auf diesem Level spielen möchte. Das war in meiner Heimat natürlich nicht möglich, deshalb war klar, dass ich es irgendwann in Europa versuchen muss. Es war mir einfach vorherbestimmt, dass ich diesen Weg beschreite. Nicht nur, weil ich das Spiel liebte, sondern auch, um für meine Familie zu sorgen."

Und so wagte der ehrgeizige Youngster als 16-Jähriger den Sprung nach Frankreich, um ein Probetraining zu absolvieren, ohne wirklich zu wissen, was ihn in dort erwarten würde. "Meine Eltern waren geschockt. Sie wollten nicht, dass ich so weit weggehe und sie hatten Zweifel, ob ich mit dem neuen Umfeld zurechtkommen würde. Es war wirklich schwieriger, als ich erwartet hatte, aber immerhin beherrschte ich die Sprache. Davor habe ich lediglich mit meinen Freunden gespielt, und war nun plötzlich von Fremden umgeben, die unter sich bleiben wollten", erinnert er sich.

Ständig pendelte der Teenager zwischen Conakry und Westeuropa, wo er bei Lorient und anderen Klubs auf Ablehnung stieß. Sein Talent erkannte niemand. Erstmals grübelte Keita während dieser Zeit, ob er an seinem großen Traum festhalten sollte.

"Ich hatte Bedenken. Es war schon eine harte Zeit damals. Stell dir vor, du hast diesen einen Traum, der dann zerplatzt, und du musst wieder ganz von vorne anfangen."

Das Schlimmste in dieser Zeit war allerdings nicht, dass Keita in einer ungewohnten Umgebung zurechtkommen, sich mit einer anderen Kultur arrangieren musste oder mit Menschen auf engstem Raum leben musste, die er kaum kannte, sondern die Tatsache, dass Fußball in Europa komplett anders interpretiert wird. Keita sagt: "Ich bin niemals mit einem professionellen Umfeld in Kontakt gekommen. Ich wurde nicht in einer Akademie ausgebildet. Alles, was ich kannte, war Straßenfußball. Den Ball bekommen, damit rennen, ein paar Tricks zeigen und schießen.

"Während meines Probetrainings verlangten die Trainer Dinge von mir, die ich noch nie in meinem Leben gehört hatte. Sie benutzten Fachausdrücke, die ich nicht verstand und gaben Anweisungen, mit denen ich nichts anzufangen wusste. Ich wusste nichts über Taktik, was mir letztlich auch als Grund genannt wurde, warum sie mich nicht nahmen."

Gerade einmal sechs Jahre ist es her, als Keita dieses ernüchternde Feedback bekam. Heute tut man sich schwer damit, einen Mittelfeldmann zu finden, der taktisch dermaßen diszipliniert auftritt. Im Offensivspiel sowie der Arbeit nach hinten. Christian Heidel, Manager bei Schalke 04, schwärmte jüngst: "Man hat das Gefühl, dass Leipzig mit zwölf Akteuren auf dem Platz steht. Naby spielt für zwei, dieser Junge ist unglaublich."

Der 22-Jährige verfügt über mannigfaltige Qualitäten: Er ist stark im Tackling, bei der Arbeit gegen den Ball, zweikampfstark, antizipiert gut und versteht es, das Tempo zu variieren. Le Mans war der erste Verein, der Keitas Potential erkannte, seinem Talent eine höhere Relevanz beimaß als den taktischen Unzulänglichkeiten. Das Problem: Aufgrund einer Insolvenz konnten die Franzosen den jungen Afrikaner nicht verpflichten. Ein Le-Mans-Mitarbeiter empfahl den Rohdiamanten bei Frederic Arpinon, damals Sportdirektor beim FC Istres, der sich bei Talentsichtern, die Keita beobachtet hatten, informierte. Arpinon verschaffte ihm ein Probetraining, wo Keita auf der Stelle zu überzeugen wusste.

Istres bot Keita einen Dreijahresvertrag an, für den sich der Neuzugang postwendend bei seinem Debüt bedankte, indem er gegen Nimes einen Treffer selbst erzielte und ein weiteres Tor auflegte. Am Ende triumphierten die Südfranzosen mit 4:2.

