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DFB-Gegner Brasilien: Selecao wird zur großen Unbekannten

Ohne Neymar und Thiago Silva ist Brasilien geschwächt, aber zugleich weniger ausrechenbar. Scolari hat personelle sowie taktische Optionen.

Teresepolis. Eigentlich verlief das Viertelfinale gegen Kolumbien für die brasilianische Mannschaft lange nach Plan. Doch die 87. Spielminute schockte eine ganze Nation. Neymar – Heilsbringer, Anführer, Offensivantreiber – verletzte sich nach einer Attacke von Juan Camilo Zuniga schwer. Für ihn ist die WM beendet und Luiz Felipe Scolaris Team wird zur großen Unbekannten.

Denn auch Abwehrchef Thiago Silva fällt für das Halbfinale gegen Deutschland aus. Er kassierte die zweite gelbe Karte gegen Kolumbien. Damit ist überhaupt nicht klar, wie Personalwahl und Formation bei der Selecao aussehen werden.

Stärke: Defensive Organisation und offensive Improvisation

Bei dieser Weltmeisterschaft stellte Brasilien einmal mehr unter Beweis, dass die Zeiten der großen Zauberei, mit der man noch 2002, damals auch unter der Federführung von Scolari, den Titel erringen konnte, vorbei sind. Eine solide Grundausrichtung steht im Mittelpunkt. Aus dem Standardsystem 4-2-3-1 werden zumeist entsprechende Abwandlungen und Anpassungen an den Gegner entwickelt. Aber das Gerüst steht.

Zu diesem gehörte eigentlich als essentieller Bestandteil Neymar. Der 22-jährige Barca-Star wurde bisher beim Heim-Turnier selten als Flügelläufer eingesetzt. Bereits bei der Auftaktpartie gegen Kroatien stellte Scolari ihn im Zentrum auf. In dieser Frühphase der WM wirkten die Brasilianer noch arg zerrissen in ihrer Formation. Teilweise standen sie im 5-1-4. Paulinho war das einzige Bindeglied. Erst als sich Neymar und auch Chelsea-Profi Oscar verstärkt in die Zwischenlinienräume fallen ließen, wurde das Spiel der Selecao strukturierter.

TORSCHÜSSE GEGEN KOLUMBIEN

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Dies genügte für den Gruppensieg. Im Achtelfinale gegen Chile konnte Brasilien zumindest in der ersten Halbzeit viele passende Umschaltaktionen kreieren und die Lücken in der gegnerischen Formation bespielen. In der letzten Partie gegen die kolumbianische Auswahl war es dann vor allem Oscar, der in Kombination mit Fernandinho im Mittelfeld für Kontrolle und Ballsicherheit sorgte. Der Umschaltfokus wurde für diese Partie verworfen, was die Flexibilität von Scolari und seinem Team gut veranschaulichte.

Schlüsselfrage: Wie wird Neymar ersetzt?

Nun stellt sich die Frage, wie der Ausfall von Neymar kompensiert wird. Der Nationaltrainer hat mehrere Varianten, könnte unter anderem Chelseas Willian, der viele engräumige Dribblings gegen die deutschen Sechser suchen würde, in der Offensive aufbieten

Allerdings hatte der 25-Jährige zuletzt beim Training Probleme, nachdem mit Hernanes zusammengeprallt war. Eben jener Hernanes wurde von Scolari als Neymar-Ersatz ins Gespräch gebracht. Der Mittelfeldspieler von Internazionale würde im 4-2-3-1 wohl die Zehnerposition einnehmen, Oscar bliebe auf einem Flügel und würde sich eher nur situativ in den Spielaufbau einschalten. Für Hernanes als Option in einer Elf mit Oscar spräche dessen Ballsicherheit. Der 29-Jährige agiert mit Vorliebe aus der Tiefe und stößt dann klug in sich öffnende Räume vor. Er würde sich also der Manndeckung der deutschen Sechser zunächst entziehen, um dann für kleinere Überladungen zu sorgen.

