thumbnail Hallo,

Santos sagt, man habe nur 17,1 Millionen Euro für Neymar erhalten. Barca behauptet, es seien 57 Millionen Euro geflossen. Wo der Rest des Geldes geblieben ist, wird verschwiegen...

SPECIAL REPORT
Von Ben Hayward

Er gilt als einer der undurchsichtigsten Transfers in der Geschichte des Fußballs: Sieben Monate sind seit Neymars spektakulärem Wechsel vom FC Santos zum FC Barcelona vergangen und nach wie vor gibt es eine Menge Unklarheiten.

Wie viel hat er gekostet? Und wer hat was bekommen? Wohin floss dieses Geld und gab es weitere Zahlungen? Barcelona hat offiziell mitgeteilt, 57 Millionen Euro für den Brasilianer hingeblättert zu haben. Santos behauptet dagegen, nur 17,1 Millionen Euro erhalten zu haben. Eine dritte Partei, die Rechte an Neymar hielt, fühlt sich übergangen und dann gibt es da noch das ungewöhnliche Modell der Zahlung für eine Option auf drei junge Brasilianer. Zwei Freundschaftsspiele wurden ebenfalls noch mit in diesen einen großen Topf geworfen.

Deals mit südamerikanischen Vereinen und dritten Parteien am Verhandlungstisch entpuppen sich stets als kompliziert. Das ist nicht neu und das gab es schon zu den Zeiten Diego Maradonas. Diese Transfers brauchen viel Zeit, intensive Verhandlungen und eine gehörige Portion Geduld. Schließlich geht es um eine Menge Geld, das zwischen den Beteiligten hin- und hergeschoben wird.

Wenn man die Gesamtkosten dieses Transfers addiert, inklusive der drei Santos-Talente, die vermutlich nie beim katalanischen Klub landen werden (Victor Andrade, Gabriel Barbosa und Giva), plus zwei vereinbarte Freundschaftsspiele bedeuten, wird klar: Die Ablösesumme betrug am Ende nicht 57 Millionen Euro, sondern sogar 69,5 Millionen Euro.
 
AUCH REAL MADRID "ZAHLTE" FÜR NEYMAR
Real Madrid setzte Neymar 2011 ganz, ganz oben auf die Einkaufsliste. Die Blancos schafften es nicht, ihren Wunschspieler zu holen und zahlten schließlich die Weltrekordablöse für Gareth Bale.

Bürokratische Hürden sorgten dafür, dass der damals 13 Jahre alte Neymar im Jahr 2005 nicht Teil des Deals wurde, der Robinho von Santos zu Real brachte. Auch Neymar war damals nach Spanien gereist und hatte sogar kurzzeitig eine Spielberechtigung bei den Blancos.

Vereinspräsident Florentino Perez (im Bild oben) hielt den Kontakt und zahlte später auch Geld an Neymars Agenten Wagner Ribeiro. So wollte er sicherstellen, dass Real für Neymar die erste Anlaufstelle war. Ribeiro wollte den Deal 2011 fix machen und auch Santos war einverstanden. Doch in zwei Telefonkonferenzen zog sich Perez Neymars Unmut zu: Der Klubboss eröffnete dem Shootingstar, er müsse in der Jugendabteilung starten und sich seinen Platz in der ersten Mannschaft noch erkämpfen.

Neymar war damals in Brasilien bereits ein Star. Zu dem Zeitpunkt schaltete sich Barcelonas Präsident Sandro Rosell ein und er fand genau die richtigen Worte, um den Youngster und seinen Vater von einer Zukunft im Camp Nou zu überzeugen.

Madrid hatte 2011 gar einen Medizincheck in Brasilien bezahlt. Der Spieler allerdings wollte nur noch nach Barcelona. Seit er 17 Jahre alt war, war es sein Traum, an der Seite Lionel Messis zu kicken.

Real blieb bis zum Schluss interessiert und bot sogar mehr Geld, als es Barcelona tat. Perez wollte ihn unbedingt in die spanische Hauptstadt lotsen.

Santos riet Neymar zum Wechsel noch Madrid, doch der hatte sich längst entschieden. Neymars Vater ließ Real jedoch zappeln. Er wusste: Die beiden größten Klubs der Welt wollten seinen Sohn und damit konnte er den Preis diktieren.
Der Betrag, den Santos erhielt, wirkt überraschend niedrig für einen Spieler, der nach Pele der talentierteste Kicker überhaupt beim Traditionsklub gewesen sein soll. Man darf auch nicht vergessen, dass Santos 2011 seine Futsal- und die Frauenfußballabteilungen schloss, um Neymar einen neuen, lukrativen Vertrag anbieten zu können.

Mittlerweile möchte Supermarktkette DIS wissen, wer ihr noch wie viel Geld schuldet. Hintergrund: DIS hatte vor einigen Jahren für 2,8 Millionen Euro 40 Prozent der Persönlichkeitsrechte an Neymar erworben. Gemäß Santos lag die Ablöse bei 17,1 Millionen Euro und der Anteil von DIS läge dann bei 6,84 Millionen Euro. Weil die Kosten laut Barca aber bei 57 Millionen Euro lagen, könnte der Anteil der Supermarktkette gar bei 22,8 Millionen Euro liegen. Rechnet man die drei jungen Spieler und die beiden Freundschaftsspiele mit ein, wären es 27,8 Millionen Euro (offiziell wurden sie aber nicht mit einbezogen).

