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Gegen Frankreich will sich Drmic den Traum vom ersten WM-Tor erfüllen. So raketenartig wie er in der Bundesliga durchstartete, könnte er in Brasilien einschlagen.

Porto Seguro. Noch bevor die WM begann, ging Josip Drmic baden. Xerdhan Shaqiris Flanke kam maßgenau angesegelt, er nahm die Vorlage mustergültig per Seitfallzieher an – und tauchte dann ab in den Hotel-Pool. "Wir hatten gestern einen Regenerationstag - und da wird einem halt langweilig", erklärte Drmic später den artistischen Zeitvertreib der beiden Bundesliga-Legionäre, der via Facebook in der Schweizer Heimat für reichlich Entzücken sorgte. Und weiter die Hoffnung nährt, dass man in der Nati wieder einen Stürmer von internationalem Format hat.

Nicht wenige Eidgenossen hoffen, dass mit Drmic, der sich nächste Saison das Trikot von Bayer Leverkusen überstreifen wird, ein Vollstrecker gefunden ist, der in die Fußstapfen von Alexander Frei treten kann, dem Rekordtorschützen. Vergleiche mit dem langjährigen Bundesliga- und Nationalstürmer lehnt Drmic aber ab. "Ich gehe eher in die Tiefe und ins Dribbling. Er war eher ein Strafraumstürmer", sagte der 21-Jährige vor Endrunden-Start.

So raketenartig wie er in Deutschland durchstartete, könnte er auch in Brasilien einschlagen. Denn im Grunde brauchen Knipser dieses Formats nur wenige Sekunden, um die Dramaturgie einer Partie entscheidend zu verändern. Gegen Ecuador wäre ihm das fast gelungen: Beim glücklichen Auftaktsieg wurde dem Leverkusener in Spe sein Tor wegen Abseitsstellung zu Unrecht aberkannt.

Der WM-Tor-Traum lebt weiter

Haris Seferovic, der kurz darauf für Drmic kam, erzielte stattdessen in der Nachspielzeit das 2:1. "Ich wusste sofort, dass es ein Fehler war. Ich weiß nicht, warum der Linienrichter die Fahne hochhält", ärgerte sich Drmic im Blick und fügte hinzu: "Ich bin persönlich ein wenig enttäuscht, denn ich hatte mir ein Tor so sehr gewünscht." Im zweiten Gruppenspiel gegen Frankreich (21 Uhr im LIVE-TICKER) wird sich die nächste Gelegenheit bieten, den WM-Traum zu erfüllen.

Dass Drmic das Zeug hat, gegen stärkere Abwehrreihen als die ecuadorianische zu treffen, deutete er vergangene Saison an. Dank seiner 17 Treffer spielte Absteiger Nürnberg lange um den Klassenerhalt. Sechs verbuchte er in der Hinrunde. Nach Jahreswechsel platzte der Knoten vollends, es folgten elf weitere Tore, inklusive dreier Doppelpacks. Wie für die Schweiz agierte er dabei meist als einzige Spitze im 4-2-3-1 von Trainer Gertjan Verbeeck. Dabei überzeugte der Mann mit kroatischen Wurzeln vor allem dank seiner feinen Technik, dem Gespür für die Situation und jeder Menge Zug zum Tor.

Drmic "kann in fünf Minuten ein Spiel entscheiden"

"Manchmal sieht man ihn 80 Minuten nicht  und er verliert viele Bälle. Charakteristisch für diesen Stürmertyp ist wohl, dass er dann aber in fünf Minuten das Spiel entscheiden kann", beschrieb Javier Pinola den Mitspieler letzten Januar im Goal-Interview. Da hatte Drmic Nürnberg mit seinem zweiten Doppelpack infolge gerade zum Sieg in Berlin geschossen. Klassenerhalt-Euphorie machte sich breit. "Es ist aber auch wichtig, dass er stets für die Mannschaft arbeitet, dann kann er ein großer Angreifer werden", fügte das Urgestein noch hinzu.

Das Bundesliga-Rückspiel gegen Frankfurt zeigte die zwei Gesichter des Josip Drmic´ ganz gut. 52. Minute: Nach einem Ballverlust nach Dribbling trottete der Stürmer unmotiviert mit zurück, die Eintracht bedankte sich und konterte zum 3:0 durch Alexander Madlung. Neun Minuten später die Kehrseite der Medaille: Drmic ließ sein technisches Talent aufblitzen, nahm einen langen Ball von Campana mustergültig in vollem Lauf an und nagelte ihn an Kevin Trapp vorbei zum 1:3 in die rechte Ecke. Mit Aktionen dieser Machart hat sich Drmic nicht nur einen Platz in der Nationalelf erkämpft, sondern bald schon jede Menge Interessenten auf den Plan gerufen.

Der Durchbruch auch bei Bayer?

Ottmar Hitzfeld berief Drmic, der sich früh für die Schweiz entschied und diverse Jugendmannschaften durchlaufen hatte, im September 2012 erstmals in die Nati, wo er seitdem in acht Spielen drei Treffer erzielte, in der WM-Quali aber erfolgslos blieb. Auf Vereinsebene klopfte mit dem sich abzeichnenden Abstieg Nürnbergs Bayer Leverkusen an und gewann ein vermeintliches Wettrennen mit dem FC Arsenal. Ob Drmic auch beim Champions-League-Teilnehmer der Durchbruch gelingt? Wie bei so vielen Spielern der Sorte filigrantechnischer Feingeist wird sich auch bei Drmic die Frage stellen, ob Fleiß und Laufbereitschaft eines Tages zu der eigenen Begabung aufschließen können.

Stürmer Nummer zwei hatten es in der Werkself allerdings zuletzt nicht leicht, sich neben Kießling einen Platz zu erkämpfen. Nicolai Jörgensen, Arkadiusz Milik, Eren Derdiyok: Namen, die mit großen Versprechungen verbunden waren. Wirklich etablieren konnte sich keiner. Jörgensen spielt wieder in Dänemark, Milik, soeben aus Augsburg zurückgekehrt, wird an Ajax verliehen. Derdiyok stagniert nicht erst seit der Rückkehr aus Hoffenheim. Mit seinen Fähigkeiten könnte Drmic unter Neu-Trainer Roger Schmidt allerdings auch auf die Flügel ausweichen und so einen Platz im geplanten Tempo-Fußball Bayers finden.

Sollte Drmic sich in Brasilien noch seinen Tor-Traum erfüllen, wäre das die Fortsetzung einer bislang gelungenen Saison. Er käme mit reichlich Rückenwind an den Rhein. Ein Argument dafür, dass er in Leverkusen, anders als seine Vorgänger, nicht unbedingt baden gehen muss.

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