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Wer folgt auf Xavi? Spaniens Suche nach dem Auserwählten

Zweimal Europameister, einmal Weltmeister - einen neuen Xavi will Spanien gar nicht, einen Erben aber schon. Wer ist der Auserwählte? Bayerns Thiago gilt als erste Option.

Curitiba. Stilprägend - ein Adjektiv, das einer Person oder einer Sache möglichst folgende Eigenschaft zuschreibt: Eins mit dem Stil sein, den das große Ganze, in dem man sich befindet, verkörpert. Den Stil vorantreiben, ausleben, sich damit identifizieren. Xavi Hernandez ist ein Paradebeispiel - ob beim FC Barcelona oder in der spanischen Nationalmannschaft. Er war die zentrale Figur, er ist noch immer der Prototyp des Spielmachers im Tiki-Taka-System der Furia Roja, mit der er den Fußball auf Landesauswahlebene sechs Jahre lang dominierte, zweimal Europa- und einmal Weltmeister wurde.

Nach dem sang- und klanglosen Ausscheiden bei der WM in Brasilien scheint der Abschied des inzwischen 34-Jährigen beschlossene Sache. In Spanien ist klar: Einen neuen Xavi, einen ihn vergessen lassenden Nachfolger wird, ja soll es niemals geben. Und doch muss ihn in Zukunft jemand vertreten.

Umso bitterer dabei, dass Xavis Abschied von der Nationalmannschaftsbühne still und leise werden könnte: Muskuläre Probleme verhinderten einen Einsatz im bedeutungslosen dritten Gruppenmatch gegen Australien - so bleibt es mutmaßlich bei 133 Länderspielen des Mittelfeldlenkers, den Trainer Vicente del Bosque bereits beim 0:2 gegen Chile 90 Minuten lang auf der Ersatzbank ließ.

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"Mysterium" Koke

Beim versöhnlichen 3:0-Abschluss gegen die Socceroos stand Koke anstelle Xavis in del Bosques Startelf. Der 22-Jährige von Atletico Madrid wird als eine Option für die Thronfolge gehandelt, sein bislang eher untergeordneter Status im Nationalteam ist für Miguel Churruca von Goal Spanien ein Mysterium: "Bei Atletico war er in den beiden letzten Spielzeiten ein Schlüsselspieler für Diego Simeone. Dass del Bosque gegen Holland und Chile nicht von Beginn an auf ihn gesetzt hat, war meiner Meinung nach eine falsche Entscheidung."

Lediglich gegen die Chilenen durfte Koke in der zweiten Halbzeit mitwirken, konnte das Ruder nicht mehr herumreißen. Seine Stärken: Ausgeprägtes taktisches Gespür, feine Ballbehandlung, klare Passwege. Dennoch wirkt er bescheiden, drückte jüngst seinen enormen Respekt gegenüber Xavi aus: "Jeder weiß, wie er spielt und was er für das Land und das Team geleistet hat", so Koke auf einer Pressekonferenz.

Die Anwärterschaft auf die Nachfolge des großen Maestro teilt sich der Atletico-Akteur mit Thiago Alcantara. Wegen einer Verletzung musste der 23-Jährige vom FC Bayern seine WM-Teilnahme absagen - unter großem Bedauern im Land des noch amtierenden Weltmeisters, wo er als "natürlicher Erbe" für den langjährigen Regisseur gilt: "Er ist in punkto Talent, Kreativität und Spielstil derjenige, der Xavi am ähnlichsten ist", findet Goals Miguel Churruca.

Der Xavi 2.0?

Tatsächlich scheint Thiago innerhalb des spanischen Spielerreservoirs die nahe liegendste Lösung. Extreme Passgenauigkeit, schlafwandlerisch sichere Ballkontrolle, ohne dabei zwingend direkten Blickkontakt zur Kugel haben zu müssen, plus eine Übersicht, die alle erdenklichen Sphären des Platzes abdeckt. Zudem verfügt Thiago über eine ähnlich befähigende Ausbildung, kam bereits mit 14 Jahren in Barcas Nachwuchsschmiede und steht, bei aller Similarität zu Xavi, für das etwas frischere Spiel, das potenziell einen Tick zielstrebiger und noch variantenreicher den Weg in die Spitze sucht. So strebt der U21-Europameister von 2013 energischer nach eigenen Abschlüssen im Angriffsdrittel. Sein Seitfallzieher Marke "Tor des Monats" im Januar gegen den VfB Stuttgart steht exemplarisch dafür. 

Womit wir wieder beim Adjektiv "stilprägend" wären. Ebenso wie die so glorreiche jüngere Vergangenheit braucht auch die Zukunft der Furia Roja eine Figur, die den Stil im Blut hat. Eine fortentwickelnde, ähnliche, aber um einen kleinen neuartigen Touch erweiterte Version von Xavis Rolle ist ausgeschrieben. Dabei vor Koke die erste Option: Thiago Alcantara. Auch für Churruca, der in folgenden Worten vorausblickt: "Vor der Qualifikation zur Euro 2016 steht ein neuer Zyklus für die spanische Nationalmannschaft in den Startlöchern. Wir werden sehen, wer der Auserwählte ist, diesen Zyklus zu prägen."

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