TAKTISCHE FORMATION GEGEN CHILE

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Eine dritte Variante ergäbe sich mit der Hereinnahme von Ramires, der aber bei dieser WM vornehmlich als eine Art defensiv ausgerichteter Flügelstürmer eingesetzt wurde, also nicht wie bei Chelsea auf der Achterposition zum Einsatz kam. Insofern würde mit Ramires‘ Aufstellung Oscar verstärkt im Zentrum auftauchen.

Eine weitere und nicht unrealistische Möglichkeit sieht Scolari wohl im quirligen Ukraine-Legionär Bernard. Der 1,64 Meter kleine Offensivakteur ist der kombinationsstärkste und kombinationsorientierteste der genannten Spieler, die Neymar ersetzen können. Bernard kann sich gruppentaktisch gut einbinden und ist neben individuellen Dribblings für ein Offensivgefüge eine wertvolle und für den Gegner nicht immer ausrechenbare Bereicherung. Der 21-Jährige nahm mit Willian an der letzten Pressekonferenz im eigenen WM-Camp vor dem Spiel teil, was womöglich ein Fingerzeig war, dass einer der beiden der Neymar-Ersatz sein wird.

An der Struktur und kleineren Staffelungsproblemen im Angriff wird sich indes, unabhängig davon, wer am Ende aufgestellt wird, wenig ändern. Dort setzt Brasilien in erster Linie auf Improvisation. Fred enttäuschte bislang die Zuschauer, kann aber mit seiner unorthodoxen Spielweise sowie mit seinen Ablagen im Sturmzentrum immer wieder Aktionen einleiten. Nebenmann Hulk ist derweil die fleischgewordene Durchschlagskraft, sofern man den Russland-Legionär richtig anspielt und er selbst seine Dribblings nicht zu eindimensional gestaltet. Andernfalls kann er auch als Blockspieler im letzten Drittel dienen. 

Während in diesen Zonen viel instinktiv kreiert wird, was in dieser Form gewollt ist, soll dahinter pure Organisation herrschen. Wolfsburgs Luiz Gustavo, zuletzt im Viertelfinale gesperrt, ist der Strukturgeber. Im 4-2-3-1 kippt er entweder für den Spielaufbau ab oder blockiert gegen den Ball den Sechserraum vor der Abwehr. Der 26-Jährige ist ein wichtiger Faktor in puncto Ballsicherheit.

Zudem fängt Gustavo mit seinem Nebenmann zuweilen das chaotische Pressing der Vorderleute auf. Vom brasilianischen Mittelfeld wird oftmals etwas unstrukturiert attackiert, was den Gegner auch verwirren kann. Hat dieser allerdings pressingresistente Akteure im Spielaufbau, gelangen einige Zuspiele durch die erste Pressingwelle. Gustavo muss dann mit seiner Reichweite im Defensivspiel nicht selten eingreifen.

Schwäche: Verteidigung auf den Außenbahnen

Zudem setzt Scolari im Spiel gegen den Ball auf vereinzelte Mannorientierungen. So bewachte beispielsweise Fernandinho den kolumbianischen Spielmacher James Rodriguez im Viertelfinale. Diese Variante ist immer mit Risiko verbunden, denn der Gegner kann durch Ausweichbewegungen Löcher reißen, wenn die brasilianischen Defensivspieler die Manndeckungen zu starr interpretieren.

Neben Neymar muss die Selecao im Halbfinale auch auf den gesperrten Kapitän Thiago Silva verzichten. Damit fehlt der Abwehrchef und der teils taktisch etwas undisziplinierte David Luiz soll nun mehr Verantwortung übernehmen. Entweder der spielintelligente Dante oder Napolis Henrique werden an seine Seite rücken. Das Zentrum der Viererkette beziehungsweise die Endverteidigung in der Mitte waren bisher nicht die Schwachpunkte des brasilianischen Teams.