"Ich hatte so lange darauf gewartet, musste zahlreiche Rückschläge hinnehmen, aber als ich endlich meine Chance bekam, wollte ich beweisen, dass ich nach Europa gehöre", erzählt er.

"Meine Eltern waren weiterhin sehr besorgt. Ich musste sie sechsmal am Tag anrufen und ihnen alles erzählen."

Arpinon erkannte schon bald, dass er seinen herausragenden Emporkömmling nicht lange vor den großen Klubs der Grande Nation unter Verschluss halten konnte. Während die Schwergewichte der Ligue 1 allerdings Angebote für Keita vermissen ließen, schaltete sich Gerard Houllier, seines Zeichens Head of Global Football für die Red-Bull-Klubs, ins Rennen um den Ausnahmekönner ein. Der ehemalige Liverpool-Trainer lotete in gemeinsamen Gesprächen mit Ralf Rangnick, der damals noch in Diensten von Salzburg stand, einen Transfer aus.

Zusammen sahen sich die beiden Funktionäre Naby am 25. Mai 2014 bei einem Freundschaftsspiel der guineischen Nationalmannschaft gegen Mali in Frankreich an, wo der wuselige Taktgeber den guten Eindruck bestätigte.

Noch im selben Sommer unterschrieb Keita einen Kontrakt über fünf Jahre beim österreichischen Dauermeister.

"Am Anfang stand ich nur selten in der Startelf, was sehr frustrierend war", erläutert Naby: "Das hat mir überhaupt nicht gefallen, aber Sadio (Mane, Anm. d. Red.) sagte: 'Mein kleiner Bruder, bleib ruhig. Du wirst Deine Chance bekommen und das Beste daraus machen.'

"Er hat mir sehr geholfen. Bei der Sprache, beim Knüpfen neuer Freundschaften und dabei, den Verein und die Stadt zu verstehen. Am Ende hatte er Recht. Ab dem Tag, wo ich dann ins kalte Wasser geworfen wurde und eine gute Leistung ablieferte, wurde alles viel entspannter.

"In Salzburg habe ich mich als Spieler etabliert und ich habe dort unendlich viel gelernt. Erstmals in meinem Leben konnte ich mich bei RB auch auf taktischer Ebene weiterentwickeln. Sadio war dabei eine wichtige Bezugsperson. Das ist er noch heute. Für mich ist er wie ein großer Bruder, an ihm kann ich mir ein Beispiel nehmen."

Mane, der wie Keita ebenfalls von der Berateragentur Arena11 repräsentiert wird, fühlt sich nach wie vor für seinen Freund verantwortlich und verfolgt jedes Leipzig-Spiel, sofern seine Zeit es zulässt – entweder live oder zumindest in der Zusammenfassung. "Er ist ein ganz besonderer Fußballer, für mich ist er wie ein Familienmitglied", sagt der Liverpool-Star.

"Wir waren in Salzburg eng miteinander befreundet und sind seitdem ständig in Kontakt. Ich genieße es, ihn auf dem Platz zu sehen und freue mich schon darauf, wenn ich ihm die Eingewöhnung in Liverpool erleichtern kann, wenn er hierher kommt. Er hat mir viele Fragen gestellt und ich habe ihm gesagt, dass der LFC ein wunderbarer Verein ist, mit vielen talentierten Spielern, einem hervorragenden Trainer und großen Ambitionen. Die Stadt und die Leute sind klasse, er wird sich hier zuhause fühlen."

Dabei wird sich Keita im kommenden Sommer nicht zum ersten Mal ein Reds-Jersey überstreifen.

"Als ich elf oder zwölf Jahre alt war, wählten meine Freunde und ich aus, mit welchen Trikots unsere Mannschaften jeweils auflaufen sollen. Da mein Vater mir den Spitznamen Deco gegeben hatte, weil er meinte, ich spiele wie er, wollte ich im Barcelona-Dress spielen. Das war mein absolutes Lieblingsteam.

"Meine Kumpels hielten es aber alle mit Liverpool, die ich auch mochte, deshalb entschieden wir uns dafür. Damals hätte ich niemals zu träumen gewagt, irgendwann wirklich in einem echten Liverpool-Trikot spielen zu dürfen."

