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Frankreichs "kleines Fahrrad" Mathieu Valbuena: Unaufhaltsam nach oben

Wenige heutige Nationalspieler haben einen steinigeren Weg hinter sich als Mathieu Valbuena. Der Franzose kennt die Niederungen des Fußballs.

Marseille. Mathieu Valbuena hat einen steinigen Weg bis in die Nationalmannschaft hinter sich. Der kleine Offensivmann von Olympique Marseille blickt auf eine bewegte Vergangenheit zurück und ließ sich auch von mehreren Rückschlägen nie stoppen. Heute ist er für die Negativerfahrungen sogar dankbar und wurde für Frankreichs Nationaltrainer Didier Deschamps zu einer unverzichtbaren Größe.

Es war die ultimative Drucksituation für Frankreich im vergangenen November. Die Franzosen hatten das WM-Playoff-Hinspiel gegen die Ukraine mit 0:2 verloren, Trainer Didier Deschamps musste sich anschließend viel Kritik anhören. Mit am prominentesten vertreten war die Frage, warum er Valbuena über 80 Minuten lang auf der Bank gelassen hatte.

Diesen Fehler sollte Deschamps nicht zwei Mal machen. Im Rückspiel durfte der nur 1,67 Meter große Offensivmann über die kompletten 90 Minuten ran und trieb Frankreich gemeinsam mit Franck Ribery wie entfesselt an. Valbuena steuerte eine Torvorlage bei, die Franzosen drehten das Duell, gewannen mit 3:0 und sicherten ihr WM-Ticket.

Steiniger Weg nach oben

Doch der Weg des quirligen Flügelspielers hin zum Status eines von der Öffentlichkeit in die Startelf geforderten Nationalspielers war mehr als holprig. In den Zeiten von Ausbildungszentren und hochqualifizierten Fußball-Akademien gibt es wohl nur noch wenige Spieler, die eine derartig steinige Odyssee hinter sich haben wie Mathieu Valbuena.

Schon in der Jugend bei Girondins Bordeaux stieß der heute 29-Jährige auf Widerstände. Weil er zu egoistisch spielte und von den Verantwortlichen als zu schmächtig erachtet wurde, sortierte ihn der Klub kurzerhand aus. "Er war eigensinnig und verlor viele Bälle. Er ließ sich lieber foulen, als den Ball abzuspielen. Als wir ihn weggeschickt haben, hat seine Mutter geweint", blickte sein damaliger Trainer Philippe Lucas zurück.

Doch Valbuena ist nicht der nachtragende Typ. "Philippe Lucas hat mir, während der drei Jahre unserer Zusammenarbeit, alles beigebracht", erklärte er jüngst der "L'Equipe": "Er brachte mir bei, auf mich aufzupassen, beharrlich trotz Widerständen zu sein. Das Beste ist es, in Bewegung zu sein und einfach zu spielen. Ich war schon immer beweglich, aber ich musste Erfahrung sammeln, um mein Spiel genau zu studieren."

Die Niederungen des Amateurfußballs

Dennoch war es zunächst vor allem ein weiterer Rückschlag für den damals 18-Jährigen, der einst als Neunjähriger, nach einem missglückten Sprung von einem Brett im Schwimmbad, mit 50 Stichen genäht werden musste. Valbuena ging zum Fünftligisten Langon-Castets, parallel arbeitete er als Verkäufer in einem Sportgeschäft, um finanziell über die Runden zu kommen.

"So schnell gebe ich eben nicht auf. Deshalb bin ich ja jetzt auch schon ziemlich lange Stammspieler", blickt er mittlerweile nicht ohne Stolz zurück. Es folgte aber anschließend noch ein Jahr beim ebenfalls unterklassigen FC Libourne, mit einem weiteren harten Schicksalsschlag: Valbuena überfuhr ein 14-jähriges Mädchen, das gerade die Straße überqueren wollte.

Doch das Kind hatte Glück im Unglück und überlebte, Valbuena besuchte das Mädchen im Krankenhaus und brachte ihr Blumen. Viele Jahre später überraschte er allerdings mit einem offenen Geständnis: In seiner 2012 erschienen Biographie gab er zu, direkt nach dem Unfall an die Konsequenzen für seine Karriere habe denken müssen.

Schutzengel beim zweiten Unfall

Es sollte nicht sein einziger motorisierter Unfall bleiben. An Heiligabend 2010 verlor er auf dem Weg Richtung Bordeaux zu seiner Familie auf nasser Fahrbahn die Kontrolle über seinen Lamborghini und krachte in die Leitplanke. Doch wie durch ein Wunder blieb er unverletzt und stand wenig später wieder auf dem Trainingsplatz.

Der eigene Unfall ist letztlich ein weiteres Kapitel, das die Widerstandskraft und das Durchsetzungsvermögen des kleinen Offensivmannes unterstreicht - und die Schutzengel des 29-Jährigen einmal mehr auf den Plan brachte. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Arbeit für "Le petit velo" ("das kleine Fahrrad", zusammengesetzt durch seine Größe und Marseilles Stadionnamen Stade Velodrome) immerhin bereits bezahlt gemacht.

2006 holte ihn Marseille aus der dritten Liga, sein Monatsgehalt stieg innerhalb kürzester Zeit von 700 auf 18.000 Euro. Trotz einiger schwerer Phasen inklusive Nichtberücksichtigung in den Kader schaffte Valbuena letztlich den Sprung zum Leistungsträger.

"Ich habe Verantwortung verspürt und das Vertrauen meiner Mitspieler. Das hat alles verändert. Die Rückschläge haben mich geprägt. Ich weiß nicht, ob ich heute hier wäre, wenn alles immer wie am Schnürchen gelaufen wäre", berichtet er heute.

"Habe viele Spiele gemacht, die nicht gut waren"

Dabei hat er seinen Blick für die Realität und die kritische Selbsteinschätzung dennoch nicht verloren. "Ich habe viele Spiele gemacht, die nicht sonderlich gut waren und bin dafür zu Recht kritisiert worden. Denn wenn ich mal ein gutes Spiel gemacht habe, hat ja jeder gesehen, dass ich es auch anders kann. Aber das heißt nicht, dass ich mich nicht bemüht hätte", so Valbuena über seine durchwachsene Vorsaison.

Letztlich seien das Umfeld und die Dynamik der Nationalmannschaft deutlich besser, so der 35-fache Nationalspieler gegenüber "FIFA.com": "Es ist die Qualität der Mannschaft, weswegen ich mich so gut fühle."

Damit unterstreicht Valbuena den Unterschied zur auch für ihn persönlich schwierigen WM 2010, als er selbst trotz großer Hoffnungen nur zu einem Kurzeinsatz kam und die Führungsspieler gegen Trainer Raymond Domenech revoltierten.

"Ich hätte nie gedacht, dass ich noch mal eine Weltmeisterschaft spielen kann", erzählte er vor kurzem: "Aber ich habe immer alles dafür getan, dass ich nochmal eine Chance bekomme. Und ich bin froh, dass sie mir gewährt wurde." Doch es geht weit darüber hinaus: In der extrem flexiblen Offensive von Deschamps kommt Valbuena eine tragende Rolle zu. Den Fehler, auf Valbuena zu verzichten, wird Frankreichs Nationalcoach wohl so bald nicht wiederholen.

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