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Deutschland nach WM-Titel: Endlich das Sahnehäubchen

Die DFB-Elf feiert sich und den WM-Titel: In einem packenden Endspiel erreicht der schwarz-rot-goldene Reifeprozess seinen Gipfel. Er ist der Lohn für den Paradigmenwechsel.

Rio de Janeiro. Da war sie, die Erlösung, der Schlusspfiff. Bastian Schweinsteiger sank zu Boden. Gezeichnet, mit einem Cut unter dem Auge, und von Krämpfen geplagt. Er hatte eingesteckt, gefightet. Er hatte gelitten, nun weinte er. Überwältigt von den Gefühlen, von purer Erleichterung. Allesamt rannten sie auf ihn zu, begruben ihn unter sich. Gemeinsam erklommen sie im Maracana den Fußball-Olymp. Nach 24 Jahren und einer 1:0-Nervenschlacht über 120 Minuten gegen Argentinien ist Deutschland wieder Weltmeister!

Manuel Neuer stotterte: "Unglaublich!" Es wurde zum geflügelten Adjektiv in dieser unvergesslichen Nacht. Er, seine Mitspieler, der Betreuerstab waren am Ziel ihrer kühnsten Träume. "Wir haben Rückschläge verdaut. Uns sind die Benders ausgefallen, dazu Marco Reus – sie sind ebenfalls Weltmeister. Ganz Deutschland ist Weltmeister." Etliche Flugstunden entfernt, in der Heimat, nahmen sie es wörtlich.

Twitter-Reaktionen: "Schweini, du unfassbarer Idol"

Die Fans machten die Nacht zum Tag, ein Land feierte ekstatisch, feuchtfröhlich, bis in die Morgenstunden. Auf der Reeperbahn in Hamburg. Im Süden, auf Münchens Leopoldstraße, wo sonst nur Triumphe des FC Bayern zelebriert werden. Und im Regen Berlins, auf der Fanmeile. 500.000 bereiteten dem Finale schon drei Stunden vor Anpfiff eine würdige Bühne. Egal wo, sie einte die Hoffnung auf den vierten Stern. Nach dem Lucky-Punch von Mario Götze brachen schließlich alle Dämme.

DEUTSCHLAND EROBERT DIE COPACABANA
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"Das ist für die Ewigkeit", betonte Joachim Löw. Ein Jahrzehnt harter, akribischer Arbeit wurde in Brasilien gekrönt. "Wir haben das Projekt vor zehn Jahren gestartet mit Jürgen Klinsmann. Wir haben uns kontinuierlich gesteigert. Ich wusste, dass diese Champions den letzten Schritt machen." Unter beiden wich der deutsche Rumpelfußball dem Euphorie-Kick - in diesem Sommer fand Löw die richtige Dosis. Obwohl er gezwungen war, sein funktionierendes Gebilde urplötzlich auseinander zu reißen.

Khedira-Schock und Kroos-Aussetzer

Sami Khedira, den defensiven Stabilisator, das Bindeglied, ersetzte er nach dem Aufwärmen aufgrund einer Wadenblessur durch Christoph Kramer. Souverän erfüllte dieser seine Pflichten, interpretierte die Rolle offensiver - bis er mit Verdacht auf Gehirnerschütterung nach einem unbeabsichtigten Check gegen den Kopf runter musste. 32 Minuten waren gerademal absolviert, da durfte Löw neuerlich die taktischen Überlegungen verwerfen. Für ihn kam Andre Schürrle, der spätere Assistgeber, der starke Mesut Özil übernahm die Kramer-Position.

Deutschland wirkte in der Anfangsphase nervös. Verflogen die Lockerheit, als der Bundestrainer vor der Abfahrt ins Stadion gelassen Autogramme schrieb, mit Chef-Scout Urs Siegenthaler bei der Ankunft ein kurzes Pläuschchen hielt. Entweder man lief sich im dichten Abwehrverbund fest, oder der letzte Pass in die Schnittstelle fand keinen Abnehmer. Man versuchte zu agieren, reagierte jedoch zu oft. Insdesondere die schnellen argentinischen Konter über Lionel Messi sorgten für stete Unruhe. Mehrmals ließ sich Mats Hummel düpieren, einzig Jerome Boateng mimte den Fels in der Brandung.