Keita gibt zudem preis: "Mein Vater ist ein großer Fan. Seit ich denken kann, spricht er über Liverpool. Bevor ich überhaupt wusste, was Liverpool sei n soll, regte er sich über sie auf, wenn sie verloren.

"Natürlich war er völlig aus dem Häuschen, als er von ihrem Interesse erfuhr. Er wollte mit mir sofort wieder über das Champions-League-Finale in Istanbul, Steven Gerrard und alle anderen großen Spieler reden."

Noch ist der Leipziger allerdings nicht mit den Gedanken in der englischen Hafenstadt, wie er selbst betont: "Ich habe in dieser Saison noch einiges mit RBL vor, nur darauf liegt mein Fokus. Ich habe Leipzig viel zu verdanken. Der Wechsel von Salzburg zu RB hat mich noch einmal weitergebracht, mich auf das nächste Level gehoben. Allein die letzte Saison war wunderschön. Wir sind in der Bundesliga Zweiter geworden und haben zum ersten Mal überhaupt die Champions League erreicht."

Nicht nur die gute Platzierung der vergangenen Spielzeit freut den Shootingstar. Auch die Tatsache, dass er sich mit einem großen Vorbild in der Bundesliga messen durfte, begeistert Keita: "Als ich noch in Guinea war, habe ich Xabi Alonso in der Champions League und Premier League spielen sehen, auf einmal durfte ich selbst gegen ihn antreten. Wenn ich an solche Sachen denke, dann werde ich daran erinnert, dass das Ganze ein großes Geschenk ist. Es erinnert mich aber auch immer wieder daran, wie hart ich dafür gearbeitet habe. Dabei sehe ich meine Karriere noch ganz am Anfang, ich gebe mich damit noch nicht zufrieden."

Jüngst als Afrikas Fußballer des Jahres nominiert, spricht Keita über das Gefühl, nach Hause zu kommen: "Wenn ich in Conakry bin, sind da immer noch die ganzen Kinder, die ohne Schuhe in den Straßen spielen, mit Autos anecken.

"Ich versuche dann immer, vielen von ihnen ordentliche Fußballschuhe zu kaufen, weil ich weiß, wie viel den Kindern diese kleine Geste bedeutet. Es erfüllt mich mit Stolz, wenn ich sehe, welch großes Talent auf den Straßen Guineas schlummert."

Manches hat sich allerdings auch verändert, wenn Naby durch die Straßen fährt. "Ich wollte damals sein wie Deco, Titi Camara oder Pascal Feindouno, jetzt sehe ich die Kleinen, die meinen Namen auf dem Rücken tragen. Das motiviert mich zusätzlich und ich hoffe, ich kann ihnen zeigen, was mit Ehrgeiz alles möglich ist.

"Es spielt keine Rolle, ob man arm oder reich ist oder wo man herkommt. Wenn man bereit ist, alles zu geben, hart an sich zu arbeiten und für seine Träume zu kämpfen, dann kann man so viel erreichen."

"Meine Mutter lebt immer noch in Conakry, sie besucht mich aber alle drei Monate und bleibt dann für eine Weile", sagt Keita.

"Heute muss sie mich nicht mehr dafür züchtigen, dass ich alles, was ich an den Fuß bekomme, herumkicke, aber sie ist immer noch der Fels in meinem Leben. Ohne meine Familie bin ich gar nichts. Und egal, was passiert, ich werde niemals vergessen, wo ich herkomme."

Vor einem Jahr war Keita noch der große Unbekannte, der aufstrebende Leipzig-Kicker. Mittlerweile, als Arrivierter, sieht sich der Durchstarter aber immer wieder Provokationen seiner Gegenspieler ausgesetzt. Sticheleien, auf die sich die Nummer Acht der Sachsen nicht selten einlässt, flog Naby doch in dieser Saison schon dreimal vom Platz.

Seinen Trainer Ralph Hasenhüttl wundern die Roten Karten seines Schützlings indes nicht: "Er wird sehr häufig provoziert", weiß der Österreicher, während Keita auf eine noch rosigere Zukunft hofft: "Ich will gewinnen. Ich will immer besser und stärker werden. Ich bin schon so weit gekommen, warum sollte ich dann nicht die Spitze anstreben?"