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Niederlande – Chile: Das Comeback der Dreierkette

In Italien stets bewährt, aber bei der laufenden WM die Entdeckung: Formationen mit Dreier- beziehungsweise Fünferkette feiern ihr Comeback auf der großen Bühne.

Bisher verlor noch keine Nationalmannschaft bei dieser Weltmeisterschaft - sofern sie in der Abwehr mit einer Dreierkette auftrat. Das mag Zufall sein. Oder ein neuer alter erfolgreicher Trend. Neben Mexiko, dem Überraschungsteam Costa Rica und teilweise Argentinien bevorzugen auch die beiden Sieger der Gruppe B, Niederlande sowie Chile, diese Formationsvariante.

Eine WM ist nicht immer von taktischen Errungenschaften geprägt. Häufig werden vor allem Entwicklungen aus dem Klubfußball reproduziert. Trotzdem werden gewisse Tendenzen erst auf der größten Bühne wahrgenommen oder breit diskutiert. So wurden Überraschungen der Niederlande (gegen Spanien) und Costa Ricas (gegen Uruguay und Italien) mit dem auf den ersten Blick ungewöhnlichen 3-5-2- oder 5-3-2 in Verbindung gebracht.

Nach vielen Jahren im Zeichen der Viererkette erlebt die letzte Linie mit zwei Halb- und einem Zentralverteidiger seine Renaissance. In diesem Fall werden die Außenbahnen bewusst ein Stück weit aufgegeben. Lediglich ein Flügelläufer besetzt nominell die Seite und erhält nur situativ Unterstützung von ausweichenden Zentrumsspielern.

In der Mitte des Feldes herrscht dafür eine nummerische Überlegenheit gegen Standardformationen wie das 4-2-3-1 oder 4-4-2. Costa Rica demonstrierte erst vor wenigen Tagen, wie sie die italienische Mannschaft aus dem Zentrum trieben, obwohl die Squadra Azzurra mit ihren starken Mittelfeldakteuren gerade dort stets dominieren will. Sie wurden bewusst auf die Flügel geleitet, konnten dort durch ihren recht bedächtigen Rhythmus wenig Offensivdruck entwickeln. Costa Ricas Plan ging auf.

Strootmans Verletzung – van Gaals Idee

Wenn am Montagabend Chile und die Niederlande zum Abschluss der Gruppe B aufeinandertreffen, könnten beide Auswahlteams in einem 3-5-2 auflaufen. Der südamerikanische Geheimfavorit ist seit Jahren eine der variabelsten Mannschaften im Verbandsfußball, kann zig verschiedene Systeme spielen. In Holland sorgte die Abkehr vom traditionellen 4-3-3, was auch an allen Fußball-Akademien trainiert und bei den meisten Profiklubs gespielt wird, für Verwunderung und Kritik an Bondscoach Louis van Gaal.

Dabei reagierte der Nationaltrainer auf den Ausfall von Mittelfeldspieler Kevin Strootman. Der Roma-Akteur war der entscheidende Stabilisator und Balancegeber für das 4-3-3. Infolge des Kreuzbandrisses von Strootman wollte van Gaal eine Doppelsechs mit Jonathan de Guzman und Nigel de Jong spielen lassen.

Niederlandes Grundformation gegen Spanien

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Zur weiteren defensiven Kontrolle des Zentrums steht hinter der Doppelsechs eine Dreierkette. Gegen den Ball stehen die beiden Flügelläufer wie Außenverteidiger. Bei eigenem Ballbesitz rücken beide Halbverteidiger weiter nach außen, die Flügelspieler stoßen nach vorn, können aber selten die absolute Tiefe auf der Seite erreichen.

Beim 5:1 gegen Spanien schlug gerade der linke Flügelläufer Daley Blind mehrere Halbfeldflanken in Richtung Arjen Robben und Robin van Persie. Er überspielte damit die hohe Abwehrreihe der Iberer und die technisch starken Offensivkräfte konnten die langen Bälle verarbeiten. Nach einer eher durchwachsenen ersten Halbzeit, wo die Niederlande die Schnittstellen zwischen den drei Verteidigern nicht immer geschlossen bekam, schlug man nach dem Kabinengang in dieser Art mehrmals zu. Van Gaal war der gefeierte Held.

