In der Höhle des Löwen

1860 München: Die emotionale Rückkehr in den Profifußball

1860 München ist zurück im deutschen Profifußball. Goal hat sich in den aufregenden Kosmos des Traditionsklubs aus Giesing begeben. Eine Geschichte über Leidensfähigkeit und Vereinstreue, die über jede Ligenzugehörigkeit hinaus geht.

Eine Kneipe im Herzen Giesings. Es ist schwül an diesem späten Mainachmittag, die ersten kleinen Tropfen benetzen die umstehenden Sonnenschirme, in der Ferne kündigt ein unheilvolles Grollen das erste große Gewitter des Sommers an.

Um die etwaigen Wetterkapriolen schert sich heute niemand, zählt doch nur das nächste Helle und vor allem das, was über die beiden Flatscreens und die Leinwand im Inneren flimmert: 1860 München kämpft im Hinspiel der Regionalliga-Relegation beim 1. FC Saarbrücken um den Aufstieg in die 3. Liga und die damit verbundene Rückkehr in den deutschen Profifußball.

In den hinteren Reihen kann man nur erahnen, was in der saarländischen Landeshauptstadt, 440 Kilometer entfernt von München, passiert. Dicke Betonpfeiler versperren die Sicht, Menschen drängen sich dicht aneinander, von der Decke baumeln zu modischen Lampen umfunktionierte Bierflaschen. Normalerweise dienen die Räumlichkeiten des Giesinger Bräu als handelsübliche, bestuhlte Gaststätte mit bürgerlicher Küche. Dort, wo sonst Schweinebraten, Knödel, Blaukraut und Brezn gereicht werden, herrscht Stadionatmosphäre. "Sechzig, Sechzig, Sechzig", grölen die Löwen-Anhänger immer wieder in Richtung Bildschirm, in der Hoffnung, dass die Protagonisten den Support der Daheimgebliebenen in Tore ummünzen.

Sascha Mölders lässt Löwen-Fans jubeln

Zwei Auswärtstreffer haben die Jungs von Trainer Daniel Bierofka schon erzielt, ehe Saarbrücken-Angreifer Patrick Schmidt zum 2:2 einschiebt. Der aufkeimende Ärger ist schon wenige Augenblicke später vergessen, noch bevor Sascha Mölders kurz vor Schluss zur erneuten Führung trifft. Sechzigs Fans sind leidensfähig, wahrscheinlich weitaus leidensfähiger als die meisten anderen Fußballfans. Schnell schieben sie die Schockstarre beiseite, ein gedrungener, muskulöser Mittdreißiger ballt seine tätowierten Hände zu Fäusten, die Hoffnung, sie liegt Sekunden nach dem temporären Rückschlag wieder in seiner markanten Stimme. Und dann, als Mölders den Ball über die Linie drückt, gipfelt die immer da gewesene Euphorie in grenzenlosem Jubel. Mehrere Liter Bier verlassen bereitwillig ihre Behältnisse, besprenkeln die feiernde Meute und den mosaikgefliesten Boden. "Einmal Löwe, immer Löwe, hey, hey!"

Als Schiedsrichter Guido Winkmann die Partie abpfeift, legt sich die Zuversicht wie ein unsichtbares Tuch auf die Zuschauer und sorgt für Gänsehaut. Wildfremde Leute liegen sich in den Armen, schreien Stirn an Stirn ihre Freude aus sich heraus. Sie ist da, die ganz große Chance, den Niederungen der bedeutungslosen Viertklassigkeit zu entkommen und nach einer Spielzeit Abstinenz endlich wieder auf der bundesweiten Landkarte zu erscheinen.

Wer sich an diesem Tag als Tourist oder "Zuagroaster" im Südosten der Stadt auf die Straße begibt, erkennt schnell, dass der Fußball hier einen ganz besonderen Stellenwert einnimmt. Der Nachweis, dass Vereinsliebe und –treue keine Ligenzugehörigkeit kennt, er ist selten spürbarer gewesen als in diesen Stunden in Giesing. "Ja, das ist Münchens große Liebe, Stolz von Giasing, TSV", hallt es durch die Lautsprecher, bohrt sich unweigerlich ins Ohr und bahnt sich den Weg ins Gedächtnis. Was wie ein heruntergebetetes Credo anmutet, findet in den entschlossenen Gesichtern seine Glaubwürdigkeit. Stolz ist ein Begriff, der gerne bemüht wird, wenn es um Zugehörigkeitsgefühle geht, hier ist er authentisch. Wer könnte diese Tatsache besser für sich beanspruchen als die leidgeprüften Fans von 1860?

