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Standards, Fouls und Ballbesitz – der Blick hinter die WM-Zahlen

Das größte Fußball-Turnier der Welt ist immer der Ort, an dem Trends gesetzt werden. Doch nicht alle empfundenen Phänomene lassen sich auch mit Zahlen untermauern.

Berlin. Ballbesitz ist out, Jokertore werden immer wichtiger, es wird viel gefoult – die Auftritte der 32 Teams bei der Weltmeisterschaft in Brasilien sorgen für viel Gesprächsstoff und führen in den Medien zu Verallgemeinerungen. Doch sind die gefühlten Turnier-Trends auch wirklich zu belegen? Wir haben uns mit Hilfe der Daten von Opta die WM-Entwicklungen angesehen und überprüft, ob und was genau außergewöhnlich ist.

Standards immer wichtiger?

Den Eindruck, dass nach Ecken und Freistößen viel mehr Gefahr als sonst droht, kann man bekommen, weil die deutsche Mannschaft durch Mats Hummels zwei Mal per Kopf erfolgreich war und auch der 2:2-Ausgleich gegen Ghana durch Miroslav Klose nach einem Eckball entstand.

Im Vergleich zur abgelaufenen Saison in der Champions League entstehen tatsächlich rund 30 Prozent mehr gefährliche Szenen pro Spiel nach Standardsituationen. Doch im Vergleich zur letzten Bundesliga-Saison bleibt auch die WM leicht zurück – und das, obwohl in Brasilien einige Matches in die Verlängerung gegangen sind.

Argentinien und die Niederlande haben jeweils 13 Möglichkeiten nach ruhenden Bällen gehabt und liegen im Vergleich der Halbfinalisten damit vor Deutschland (10) und Brasilien (7).

CHANCEN NACH STANDARDS, PRO SPIEL
Weltmeisterschaft 2014 Champions League 2013/14 Bundesliga 2013/14
3,17 2,44 3,59

 

 

 

 

Mehr Fouls?

Besonders das Viertelfinale zwischen Brasilien und Kolumbien sorgte für viel Gesprächsstoff. Der spanische Schiedsrichter verteilte nur vier Gelbe Karten in einem Duell, das ständig unterbrochen werden musste. Am Ende bestrafte er auch das Foul, das Neymar das Mitspielen im Halbfinale kostete, nicht mit einer Verwarnung.

Dabei zeigt sich bei einem Blick auf die Statistik, dass es bislang die Brasilianer selbst sind, die mit 96 Fouls in fünf Partien ganz vorne liegen. Holland wurde 91 Mal zurückgepfiffen, während Deutschland (57) und Argentinien (51) viel seltener bestraft wurden. Das hängt allerdings auch zum Teil mit dem höheren Ballbesitz-Anteil des DFB-Teams und der Gauchos zusammen: Wer die Kugel hat, muss nicht foulen, um sie zu bekommen.

Im Vergleich mit der abgelaufenen Bundesliga-Saison gibt es bei der WM allerdings weniger Fouls pro Spiel – und in Deutschland hat sich im vergangenen Jahr niemand über die ruppige Spielweise beklagt. Man könnte allerdings anführen, dass in Brasilien weniger Fouls gepfiffen werden, weil die Schiedsrichter die Regeln großzügiger auslegen. Verglichen mit der letzten Saison in der Champions League, wo es ja angeblich immer mit der "internationalen Härte" zur Sache geht, gibt es bei der WM jedoch klar mehr Fouls.

FOULS PRO SPIEL
Weltmeisterschaft 2014 Champions League 2013/14 Bundesliga 2013/14
29,9 27,4 30,8

 

 

 

Ballbesitz out?

Die große Zeit der spanischen Nationalmannschaft scheint vorbei zu sein. Das Erfolgsgeheimnis des Teams von Trainer Vicente del Bosque war immer das vom FC Barcelona übernommene Tiki-Taka, bei dem der Gegner mit unendlich langen Kurzpass-Kombinationen und viel Ballbesitz müde gespielt wurde. 'Wenn man den Ball hat, kann der Gegner kein Tor schießen' lautete das Credo der Spanier, die allerdings bei dieser WM schon nach der Vorrunde nach Hause fahren mussten.

Beim Blick auf die vier Halbfinalisten fällt auf, dass zwei Teams in der Ballbesitz-Rangliste ganz oben stehen: Deutschland (61,5 Prozent) und Argentinien (61,3) kommen über die Spielkontrolle. Brasilien (53,4) ist erstaunlicherweise nur Zehnter und die Niederländer setzen mit ihrem defensiven System auf das schnelle Umschaltspiel – und nicht auf ein systematisches Kontrollieren des Gegners. Mit 49,4 Prozent Ballbesitz sind sie ins Halbfinale gekommen, was ihrem Ansatz durchaus recht gibt.

Zwei Ballbesitz-Teams stehen unter den letzten Vier, zwei Teams wählen eher einen anderen Ansatz. Da Barcelona und Spanien nicht mehr auf dem Höhepunkt ihres fußballerischen Schaffens sind, haben sich auch die anderen Mannschaften von der Ballbesitz-Philosophie der Iberer wegorientiert. Der Trend, der sich in der vergangenen Saison in der Champions League mit Teams wie dem Finalisten Atletico Madrid (45 Prozent Ballbesitz), dem Sieger Real Madrid (52,6) oder Borussia Dortmund (46,6) angedeutet hat, wird auch bei der WM wieder aufgenommen. Umschalten geht vor Ballbesitz – jedenfalls für einige Mannschaften. Und die können damit sehr erfolgreich sein.

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