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Frühgereifter Superstar: Brasiliens Hoffnungen ruhen auf Neymar

Wenn am Donnerstag der Startschuss für die Weltmeisterschaft fällt, ruhen die Hoffnungen von Gastgeber Brasilien vor allem auf Neymar.

Sao Paolo. Am Dienstag hielt Brasilien für einige Minuten den Atem an. Während eines Trainings außerhalb von Rio de Janeiro war Neymar umgeknickt, völlig ohne Fremdeinwirkung und blieb liegen. Ärzte liefen zu ihm, es bildete sich eine Gruppe um den Mittelfeldspieler, der mit schmerzverzerrtem Gesicht vom Platz humpelte. Felipe Scolari blickte noch missmutiger als sonst. Wenig später Entwarnung. Nach bangen Minuten an der Seitenlinie trottete Neymar zurück, beendete sogar die Einheit.

Die Episode zeigt: Der Zehner der Selecao ist mehr als nur ein Fußballspieler. Er ist das Zukunftsversprechen, wobei die Zukunft für Brasilien spätestens am 12. Juni beginnt, wenn der Startschuss für die WM fällt. Dann ruhen die Hoffnungen einer ganzen Nation auf Neymar, der dem Wunsch seiner Landsleute nach in die Fußstapfen des großen Pele treten soll. Der hatte seine Kollegen in Schweden 1958 als 17-Jähriger zum ersten WM-Titel geführt.

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"The next Pele"?

Mit der Legende teilt Neymar ohnehin viele Gemeinsamkeiten: Wie Pele ist Neymar ein Frühgereifter und fußballerisch beim FC Santos groß geworden. Und seit der Verein mit ihm erstmals nach 48 Jahren wieder die Copa Libertadores gewann, ist der Vergleich ohnehin sein ständiger Begleiter. Das Time Magazin nahm den Youngster bereits als 'The next Pele' auf die Titelseite. Ähnlich wie bei seinem Vorgänger, zeichnete sich Neymars Talent früh ab.

MEINUNG AUS BRASILIEN

"Viele haben sich schon 2010 gewundert, dass Neymar nicht im Aufgebot stand, als er bei Santos erstmals auf sich aufmerksam machte. Im Gegensatz zu Paolo Ganso stagnierte Neymars Karriere seitdem aber nicht.

Mit der Rückkehr "Felipaos" zur Selecao ist Neymar auch in der Nationalmannschaft zum Leader gereift und führte Brasilien mit einer brillanten Leistung zum Confed Cup vor einem Jahr. Nun hofft ganz Brasilien. dass er dem Land auch den sechsten Titel schenken kann."

Goal Brasilien

In seiner jüngsten Biographie erinnert er sich, dass er "schon als Jugendspieler Autogramme geben" musste. Was auch daran lag, dass Neymar Senior, ein Ex-Profi, das Talent des Sohnes früh erkannte - und die Möglichkeiten, die sich boten. Kaum ein Fußballer steht so sehr für Karriereplanung, für Vermarktung, die Kommerzialisierung des Sports und die marktstrategische Nutzung neuer Medien wie Neymar. "Ich stehe in den Medien seit ich 13 bin", sagte er wenige Tage vor der WM. Die große Öffentlichkeit ist neben Pele ein weiterer ständiger Begleiter.

Bei Santos gab Neymar 2009 sein Profidebüt, gewann zwei Jahre später die Copa Libertadores und wurde im selben Jahr sowie 2012 zu Südamerikas Fußballer des Jahres ausgezeichnet. In Europa erlangte sein Name durch Youtube-Videos erste Bekanntheit. Bevor er nach einer Transfer-Saga, in welcher sich die gesamte Elite Europas um das Juwel bemühte, in die Primera Division wechselte, erzielte er für Santos 54 Treffer in 103 Partien. Am Ende entschieden FC Barcelona und Präsident Sandro Rosell das Tauziehen für sich.