Eine Quelle aus Brasilien, die in die Verhandlungen involviert war, behauptet, Santos und Barcelona hätten sich absichtlich auf dieses komplizierte Zahlungsmodell verständigt: "Santos ist in dem Glauben, das DIS dem Verein Geld schuldet und das Verhältnis ist gar nicht gut. Also entschieden sie gemeinsam mit Barcelona, dass das Geld in verschiedenen Konzepten gezahlt werden soll, um den Anteil von DIS zu verringern."

Es steht also weiter die Frage nach dem Verbleib von 40 Millionen Euro im Raum. DIS hat davon nichts gesehen. Zumindest zu einem Teil der Summe kann man etwas sagen, genauer gesagt einem Viertel: Der Klub hat zugegeben, dass er 2012 zehn Million Euro an Neymars Vater zahlte, damit sein Sohn sich auch sicher für die Blaugrana und nicht den Erzrivalen Real Madrid entschied. Diese Summe taucht auch im Jahresbericht 2012 auf. Vizepräsident Josep Maria Bartomeu sagte bei Neymars offizieller Vorstellung in Katalonien im Juni: "Die Verhandlungen mit Santos begannen bereits 2011. Und deswegen wird im Budget des vergangenen Jahres eine Zahlung über zehn Millionen Euro als Sicherheitsrücklage aufgeführt."

Santos sagt, Neymars Vater habe diese zehn Millionen Euro nicht angenommen. Dennoch kann der Klub nicht erklären, wo das Geld stattdessen abgeblieben ist.

Aber was ist mit den anderen 30 Millionen Euro? Jenes Geld, das weder Santos noch DIS gesehen haben. "Wir haben im TV gesehen, dass Barca von 57 Millionen Euro spricht. Aber hier heißt es von Santos nur, es seien 17 Millionen Euro gewesen. Wir fühlen uns betrogen", ärgerte sich DIS-Geschäftsführer Roberto Moreno im Sommer in einem Radio-Interview.

DIS ist auch wenig erbaut über die zehn Millionen Euro, die als Vorauszahlung geflossen sind: "Barca hat eingeräumt, dass es eine Zahlung in Höhe von zehn Millionen Euro gab, währen Neymar noch bei Santos war", so Moreno. "Und das ist ein klarer Verstoß gegen FIFA-Regularien."

Eine weitere Behauptung, die kursiert: Neymars Vater und sein Unternehmen N&N sollen die gesamten 40 Millionen Euro eingesackt haben. "Wir haben 17,5 Millionen Euro an Santos gezahlt und 40 Millionen Euro an eine Firma, der die Rechte an Neymar gehörten", verriet Barcelonas Präsident Sandro Rosell in der vergangenen Woche. Näher erläuterte er die Zahlen allerdings nicht.

Rosell wird mittlerweile vom Barca-Mitglied Jordi Cases des "unangemessenen Umgangs" mit Vereinsgeldern beschuldigt. Er sagt: "Ich würde behaupten, dass eine derart wichtige Zahlung wie 40 Millionen Euro unter keinen Umständen versteckt getätigt werden darf. Als Mitglied und Anteilseigner unseres geliebten Klubs habe ich das Recht zu erfahren, unter welchen Bedingungen diese 40 Millionen Euro bezahlt wurde.

Cases glaubt, wie viele andere mittlerweile auch, dass die 40 Millionen Euro an Neymar und seinen Vater geflossen sind. Eine Art Handgeld, das in den offiziellen Zahlen nicht auftaucht. Wäre dies der Fall, dann müsste Barcelona darauf Steuern zahlen und die Ablöse läge jenseits der 100 Millionen Euro. "Sollte es sich bei diesen 40 Millionen Euro um eine versteckte Gehaltszahlung an den Spielern handeln, dann hätte es auch der Hacienda (Spaniens Steuerbehörde, Anm. d. Red.) gemeldet werden müssen", so Cases. "Und damit wäre er teurer als 100 Millionen Euro gewesen."

Neymars (offizielles) Gehalt und die Ablöse kosten Barca Stand jetzt 124 Millionen Euro. Sieben Monate, nachdem der Deal zustande gekommen ist, bleibt weiter unklar, wo ein großer Teil dieses Geldes geblieben ist - und ob der katalonische Klub nicht eigentlich aufgrund der Steuern noch mehr für den brillanten Brasilianer hätte zahlen müssen. So wie er die Gegenspieler in der Primera Division narrt, so voller Haken und Wendungen ist auch die Geschichte seiner Verpflichtung.



Bleibe am Ball und sei Teil des größten Fußball-Netzwerkes der Welt: Folge Goal auf
oder werde Fan von Goal auf !

Dazugehörig