Der Niedergang, der jahrelang wie ein Damoklesschwert über dem Verein aus der Grünwalder Straße schwebte, traf den Traditionsklub im Sommer 2017 mit voller Breitseite. Mit dem drittteuersten Kader der 2. Bundesliga hinter den beiden späteren Aufsteigern VfB Stuttgart und Hannover 96 waren die Münchner auf dem Relegationsplatz gelandet. Sicherten sich die Löwen bei Jahn Regensburg noch ein schmeichelhaftes 1:1, ließen sie im Rückspiel jegliches Aufbäumen vermissen und mussten nach einem verdienten 0:2 den Gang in die dritte Liga antreten.

"Wer hat diesen Verein kaputtgemacht?"

Einige Fans quittierten den desolaten Auftritt ihres Teams, indem sie Sitzschalen und Eisenstangen aus ihren Verankerungen rissen und auf den Rasen warfen. Am Ende glich die Nordkurve in der Allianz Arena, dort wo 1860 lediglich vom großen und verhassten Rivalen FC Bayern als Untermieter geduldet war, einem Schlachtfeld. Eine Szenerie, die sinnbildlich für alles stand, was lange Zeit schon schwelte.

"Wer hat diesen Verein kaputtgemacht, wer hat das gemacht", fragte Christa Estermann, Edelfan und Wirtin des berüchtigten "Löwenstüberl", einen Tag später unter Tränen. Fassungslosigkeit auch bei den restlichen Fans, die sich am Trainingsgelände eingefunden hatten, um Antworten der Verantwortlichen einzufordern. Sie warteten vergeblich. Präsident Peter Cassalette hatte sich aus dem Staub gemacht, Ian Ayre, kurz zuvor noch unter großem Rummel aus Liverpool an die Isar gelotst, ebenfalls. Trainer Vitor Pereira, der Anfang des Jahres übernommen hatte, wurde nie wieder gesehen.

Große Namen, die es nicht vermochten, Sechzig Leben einzuhauchen - im Gegenteil. Der ganz große Paukenschlag sollte aber erst noch folgen. Hasan Ismaik, seit 2011 Investor beim damals stark insolvenzgefährdeten Ex-Bundesligisten, drehte den Geldhahn zu, was zu einer Verweigerung der Lizenz für die 3. Liga seitens des DFB führte. Es ging gleich zwei Etagen nach unten, in den Amateurfußball. Spätestens da hatte sich der Jordanier, der – wohlwollend umschrieben - bei den Fans nie sonderlich hoch im Kurs stand, den Status einer Persona non grata eingehandelt.

Ismaik, der sich gerne als Löwen-Retter inszeniert, wurde schon lange vorher verteufelt. Ein arabischer Milliardär mit utopischen Zielen, für den der Wiederaufstieg in die Bundesliga nur als Zwischenstation galt, und die traditionsbewussten, fußballromantischen Sechziger, das passte nie zusammen. Wurde sein Vorhaben, den Meister von 1966 wieder auf Vordermann zu bringen, vor sieben Jahren bisweilen noch als nobles Engagement gewertet, demaskierte sich der Geschäftsmann aus Nahost recht bald selbst, schwang sich quasi zum Alleinherrscher auf.

Die Schuld an Misswirtschaft und sportlichen Krisen schob er stets den anderen in die Schuhe, verschliss Coach um Coach, Präsident um Präsident, Sportdirektor um Sportdirektor. Wer auch nur einen von Hauch von Gegenwind versprühte, wurde vor die Tür gesetzt. Das bekam vergangenes Jahr zeitweise sogar die hiesige Presse zu spüren. Weil Ismaik der Meinung war, die Medien würden falsch über seinen Klub berichten, entzog 1860 einigen Journalisten die Akkreditierung, eine Reporterin durfte sich nicht mal mehr im Stadion blicken lassen.

