Algerian fan (Naim)

Algier. Die erste Qualifikation für eine WM-Endrunde gelang Algerien im Jahr 1982. Im unweit der Nordafrikaner gelegenen Spanien bestritt man das erste große Turnier, 1966 hatte man – wie alle afrikanischen Teams – die Teilnahme zurückgezogen. Einst nämlich wurde Afrika, Asien und Ozeanien zusammen nur ein einziger Startplatz zuteil. Heutezutage, so auch bei der WM 2010, haben fünf Mannschaften aus Afrika ein sicheres WM-Ticket. Zusätzlich mit dabei ist dieses Mal Gastgeber Südafrika. So wird die dritte WM Algeriens auch gleich zur großen Chance für die Wüstenfüchse: Das Team von Trainer Rabah Saadane kann auf dem vertrauten Heimatkontinenten richtig furios aufspielen, hofft man in der ehemaligen französischen Kolonie.

HINTERGRUND

Algeriens Nationalmannschaft blickt wahrlich nicht auf große Erfolge in der eigenen WM-Historie zurück. Noch nie kam man über die Vorrunde hinaus. Dabei startete man gleich bei der ersten Teilnahme 1982 in Spanien spektakulär. Im allerersten WM-Spiel Algeriens traf man ausgerechnet auf Deutschland – den haushohen Favoriten dieses Vergleichs. Doch es sollte anders kommen: Der WM-Debütant Algerien sorgte in Gijon für die Riesen-Sensation, schlug Deutschland durch Tore von Madjer und Belloumi mit 2:1. Doch so furios man auch gestartet war, so bitter war das Resultat dieses Turniers. Nach einer Niederlage gegen Österreich, gewann man zwar gegen Chile mit 3:2, dennoch schied man – nur aufgrund des schlechteren Torverhältnisses – in der Vorrunde aus. Deutschland und Österreich, die Algerien beim Nichtangriffspakt von Gijon um die Teilnahme an der 2. Finalrunde betrogen, kamen weiter, Algerien trat ernüchtert die Heimreise an. Auch bei der folgenden Weltmeisterschaft in Mexiko im Jahr 1986 ging man an den Start, schied jedoch als Gruppenletzter – noch hinter Nordirland – klar aus. 2010 steht nun die dritte WM-Teilnahme in der Geschichte an. Nach zwei Fehlschüssen in der Vorrunde soll es nun endlich klappen, mit dem großen WM-Erfolg.

DIE QUALIFIKATION

In der Qualifikationsgruppe C waren die Rollen schon vor dem ersten Spiel klar verteilt: Algerien und Ägypten, zwei der stärksten Teams des afrikanischen Kontinenten, waren eindeutig favorisiert gegenüber den Außenseitern aus Sambia und Ruanda. Schon im ersten Spiel aber machte es sich bestraft, den Gegner aus Ruanda unterschätzt zu haben. Ein mageres 0:0 erspielten sich die Fennecs in der ersten Partie, doch dann drehten die Nordafrikaner auf: Gegen Mitfavorit Ägypten setzte man sich mit 3:1 durch, es folgten zwei Siege über Sambia, im Rückspiel konnte man auch Ruanda bezwingen. Am 14. November 2009 aber stand gewissermaßen das Endspiel um die WM-Teilnahme an: Ägypten, das drei Punkte Rückstand hatte, traf auf Tabellenführer Algerien, entschied das Spiel mit 2:0 für sich und plötzlich war man gleichauf. Jeweils 13 Punkte und ein Torverhältnis von 9:4 Toren standen zu Buche. So kam es vier Tage später zum Entscheidungsspiel auf neutralem Platz. Im Sudan gelang Algerien der WM-Einzug durch einen knappen 1:0-Sieg, den Anthar Yahia vom VfL Bochum mit einem sehenswerten Treffer sicherte. Nur mit viel Geschick und der kräftigen Hilfe von Fortuna glückte die Qualifikation letzten Endes.

STÄRKEN

Vor allem im Mittelfeld kann Algeriens Nationalcoach Saadane auf qualitativ hervorragendes Personal setzen. Die Bundesligakräfte Karim Matmour und Karim Ziani sowie ein Mourad Meghni, der bei Lazio Rom sein Geld verdient, verfügen allesamt über ein hohes Spielverständnis. Gedankenschnelles Passspiel, eingespielte Kombinationen und rasante Dribblings – alles Dinge, die die Wüstenfüchse aus dem etatmäßigen Repertoire abrufen. Mittlerweile tritt auch die Defensive deutlich gefestigter auf als noch beim Afrika-Cup, als man zum Beispiel im Halbfinale gegen Ägypten mit 0:4 unterging.