Allerdings passte er gegen Australien im zweiten Spiel sein Überlegungen zunächst nicht an, obwohl sich gegen die Socceroos mehr Durchschlagskraft auf den Außenbahnen anbot. Nach der Verletzung des linken Halbverteidigers Bruno Martins Indi und der schwachen ersten Halbzeit änderte van Gaal die Formation seines Teams wieder in ein 4-3-3. Nun könnte es wieder zurück zum 3-5-2 gehen.

Sampaoli und die verrückten Chilenen

Chile demonstrierte gegen indisponierte Spanier, wie gefährlich sie jedem Team bei dieser WM werden können. Jorge Sampaoli wird gerne als geistiger Nachfolger seines argentinischen Landsmanns Marcelo Bielsa gesehen, der die chilenische Mannschaft bei der WM 2010 betreute.

Beide bevorzugen einen proaktiven Stil, geprägt von Pressing und hoher Laufleistung. Zugleich kann Sampaoli auf eine riesige Auswahl an Grundsystemen zurückgreifen. Seine Spieler sind variabel einsetzbar, stellvertretend dafür ist wohl Juventus-Star Arturo Vidal.

Beim eher verhaltenen Auftakt gegen Australien am ersten Spieltag bot Sampaoli eine Art 2-5-3 auf. Die beiden nominellen Außenverteidiger sprinteten unablässig nach vorne, statt in der Defensivreihe zu verharren. Mauricio Isla und Eugenio Mena unterstützen vielmehr die Stürmer im hohen Angriffspressing. Ganz hinten schoben dann beide Innenverteidiger, Gary Medel und Gonzalo Jara, sehr stark in die Breite. Es wirkte wie eine Dreierkette, wo aber der Zentralverteidiger fehlte. Das macht ersichtlich, warum das chilenische Team so verrückt wirkt und auf totale Offensive setzt.

Chiles Grundformation gegen Spanien

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Sie haben kleingewachsene Abwehrspieler. Jara und Medel sind keine 1,80 Meter groß. Deshalb möchte man das Verteidigen im eigenen Strafraum so weit wie möglich verhindern. Der Gegner soll im Aufbau gestört werden und spätestens im Mittelfeld das Spielgerät abgeben. In diesem System ist auch das Aufrücken der Flügelläufer von enormer Bedeutung.

Gegen die Spanier war dann Medel der zentrale Verteidiger, in der letzten Linie gab es eine wirkliche Dreierreihe. Dadurch verstärkte Chile den eigenen Spielaufbau. Die Pressingattacken gegen Xabi Alonso und Co. waren aber nicht minder intensiv, während Vidal und Marcelo Diaz vor allem die gefährlichen Taktgeber Sergio Busquets und David Silva in Manndeckung nahmen. Erneut ging der Plan auf.

Taktische Vielfalt bei der WM

Egal wie van Gaal und Sampaoli schlussendlich aufstellen werden, das Duell zwischen diesen beiden Nationen wird taktisch hochspannend. Das liegt auch daran, dass man nicht gerade orthodox spielt. Bei der WM werden Standardformationen zunehmend verdrängt. In Südafrika gab es zahlreiche Duelle zwischen 4-2-3-1-Teams, die sich dabei nicht selten neutralisierten.

Mit neuen taktischen Facetten werden wieder Entwicklungen aus dem Vereinsfußball adaptiert. Das gilt auch für die Dreierkette. Brendan Rodgers ließ häufig beim FC Liverpool damit spielen. Stadtrivale Everton unter Roberto Martinez probierte diese Option. In Italien sind Dreierketten nie ausgestorben. Prominentestes Beispiel ist Juventus Turin.

Die Ausführung ist immer eine andere. Aber die Grundidee ist das Ausbrechen aus standardisierten Strukturen. 

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