Sensation! Island haut England raus
Für England schien bereits nach vier Minuten alles nach Plan zu laufen. Doch die Freude währte nur kurz, denn Island sorgt für die Überraschung des Turniers. Die Analyse.

Vor 35.000 Zuschauern im Stade de Nice brachte Wayne Rooney die Engländer gegen Island früh per Foulelfmeter in Front (4.), aber die Führung hatte nur kurz Bestand.

Erst gelang Ragnar Sigurdsson postwendend der Ausgleich (6.), nur wenig später drehte Kolbeinn Sigthorsson die Partie (18.). Damit führten zu diesem Zeitpunkt von den letzten acht Schüssen der Isländer fünf zum Torerfolg.

Da England in der Folge keine Lösungen gegen die starke Defensive der Isländer fand, trifft Island am Sonntag um 21 Uhr in Paris im Viertelfinale auf Gastgeber Frankreich.

Rooney lief zum 115. Mal für die englische Nationalmannschaft auf und hat damit den Feldspieler-Rekord von David Beckham egalisiert. Mehr Einsätze für die Three Lions hat nur Torhüter Peter Shilton (125) absolviert.

Der Spielfilm:

Vor dem Anpfiff: Roy Hodgson rotiert wieder zurück und wechselt im Vergleich zum 0:0 gegen die Slowakei sechsmal: Walker, Rose, Rooney, Alli, Sterling und Kane spielen für Clyne, Bertrand, Wilshere, Henderson, Lallana und Vardy.

Sein Gegenüber Lars Lagerbäck sieht nach dem 2:1-Sieg gegen Österreich hingegen keinen Handlungsbedarf und verändert seine Anfangsformation auch im vierten Spiel nicht.

4., 1:0, Rooney (FE): Ein eigentlich zu weit geschlagener Ball von Sturridge aus dem Halbfeld wird gefährlich, weil Halldorsson gegen Sterling zögerlich agiert. Der Keeper kommt deutlich zu spät und holt den Flügelspieler von den Beinen. Rooney verwandelt den Strafstoß sicher links unten.

6., 1:1, R. Sigurdsson: Island schlägt sofort zurück! Gunnarsson mit einem langen Einwurf von der rechten Seite. Arnason verlängert am kurzen Pfosten, am Fünfer steht Ragnar Sigurdsson völlig frei und haut den Ball aus wenigen Metern ins Tor. Was für ein Auftakt!

15.: Die Isländer können eine Ecke nicht endgültig klären und der Abpraller landet bei Dele Alli, der aus rund 20 Metern zentraler Position abzieht. Sein Versuch streicht aber knapp über das Tor.

18., 1:2, Sigthorsson: Unfassbar! Der Außenseiter kombiniert sich mit Kurzpassspiel nach vorne. An der Strafraumgrenze bedient Gylfi Sigurdsson Sigthorsson, der aus rund 15 Metern schießt. Hart ist an dem Flachschuss zwar dran, kann den Rückstand aber nicht verhindern. Klarer Torwartfehler!

28.: Schöner Angriff von England: Alli schickt Sturridge rechts auf die Reise und der Liverpool-Spieler kontrolliert das Zuspiel an der Grundlinie. Seine Flanke an den zweiten Pfosten nimmt Kane volley, aber Halldorsson lenkt das Leder über den Kasten.

55.: Gudmundsson bringt eine Ecke von der rechten Seite herein. England bekommt den Ball nicht aus dem eigenen Strafraum heraus und so setzt Sigthorsson aus sechs Metern zum Fallrückzieher an. Der Schuss gerät jedoch zu zentral und ist kein Problem für Hart.

79.: Wilshere schlägt eine klasse Flanke aus dem Zentrum in Richtung Kane. Der Tottenham-Stürmer steht rechts im Strafraum völlig blank, kann den Ball mit dem Kopf aber keinen Druck mitgeben. Halldorsson pariert ohne Probleme.

83.: Gudmundsson spielt einen überragenden Pass in die Tiefe auf Gunnarson, der sich rechts im Strafraum gegen Cahill durchsetzt und aus 14 Metern abzieht. Der Schuss ist jedoch zu unplatziert und Hart entschärft die Situation.

90.+3: Fast der Ausgleich! Nach einer Sturridge-Flanke von rechts kommt Vardy am zweiten Pfosten aus kürzester Distanz fast zum Kopfball, doch Arnason geht dazwischen und klärt gerade noch zur Ecke.

Fazit: In einer turbulenten Anfangsphase drehte Island die Partie und kämpfte den Favoriten anschließend aufopferungsvoll nieder. England war hingegen zu ungefährlich.

Der Star des Spiels: Birkir Bjarnason. In einem Team, das als Kollektiv auftrumpfte, marschierte der Mittelfeldspieler mit bestem Beispiel voran. Bjarnason ging weite Wege, war an beinahe jedem Konter beteiligt und so der unermüdliche Kämpfer, den Island gebraucht hat.

Der Flop des Spiels: Joe Hart. Unglücklicher Abend für den City-Keeper. Hart bekam wenige Chancen, sich auszuzeichnen, patzte aber beim zweiten Gegentor fatal und brachte England auf die Verliererstraße. Beim ersten Gegentreffer trifft ihn hingegen keine Schuld. Zudem wirkungslos: Englands Offensive.

Der Schiedsrichter: Damir Skomina (Slowenien). Der 39-Jährige hatte mit der intensiv, aber fair geführten Partie keine Probleme. Der Elfmeterpfiff war völlig korrekt.

Das fiel auf:

- Hodgson schickte seine Mannschaft in einem variablen 4-3-3 auf dem Platz, wobei besonders der rechte Außenverteidiger Kyle Walker seine Rolle offensiv interpretierte. Gleichzeitig zogen die beiden Flügelstürmer Sterling und Sturridge oft nach innen, um den nachrückenden Kollegen Platz zu schaffen. Im Mittelfeld übernahm Alli den offensiven Part und agierte häufig auf einer Höhe mit Kane.

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- Die Engländer waren auf schnelle Ballgewinne aus. So attackierten sie Island tief in der eigenen Hälfte und setzten nach Ballverlusten energisch nach. Konnte der Außenseiter die erste Pressing-Welle überspielen, sortierten sich die Briten neu und die drei Mittelfeldspieler sorgten in Ballnähe für Überzahl.

- Die Three Lions versuchten es mit einem geduldigen Aufbauspiel, was zwar zu einem Übergewicht beim Anteil der Zuspiele führte (68 Prozent), allerdings erlahmte das Passspiel im letzten Drittel. So waren die Engländer gefährlicher, wenn sie mit langen Bällen das Mittelfeld schnell überbrücken konnten und die Island-Abwehr noch unorganisiert war. 

- Das passierte jedoch selten, da das Team von Lagerbäck taktisch sehr diszipliniert auftrat. In einem flachen 4-4-2 empfingen sie England an der Mittellinie. Dabei war Island stets darum bemüht, die Abstände zwischen den Ketten so klein wie möglich zu halten. Wenn sich England in der isländischen Hälfte festsetzen konnte, verteidigte auch einer der beiden Stürmer mit, sodass sich situativ ein 4-5-1 formierte.

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