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Nach "Katargate": Blatter will Wagenburgmentalität in der FIFA

FIFA-Präsident Joseph S. Blatter und der Weltverband sind wegen der Umstände der Vergabe der WM 2022 an Katar mächtig unter Druck geraten.

Sao Paulo/Rio de Janeiro. Joseph S. Blatter genoss sichtlich gerührt die Standing Ovations der Delegierten der afrikanischen Fußball-Konföderation CAF. Der Schweizer Präsident des Weltverbandes FIFA ließ sich gerne feiern, denn eigentlich steht er seit Wochen mal wieder mit dem Rücken zur Wand. Und der warme Applaus am Montag in Sao Paulo tat ganz offensichtlich gut.

Die Korruptions-Anschuldigungen britischer Medien im Zusammenhang mit der Vergabe der WM 2022 an Katar im Dezember 2010 lassen Blatter und Co. nicht zur Ruhe kommen. Der Walliser kokettiert gerne damit, dass die FIFA ja im Grunde mächtiger als die katholische Kirche sei. Weltreligionen gebe es einige, die FIFA sei einzigartig. Und so versucht er, eine Wagenburgmentalität in "seiner" FIFA-Familie aufzubauen.

Kritik an Katar "Rassismus"

Und dabei scheut er sich nicht, mit deutlichen Worten seine Gegner aufs Korn zu nehmen. Ein Sturm sei gegen die FIFA wegen der WM-Vergabe an Katar - schon "Katargate" genannt - heraufgezogen. "Traurigerweise spielen Diskriminierung und Rassismus eine Rolle, das verletzt mich", sagte Blatter vor dem am Dienstag begonnenen FIFA-Kongress in Sao Paulo. Die FIFA müsse alles bekämpfen, was den Beigeschmack von Rassismus und Diskriminierung habe.

CAF-Chef Issa Hayatou (Kamerun), einst ein entschiedener Gegner Blatters, begab sich auf Schmusekurs: "Ich bin sehr zufrieden mit dem, was Präsident Blatter gesagt hat. Wir unterstützen ihn, und ich war sehr glücklich über das, was er den Delegierten erzählt hat." In einer offiziellen Pressemitteilung lobt die CAF denn auch den FIFA-Präsidenten fast überschwänglich als denjenigen, der sich immer für die Entwicklung des afrikanischen Fußballs eingesetzt und stark gemacht habe. "Missionar" Blatter soll also offenbar weiter wirken dürfen!

Wenig zimperlich geht Blatter indes mit den Kritikern um. Vor allem die Enthüllungen der britischen Medien machen ihm und seinen Getreuen schwer zu schaffen, dementprechend attackierte er diejenigen, die es wagen, sein FIFA-Konzept infrage zu stellen. Denn immer noch läuft das System Blatter wie geschmiert ...

"Sie wollen zerstören, nicht nur das Spiel, sie wollen auch die Institution zerstören, weil unsere Institution so stark ist", wetterte er und meinte damit die wiederholten Medien-Attacken auf "seine" FIFA. Diese bietet allerdings aufgrund des Filzes, der sich über die Jahre angesammelt hat, auch genug Angriffsfläche.

Seit 1998 thront der ehemalige FIFA-Generalsekretär an der Spitze des Weltverbandes. In Sao Paulo, wo am Donnerstag das WM-Eröffnungsspiel zwischen Brasilien und Kroatien stattfindet, wird allgemein erwartet, dass Blatter seine Kandidatur für eine fünfte Amtszeit im Mai 2015 in Zürich offiziell macht. Bereits zuletzt hatte der Eidgenosse in einem Interview angekündigt, weitermachen zu wollen, wenn dies von den Delegierten der Mitgliedsverbände gewünscht werde. Seine Auftritte vor der afrikanischen und der asiatischen Konföderation am Montag in Sao Paulo und die Reaktionen seiner Zuhörer dürften Blatter bestärkt haben, nochmals anzutreten.

Der FIFA-Boss versteht es nach wie vor meisterhaft, den kleinen Mitgliedsverbänden das Gefühl zu geben, enorm wichtig zu sein. Seine seit Jahren mit Millionensummen aufgelegten Entwicklungsprogramme haben ihm den Ruf des "Missionars" eingebracht. Und seine Mission an der Spitze der FIFA ist noch nicht beendet.

Kaum Gegner für den Patron

Blatter fürchtet, dass sein Lebenswerk zerstört werden könnte, sollte jemand anderes ans Ruder kommen. Dabei steht bislang nur die Kandidatur seines langjährigen Vertrauten Jerome Champagne (55/Frankreich) fest. Blatters wohl schärfster Rivale, UEFA-Chef Michel Platini (58/Frankreich), hat sich bislang noch nicht aus der Deckung getraut.

Möglicherweise wird er gar nicht als Gegenkandidat antreten. Schließlich sind auch schon Platinis Vorgänger als Präsident der Europäischen Fußball-Union (UEFA), Lennart Johansson (Schweden), und CAF-Chef Hayatou bei FIFA-Präsidentenwahlen mit Pauken und Trompeten durchgefallen - Blatter ließ ihnen nicht den Hauch einer Chance.

"Die Leidenschaft lodert noch in mir", verriet Blatter vor den CAF-Delegierten, "ihr müsst Ja oder Nein sagen und entscheiden, was ihr wollt." Der "König vom Zürichberg" wäre übrigens bei Ablauf seiner fünften Amtszeit 2019 stolze 83 Jahre alt. Kein Wunder, dass die Amtszeitbegrenzung und ein Alterslimit in der FIFA immer noch ganz sensible Themen sind.

Gegenwind bekam Blatter allerdings am Dienstag von der UEFA. Das niederländische Exekutivkomitee-Mitglied Michael van Praag legte Blatter in dessen Anwesenheit ans Herz, im kommenden Jahr nicht mehr anzutreten und die Verantwortung für das schlechte Image der FIFA zu übernehmen.

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