"Zusammenarbeit mit Ismaik unmöglich"

Thomas Eichin, der im Dezember 2016 nach nur 165 Tagen als Sportchef seinen Hut nehmen musste, resümierte im Anschluss an seinen Rauswurf, dass "die Zusammenarbeit mit Hasan Ismaik unmöglich war".

Statt auf interne Kommunikation zu setzen, sorgte der Immobilien- und Öltycoon immer wieder mit aberwitzigen, größenwahnsinnigen Ideen für Aufsehen. So plante Ismaik vor nicht allzu langer Zeit, eine neue Arena im Münchner Stadtteil Riem mit integriertem Löwengehege bauen zu lassen, sportlich sollten sich die Blauen in naher Zukunft wieder mit dem FCB auf Augenhöhe bewegen. Große, teure Torten für einen Klub, dessen metaphorischer Ofen lediglich dazu befähigt, kleine Semmeln zu backen.

Genau die gab es dann auch in der Spielzeit 2017/18, die Gegner hießen FC Pipinsried, SV Schalding-Heining oder FV Illertissen. Nun wäre 1860 aber nicht 1860, wenn die Fans auch dieser prekären Situation nicht doch noch etwas Positives abgewinnen würden. Viele Profis, die keinen gültigen Vertrag für die Regionalliga besaßen, gingen. Junge, hungrige Spieler, teils aus den eigenen Reihen, kamen. Der Trainingsstart der runderneuerten Truppe fand vor über 1000 Menschen statt, eine Kulisse, von der nahezu jeder Bundesligist nur träumen darf. Keine Anfeindungen, stattdessen: Zuspruch, Motivation, Aufbruchstimmung.

Der Saisonstart verlief nahezu optimal, in den ersten 15 Partien verloren die Löwen bloß einmal, ab dem sechsten Spieltag waren sie Tabellenführer. Sechzig marschierte durch die kleinen, glanzlosen, bayrischen Stadien, schwebte von Erfolg zu Erfolg. Die Auswärtsspiele verwandelten die treuen Anhänger in Heimspiele, die Partien vor heimischem Publikum glichen einer einzigen Party. Der Umzug zurück an die Grünwalder Straße war ein Schlüssel für die neue, alte Euphorie rund um den stolzen Verein.

Raus aus der Arena

Die neue Vereinsführung hatte erwirkt, dass der noch bis 2025 gültige Mietvertrag mit der Stadion GmbH der Allianz Arena aufgelöst wurde. Der WM-Tempel, der 2005 im Münchner Norden eingeweiht wurde, hatte den Traditionalisten unter den Löwen ohne hin nie als Spielstätte zugesagt, viele waren aus Prinzip ferngeblieben. Zu sehr – so der Tenor - haftete dem Stadion der Stallgeruch des Erzfeindes von der Säbener Straße an. Dass der geliebte Klub auch noch Geld für die Nutzung der Arena an den ungleich besser betuchten Nachbarn überwies, war den meisten ein zusätzlicher Dorn im Auge.

Der Rivalität zwischen den beiden Münchner Fußballvertretern tat die Stadionteilung keinen Abbruch, vielmehr heizte die Tatsache, dass Sechzig fortan in der Regionalliga starten würde, den historischen Hass an. Neben Schalding-Heining und Co. bekamen es die Löwen schließlich auch mit der Zweitvertretung des FC Bayern zu tun, die ihre Heimspiele brisanterweise ebenfalls in Giesing austrägt.

Polizei mit Großaufgebot im Einsatz

Schon im Vorfeld des Derbys wurde versucht, die beiden Lager strikt zu trennen. Mehr als 600 Beamte waren im Einsatz, später war von einem "friedlichen Derby" die Rede. Mit friedlich hatte die Atmosphäre an der Grünwalder Straße jedoch nur wenig gemein. Vor und nach der Partie gab es größere und kleinere Auseinandersetzungen, mitunter sogar heftige Krawalle und geschmacklose Verunglimpfungen.