SCHWÄCHEN

Die wohl größte Schwäche der Nordafrikaner ist das alles andere als effektive Offensivspiel. Zu viele Chancen werden schlichtweg grob fahrlässig durch eigenes Unvermögen zunichte gemacht. Algerien kann oftmals die Dominanz und den Spielfluss im offensiven Mittelfeld nicht entscheidend und gewinnbringend ausnutzen. Es fehlt ein Vollstrecker im Sturmzentrum, der Spiele mit seinen Treffern entscheiden kann. Auch in der Defensive häufen sich Unkonzentriertheiten. Mal greift Torhüter Gaouaoui daneben, mal patzen die Verteidiger verheerend. Die Abstimmung in der Abwehr muss noch elementar verbessert werden, so sollte Trainer Saadane auch die Offensivspieler auf ihre Verpflichtungen in der Defensive hinweisen. Akteure wie Wolfsburgs Ziani haben bislang noch Narrenfreiheit, das muss sich schleunigst ändern.

DER TRAINER

Nationaltrainer Rabah Saadane nimmt in Algerien eine ganz besondere Rolle ein – er ist Sympathieträger, die Fans vertrauen seinen fußballerischen Kenntnissen und Fähigkeiten. Der 63-Jährige selbst hat sich seit seiner Jugend nur dem Fußball verschrieben und lehnte es als vorbildlicher Schüler ab, in den USA zu studieren. So begann er eine Karriere als Fußballer, erlebte seinen Karrierehöhepunkt als Spieler beim französischen Stade Rennes. Der Vater von fünf Kindern coachte die Nationalelf Algeriens bei der WM 1986 zum ersten Mal, blieb jedoch damals erfolglos. Seine fünfte Amtszeit als Nationaltrainer der Fennecs trat er 2007 an.

Die Ehe zwischen ihm und der Nationalelf hielt lange, wenn auch mit zahlreichen Unterbrechungen. Die Ikone Saadane versteht es prächtig, Euphorie zu entfachen. Eine 0:3-Testspielpleite gegen Serbien Anfang März verfolgten rund 80.000 Zuschauer, die bis zum Schluss ihrer Mannschaft und auch dem Trainer demonstrativ den Rücken stärkten. Dieser Rückenwind könnte die Elf beflügeln und zeigt, wie groß Saadanes Reputation und Anerkennung in Algerien sind.

DIE STARS

Der Topstar par excellence dirigiert in Algeriens Auswahl die Abwehr: Madjid Bougherra von den Glasgow Rangers. Er nimmt die herausragende Stellung im Team ein, ist dank seiner kompromisslosen Spielweise in der Mannschaft voll anerkannt. Schon der FC Barcelona war einst an einer Verpflichtung des 27-Jährigen interessiert.

Doch Bougherra spielte sich im rauen englischen Fußballklima fest, schaffte über Sheffield Wednesday und Charlton Athletic den Aufstieg in die erste schottische Liga zum Top-Klub Glasgow Rangers. Bougherra ist der Wortführer und Krisenmanager bei den Wüstenfüchsen. Spielt er nicht, wackelt das Kartenhaus bedrohlich.

Neben Bougherra steht mit Nadir Belhadj ein weiterer Star im Kader. Der Linksverteidiger vom FC Portsmouth ist ein ebenso abgeklärter Zweikämpfer wie ein Aktivposten. Mit seinem starken linken Fuß ist er auch in der Offensive stets gefährlich.

Das Star-Trio komplettiert Karim Ziani vom VfL Wolfsburg. In Deutschland kam der Mittelfeldspieler zwar noch nicht so richtig in Tritt, doch bei der Nationalelf ist er der Antreiber, gibt zahlreiche Impulse und zieht die Fäden im Spiel nach vorne.