Jedoch können die Gegner zuweilen über die Flügel durchbrechen. Dies liegt einerseits an den hohen Abständen zwischen den Außenverteidigern und den jeweiligen Flügelstürmern. Andererseits bewiesen Dani Alves und Marcelo zuletzt immer wieder Schwächen im defensiven Stellungsspiel und Zweikampfverhalten. Gegen Kolumbien erhielt der 32-jährige Maicon seine Chance auf rechts.

Für Deutschland können sich in diesem Zusammenhang zwei Ansätze ergeben: Entweder Joachim Löws Mannschaft überlädt situativ die Flügel, zum Beispiel mit einem Außenstürmer und einem herausrückenden Achter. Oder aber die Außenverteidiger schieben stärker nach vorn. Allerdings war dies in den letzten WM-Partien selbst mit Philipp Lahm auf der rechten Seiten nicht unbedingt der Fall.

Eine weitere Möglichkeit ergäbe sich im Umschaltspiel. Lange Verlagerungspässe nach Ballgewinnen in der eigenen Hälfte sowie ein seitliches Ausweichen von Thomas Müller aus dem Sturmzentrum heraus können ein Szenario sein.

Schlüssel: Frühes Pressing

Des Weiteren ist das brasilianische Spiel gegen wahlweise hohes Angriffs- oder Mittelfeldpressing ein Stück weit anfällig. Besonders aus der Innenverteidigung heraus wird dann häufiger das Mittel des langen Schlags gewählt. Mit Thiago Silva fehlt nun im Halbfinale auch der beste Aufbauspieler.

Für Deutschland würde sich anbieten, dass sie im 4-3-3 pressen und die vorderen drei Akteure weit herausschieben, dabei jeweils die Innenverteidiger sowie Gustavo mannorientiert anlaufen und im gleichen Moment im Deckungsschatten jeweils die Außenverteidiger sowie den zweiten Sechser gut sichern. Denn das Mittelfeldband stünde in dieser Situation tiefer, höchstens ein Achter könnte noch zur Verdichtung des Zentrums leicht nach vorn stoßen. Ansonsten muss vor der eigenen Abwehrreihe Kompaktheit herrschen. Die erzwungenen Schläge der Brasilianer können dann mit der physisch starken Viererkette abgefangen, beziehungsweise zweite Bälle durch die dichte Staffelung erobert werden.

Andererseits könnte Joachim Löw seine Spieler im Pressing auch stärker auf Linksverteidiger Marcelo fokussieren lassen. Denn der 26-Jährige ist aufgrund des Ausfalls von Thiago Silva noch wichtiger. Wenngleich er defensiv des Öfteren schwächelt, hat Marcelo ausgezeichnete Fähigkeiten im Aufbauspiel von seiner Seite aus. Teilweise agiert er sogar als eine Art verkappter Achter.

Um ihn zu stoppen müsste Deutschland aber eher im 4-4-2 gegen den Ball stehen. Vorn könnte Thomas Müller auf Marcelos Seite ausweichen und zusammen mit einem nachstoßenden Flügelspieler den brasilianischen Linksverteidiger einkreisen. Auch so würde die DFB-Elf wahrscheinlich einige Schläge erzwingen.

Fazit & Ausblick

Die Ausfälle von Neymar und Thiago Silva wiegen schwer, machen das brasilianische Team aber auch weniger ausrechenbar. Scolari testete schon vor dem Viertelfinale mehrfach mit einer Fünferkette. Oder aber er wandelt das Standardsystem in ein 4-3-3 mit einem tiefer agierenden Oscar ab. Es ist gut möglich, dass die Selecao die Partie gegen Deutschland zunächst aus einer defensiven Grundstellung und mit einem reaktiven Ansatz bestreiten wird.

Die DFB-Elf ist anfällig bei Kontern und langen Bälle hinter die Abwehr. Darauf könnte Scolari sich fokussieren. Ein mehrheitlich dominantes Mittelfeldspiel von Brasilien, wie gegen Kolumbien, kann man wegen des Verlustes von Neymar eigentlich nicht erwarten.

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