Am Sendlinger Tor musste die Hundertschaft gleich mehrere Schlägereien auflösen, in der U-Bahn entwickelte sich ein aufgeheiztes Wortgefecht, bei dem nicht selten Familienmitglieder der Prügelei-Teilnehmer massiv beschimpft wurden. Auch hier schritt die Polizei rechtzeitig ein, bevor etwas noch Schlimmeres passierte. Die Bilanz nach dem Derby laut tz: 69-mal mussten die Beamten "unmittelbaren Zwang" anwenden, zwölfmal kam der Schlagstock zum Einsatz, neun Menschen wurden festgenommen. 

Während der 90 Minuten ging es dagegen verhältnismäßig gesittet zu, vor dem Anpfiff zündete der Bayern-Anhang, der aufgrund des nominellen Heimrechtes mehr Plätze im ausverkauften Stadion besetzte, vereinzelt Pyrotechnik.

Ein vermeintlich harmloses Banner mit dem Spruch: "Dem Stadtmeister zur Ehr, erstrahlt unsere Kampfbahn im rot-weißen Fahnenmeer" zierte die Gegengerade, während der vollbesetzte Auswärtsblock immer wieder proklamierte, dass es sich bei dem Kontrahenten um eine Kollektivansammlung von Freudenmädchen-Nachkommen handele.

Die Spieler lieferten sich derweil auf dem Platz ein hitziges Duell. Dass sich der TSV ausgerechnet gegen die Bayern-Reserve zum Regionalliga-Meister hätte krönen können, sorgte für zusätzliche Schärfe.

Am Ende stand ein 3:1 zugunsten der Rotgekleideten auf der restaurierungsbedürftigen Anzeigetafel, nach Abpfiff feierte die Mannschaft von Coach Tim Walter mit ihren Fans, ehe Timo Gebhart, seines Zeichens Fanliebling des Opponenten, versuchte, das zu verhindern. Es kam letztlich zu einem kleinen Tumult zwischen den Spielern, ehe jedes Team wieder seiner Wege ging.

Party in Pipinsried, Ekstase in Giesing

Dass es für die Löwen beim prestigeträchtigen Stadtduell nicht zur Meisterschaft reichte, war eine Woche später nur noch eine Randnotiz wert.

Im 580-Seelen-Dorf Pipinsried reichte 1860 ein lockereres 3:0 zur vorzeitigen Krönung, 5000 Fans waren in die oberbayrische Provinz mitgereist und verwandelten den beschaulichen Ort in eine Party-Hochburg. 

Drei Wochen später zitterte sich 1860 nach dem eingangs skizzierten Hinspielerfolg über Saarbrücken in der zweiten und entscheidenden Begegnung mit dem Titelträger der Regionalliga Südwest durch ein 2:2 in die 3. Liga.

Und wieder sollte die Leidensfähigkeit der Sechziger an jedem Sonntagnachmittag bis aufs Äußerste auf die Probe gestellt werden. Zwischenzeitlich bereits mit zwei Toren im Hintertreffen, waren die Löwen gefühlt bereits "tot", wie Mölders später bei RevierSport erzählte. Er selbst brachte 1860 mit einem verwandelten Elfmeter zurück, bevor Simon Seferings unmittelbar nach seiner Einwechselung mit seinem Treffer die totale Ekstase einläutete.

Die Zuversicht, die im Giesinger Bräu ihren Anfang genommen hatte, sie war auf einmal nicht mehr nur greifbar, sondern real.

Abertausende Löwen strömten auf den Rasen ihrer Heimspielstätte, besetzten Torlatten, schnitten Stücke aus dem heiligen Rasen, weinten vor Glück, nahmen ihre Helden in den Arm. Bis tief in die Nacht feierten Spieler und Fans gemeinsam den Aufstieg.

Die leidgeprüften Löwenfans, die immer an ihren Verein geglaubt haben, die selbst in der dunkelsten Stunde der Klubhistorie geschlossen ins Stadion strömten, sind wieder stolz.

"Einmal Löwe, immer Löwe", schallte es noch am späten Abend durch die Grünwalder Straße - bis hin zum 500 Meter entfernten und auch diesmal bis zum letzten Platz gefüllten Giesinger Bräu.

Es schwang Stolz in den Gesängen der Sechziger mit. Jener Stolz, der selbst in den dunkelsten Zeiten der Klub-Geschichte nie aus den Stimmen verschwunden war.