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Nach den Unruhen und der Stadiontragödie war in Ägypten professioneller Fußball fast zwei Jahre lang undenkbar. Unter Auflagen hat die Liga den Spielbetrieb aufgenommen.

Kairo. Rainer Zobel bereitete seine Mannschaft gerade auf das erste Spiel seit einer Ewigkeit vor, als in Kairo der Sprengsatz explodierte. Ein Bombenattentat auf einen Bus erschütterte am Donnerstag die Weltstadt am Nil, kurz bevor El-Gouna beim Konkurrenten Misr Elmaqasah antreten und einen Hauch von Normalität in den ägyptischen Fußball zurückbringen sollte.

Zobel (65) war sogar einmal Trainer im Iran, er hat vieles erlebt, dennoch lief es ihm kalt den Rücken herunter. "Mich beschleicht dann ein unangenehmes Gefühl, wenn man nicht weiß, wo als nächstes etwas passieren kann", erzählte Zobel am Freitag im Gespräch mit dem Sport-Informations-Dienst.

Gespielt wurde dennoch - unter strengsten Sicherheitsauflagen und unter Ausschluss der Zuschauer. Das junge Team von Rainer Zobel verlor 0:1, das Ergebnis war maximal eine Randnotiz. Denn der Anschlag verdeutlichte, dass in Ägypten auch nach einer zweijährigen Unterbrechung des Ligabetriebs nichts als selbstverständlich angesehen werden kann.

Immerhin: Nach den politischen Unruhen und der Stadiontragödie von Port Said mit 72 Toten im Februar 2012 ist professioneller Fußball zumindest wieder denkbar. Doch die Lage bleibt brisant. "Auch der Fußball stand hier immer gegen die Staatsgewalt und hat eine politische Dimension, die man schwer vergleichen kann", berichtet Zobel.

Ausgangssperren aufgehoben

Machtlos hatte der ehemalige Bundesligatrainer auf den Zeitpunkt gewartet, endlich seine Arbeit beim Erstligisten wieder aufnehmen zu können. "Es war die schwerste Zeit in meiner Trainerkarriere", sagt er. Zwei Revolutionen innerhalb von knapp drei Jahren mit zwei gestürzten Machthabern liegen hinter dem fußballverrückten Volk. Es sehnt sich nach Normalität.

Dass die Ausgangssperre vor einem Monat aufgehoben wurde, ist laut Zobel ein Indiz für eine Beruhigung, doch die Gefahr von Anschlägen könne "die Situation jederzeit wieder verschärfen". Nach Auflagen des Innenministeriums wird die erste Saisonhälfte in leeren Arenen ausgetragen, weil die Behörden nach wie vor Eskalationen beim Zusammentreffen großer Menschenmassen befürchten.

Auch fast zwei Jahre nach der Tragödie im Stadion der Hafenstadt Port Said, bei der 72 Fans des erfolgreichsten ägyptischen Vereins Al Ahly erstochen, zu Tode getrampelt, erschlagen oder erdrückt wurden, taumelt der organisierte Fußball im Land nur langsam einem geregelten Alltag entgegen. Was an diesem 1. Februar 2012 zunächst wie ein Schlagabtausch zweier verfeindeter Ultra-Gruppen wirkte, war mit großer Sicherheit eine politisch motivierte Racheaktion.

Politik und Sport verflochten

Die Katastrophe zeigte die engen Verflechtungen zwischen Sport, Politik und Gesellschaft. Die Saison wurde sofort abgebrochen, die folgende Spielzeit endete wegen der Unruhen rund um den Sturz von Staatspräsident Mohammed Mursi, Nachfolger des unter turbulenten Umständen zurückgetretenen Husni Mubarak, vorzeitig im Juli 2013.

Die Folgen von Port Said sind bis heute spürbar. Beim Play-off-Rückspiel der Nationalmannschaft gegen Ghana um eines der letzten WM-Tickets bot sich Ende November ein trauriges Bild, als 20.000 Sicherheitskräfte im Military Stadium von Kairo die 10.000 Fans abschirmten. In der Liga bleiben die Ränge vorerst komplett leer.



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