DIE HOFFNUNG

Hassan Yebda machte in dieser Saison so einiges durch beim Chaos-Klub FC Portsmouth. Auch wenn Algeriens Mittelfeldtalent beim mit Abstand schlechtesten Verein der Premier League spielte, dürfte er in der besten Liga der Welt prägende Erfahrungen gemacht haben. Im Sommer endet sein Leihvertrag in England, dann geht es für den 25-Jährigen zurück zum portugiesischen Meister Benfica Lissabon. Zuvor aber soll er die großen Erwartungen in der algerischen Nationalmannschaft erfüllen. Im Oktober gab der klassische Schalterspieler, der im zentralen Mittelfeld agiert, sein Debüt in der Nationalelf. Seine Dynamik wirkt ungeheuer belebend auf das Mittelfeldgerüst der Nordafrikaner. Auch taktisch gesehen ist der Mann ein guter Kniff und auf alle Fälle eines der Hoffnung spendenden Elemente der Fennecs.

GOLDENER MOMENT

Im Vorrundenspiel der WM 1982 zwischen Algerien und Deutschland wurden 42.000 Zuschauer Zeugen eines debakulösen Auftrittes der deutschen Nationalmannschaft. WM-Debütant Algerien schien an diesem Tag von den Deutschen um Magath, Hrubesch und Breitner schlichtweg unterschätzt worden zu sein. Fader Spielaufbau, unkonzentrierte Abwehrarbeit – der deutsche Rumpelfußball. So folgte in der 53. Spielminute die Strafe: Ballzauberer Rabah Madjer stiftet mit seinem Führungstor den grenzenlosen Jubel der Außenseiter an. Und nach Rummenigges Ausgleich setzten die Nordafrikaner gar zum finalen Stoß an: Lakhdar Belloumi hieß der Glückliche. Noch heute werden die beiden algerischen Torschützen, Madjer und Belloumi, in der Heimat als Helden verehrt. Auch wenn sich noch im selben Turnier die wohl bitterste Stunde in Algeriens WM-Historie ereignen sollte.

BITTERSTE STUNDEN

Denn was folgte, war „ein Stück Fußball-Porno“ – meinte zumindest die niederländische Tageszeitung Volkskrant damals. Algerien hatte sich nach einem 3:2-Sieg über Chile eine gute Ausgangsposition für das Erreichen der Zwischenrunde erarbeitet, dann wurde das letzte Gruppenspiel zwischen Deutschland und Österreich ausgetragen. Mit einem knappen Sieg der Deutschen wären beide Teams in der nächsten Runde, so folgten nach Hrubeschs frühem Führungstor 90 Minuten Ballgeschiebe. Beide Mannschaften stellten das Fußballspielen ein – in der Gewissheit, Algerien um die Zwischenrunde zu betrügen. Der laute Protest der Algerier wurde damals nicht erhört, immerhin werden seitdem Gruppenspiele stets zeitgleich ausgetragen, um mögliche Absprachen zu vermeiden.

ABSEITS

Das zweitgrößte Land Afrikas, Algerien, beheimatet 32 Millionen Einwohner. Im Süden des afrikanischen Staates herrscht ein heißes, trockenes Wüstenklima mit täglichen Temperaturschwankungen von über 20°C. Dennoch siedelten sich im 19. Jahrhundert viele Franzosen im Zuge der Kolonialisierung im maghrebinischen Land an.

Doch die Algerier wehrten sich ständig gegen die Kolonialmacht Frankreich, begehrten immer wieder auf. Im Algerienkrieg von 1954 bis 1962 wurde von beiden Seiten mit außerordentlicher Heftigkeit gekämpft. Am Ende der Auseinandersetzung stand die Unabhängigkeit Algeriens, für die – nach französischen Angaben – 350.000 Einheimische ihr Leben ließen.

GOAL.COM-PROGNOSE

Die algerische Nationalelf kam bei einer WM-Endrunde noch nie über die Vorrunde hinaus. Gelingt nun bei der WM auf dem eigenen Kontinent der große Coup? Mit England, Slowenien und den USA sind die Gruppengegner durchaus attraktive Teams. Algerien scheint dennoch Chancen zu haben, noch vor den Slowenen und den Amerikanern auf Platz 2 in Gruppe C landen zu können. Angesichts der Tatsache, dass man sich derzeit aber sehr unsicher präsentiert – so auch bei der Testspielniederlage gegen Serbien – muss man jedoch auf dem Boden der Tatsachen bleiben und konstatieren: Steigert sich das Team nicht noch einmal gehörig, droht das erneute Vorrunden-Aus. Der Kader ist in der Breite einfach nicht gut genug besetzt. Nur wenn der Teamgeist und die bedingungslose Unterstützung der Fans die Mannschaft beflügeln, ist ein erfolgreiches Abschneiden bei der WM möglich.

Eure Meinung: Was traut Ihr Algerien bei der WM 2010 in Südafrika zu?





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