Aber die Katalanen sicherten sich nicht nur den Fußballer Neymar. Denn ebenso karriereförderlich wie seine Übersteiger und Dribblings sind die medialen Volten: Kaum einer beherrscht die Klaviatur des Social Media so gekonnt wie Neymar. Gut 60.700 Tweets hat er seit Juni 2010 in die Welt geschickt, fast elf Millionen Menschen folgen ihm beim Kurznachrichtendienst. Als Kopf diverser Kampagnen garantiert er dem Verein schon jetzt ein Vermarktungspotential, das eines Tages an jenes Messis heranreichen könnte.

Pele: Neymar ist in Barcelona "besser geworden"

Für Pele, der ihm die notwendige Körperlichkeit abgesprochen hatte, kam der Wechsel nach Spanien im richtigen Moment. Kurz vor der WM sagte er: "Heute passen sich die Spieler schneller an. Ich denke, Neymar wird ein besserer Spieler in Barcelona und stärkt dadurch die Mannschaft."

Bei Barca kam Neymar in seiner ersten, allerdings von zwei Verletzungen unterbrochenen Saison auf 26 Einsätze (19 in der Startelf), in denen er neun Tore erzielte. Ausbaufähige Zahlen, aber nicht unbedingt enttäuschend. "Ohne Frage blitzte seine Qualität ab und an auf. Er hatte seine Momente im Verlauf der Saison", sagt Goals Barcelona-Korrespondentin Pilar Suarez. Neben seinem Treffer gegen Atletico, der den Katalanen immerhin die Supercopa de Espana bescherte, blieb vor allem sein erster Clasico gegen Erzrivalen Real Madrid in Erinnerung, den Barcelona mit Treffer und Vorlage Neymars 2:1 gewann. 

"Wenn man die Umstände miteinbezieht, wird er aber erst in seiner zweiten Saison so richtig auf dem Prüfstand stehen", erklärt Suarez weiter. In Brasilien aber wird man den Youngster schon ab Donnerstag an seinen Taten messen. Der Glaube an Neymar ist ungebrochen. Ronaldo, Weltmeister von 2002, nannte ihn jüngst "die Hoffnung des Landes". Beim Confederations Cup vor einem Jahr bekräftigte Neymar den Glauben in sein Talent: Mit vier Toren und zwei Assists war der damals 21-Jährige der Mann des Turniers und ließ den Traum vom Erbe Peles, Romarios und Dungas weiter aufleben.

Vor allem unter Felipe Scolari, der 2012 vom allzu glücklosen Mano Menezes übernahm und der verunsicherten Mannschaft wieder Selbstsicherheit gab, ist Neymar aufgeblüht. Auch wenn der letzte Test gegen Serbien die Skeptiker bereits wieder die Augenbrauen hochziehen ließ. Im Vergleich zum 4:0 gegen das unterklassige Panama zuvor blieb Neymar gegen die dicht stehenden Serben blass. "Wegen der engen Räume war es schwer, Chancen zu kreieren. Daran müssen wir uns gewöhnen, Kroatien wird ähnlich spielen", erklärte der Superstar mit Blick auf das Eröffnungsspiel.

Littbarski: "Neymars Schnelligkeit ausspielen"

Für Pierre Littbarski, Weltmeister von 1990 und selbst offensiver Mittelfeldspieler, bleibt Neymar dennoch ein "Schlüsselspieler", der "eine Partie entscheiden kann." Weil sich in der brasilianischen Hitze auch andere Mannschaften auf eine Taktik des Tiefstehens und Konterns berufen werden, glaubt er, dass die Stärken Neymars in einem abwartenden und weniger domininanten Stil besser zum Tragen kämen: "Er hat seine besten Aktionen, wenn er mit Geschwindigkeit kommt. Wenn Brasilien zu früh angreift, ist der Raum nicht da, dann spielt er ähnlich wie in Barcelona."

Das käme zwar den Fans entgegen, "die seine Dribblings gegen zwei, drei Gegenspieler sehen wollen." Taktisch hält "Litti" es allerdings für klüger, dass der WM-Gastgeber "sich etwas tiefer zurückziehen und die Schnelligkeit von Neymar und Hulk ausspielen." So kann Brasilien womöglich den heißersehnten sechsten Titel holen - und Neymar würde bereits in jungen Jahren in die Geschichte eingehen.

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