Das WM-Finale in Bildern

So ergaben sich Räume, ob auf dem Flügel, oder im Zentrum. Dazu kamen Aussetzer wie jener von Toni Kroos. Unbedrängt köpfte er in der ersten Halbzeit in den Lauf Gonzalo Higuains, der alleine vor Neuer die Nerven verlor. Er, der Welttorhüter, später mit dem Goldenen Handschuh ausgezeichnet, tat das, was jeder von ihm erwartet, was die Welt schon zuvor in Staunen versetzte. Er rettete, mehrmals, in höchster Not.

"Das gibt so viel Power"

"Ich versuche für die Mannschaft da zu sein", so Neuer. Es mag Glück gewesen sein. Vielleicht aber mag es seine Aura, seine Präsenz gewesen sein, die Argentinien einschüchterte. "Es geht nicht um mich, es geht um die Mannschaft." Von der ersten bis zur letzten Sekunde war er spürbar, dieser Teamspirit, das gegenseitige Kämpfen füreinander. Auf dem Rasen. Und der Bank. Die Einwechselspieler zitterten mit, frei von Missgunst und persönlichen Eitelkeiten. Sie feuerten ihre müden Kollegen an, als es vor der Verlängerung nötig war, sprachen ihnen Mut zu.

"Wie die Jungs", sagte Schweinsteiger gerührt, "voll mitgegangene sind, das habe ich noch nie erlebt. Das gibt so viel Power." Erst Löw, dann Lahm und er predigten nach der regulären Zeit, kompakt zu stehen. Zu häufig entblößte die DFB-Elf die Mitte, zu große Lücken klafften zwischen den Linien. Vor einiger Zeit wäre sie vermutlich gescheitert, das Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. In Rio kämpfte sie sich mit fast ausgestorbenen Tugenden zurück, übernahm die Kontrolle - und Fortuna war ihr positiv gesinnt.

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Etwa als Messi, Sekunden nach dem Seitenwechsel, alleine vor Neuer auftauchte, aber verzog. Kurz vor der Pause fehlte der himmlische Beistand, als Benedikt Höwedes sich mit einer Pirouette seines Gegners entblößte und die Eckball-Hereingabe per Kopf an den Pfosten zimmerte. Um wenige Zentimeter verpasste er die Erlösung. In der 113. Minute folgte sie schließlich.

Schweinsteiger geht voran

Unwiderstehlich marschierte Schürrle auf links den Flügel entlang und behielt das Auge. Er hob den Ball in den Strafraum, zu Mario Götze, der mit zwei Berührungen perfekt vollendete. Ausgerechnet er, der Bayern-Jungstar, viel gescholten, war Löws Ass. "Es ist unbeschreiblich", erklärte er. Ruhig, den Blick in das Oval gerichtet, versuchte er, das Erlebte zu verdauen: das Tor, das Küsschen von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die Umarmung von Präsident Joachim Gauck, die Pokal-Übergabe um 23.57 Uhr.

Klose hatte ihm all das prophezeit: "Als er für mich kam, sagte ich ihm: Ich spüre, du machst das Ding. Es ist das Sahnehäubchen, es war ein Traum von mir, da oben zu stehen." In Tränen aufgelöst herzte der WM-Rekordtorschütze seine beiden Söhne. Es waren berührende Momente, die sich auf dem Rasen ereigneten. Schweinsteiger lag in Löws Armen. Er bestritt die Begegnung seines Lebens, opferte sich für den Erfolg auf. "Was er und Philipp Lahm gelaufen sind? Unglaublich", adelte Löw. "Ich habe schon vor dem Spiel gesagt: Ihr müsst so viel geben wie noch nie, dann werdet ihr auch das erreichen, was ihr noch nie hattet."

Argentinien wurde in die Knie gezwungen - nach seiner besten Vorstellung. Sie sahen ernüchtert zu, wie Schweinsteiger voranschritt, im Stile eines Boxers. Längst verflogen die Wut über Sergio Agüeros Faustschlag, die Schmerzen, als die Platzwunde behelfsweise genäht wurde. "Das gehört dazu. So ein Finale hat man nicht so oft." Das Team hat gelernt zu siegen. Gelernt, nie den Glaube zu verlieren. Er steht sinnbildlich für diesen Reifeprozess. Diesmal tanzte er losgelöst, sang "Campeones", wie es die Spanier in den bitteren Jahren zuvor taten. Nun hat er endlich den Pokal. Und Deutschland seinen vierten Stern.

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