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Spaniens WM-Aus: Die Könige und ihre Thronfolger

Der Titelverteidiger ist ausgeschieden: Gegen Chile klang eine Ära von Dominanz, von betörendem Fußball aus. Eine goldene Generation nimmt Abschied – die Erben stehen bereit.

Rio de Janeiro. Bezeichnender konnte eine Szene kaum sein: 53. Minute. 0:2 gegen Chile. Beinahe hilflos stemmt sich Spanien gegen das bittere WM-Aus. Über Umwege, ohne gewohnte Finesse, dafür mit reichlich Glück, gelangt der Ball zu Diego Costa. Er setzt zum Fallrückzieher an, schlägt diesen quer vor das Tor. Urplötzlich taucht Sergio Busquets auf, am Fünfer, sträflich alleine gelassen, und vergibt kläglich.

Er verbildlichte, was die Seleccion in Brasilien auszeichnete: Nicht die schlafwandlerische Sicherheit, vielmehr pure Verunsicherung. Keine technischen Glanzlichter, kein Jubel, sondern blankes Entsetzen. Man war schlichtweg überfordert – mit der Aggressivität, mit dem Druck. "Wir", gestand Xavi nach der Niederlage, "waren mental nicht vorbereitet".

Zu schwer lastete der blamable 1:5-Auftakt gegen die Niederlande. Zu gelähmt wirkten sie nach der Führung Chiles. Zu unpräzise, behäbig verebbten die Bemühungen. Die Helden von 2008, 2010 und 2012 verloren sich im langen Schatten. Ein halbes Jahrzehnt litt der Weltfußball in ihren Fängen. Auf der veritabelsten Bühne beschlossen einige den verdienten Ruhestand. Goal gibt einen Überblick und kennt die Thronfolger.

Iker Casillas (33 Jahre)

"San Iker", der Heilige, menschelt. Er war unantastbar, bei Real Madrid, in der Nationalelf. Nun droht ein schleichender Abschied. Im Verein verlor er seinen Nummer-Eins-Status. Trotzdem krönte er die königliche Karriere unlängst mit La Decima, obwohl er beim Herauslaufen patzte, das 0:1 mitverschuldete. Der zehnte Triumph in der Champions League hemmte ihn zusehend. Erst krabbelte er gegen Holland überfordert auf den Knien, dann faustete er die Furia Roja gegen Chile ins Unglück.

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Er wollte die Mannschaft führen, konnte es aber nicht. Er nahm die Auftakt-Klatsche mit Größe, die verheerende Körpersprache verlieh einen konträren Eindruck. Danach rätselte der fünffach gekrönte Welttorhüter, entschuldigte sich. Er war ein geknickter Mann. Wie einst bei Abwehrchef Carles Puyol steht die Wachablöse bevor und mit David de Gea sein designierter Nachfolger bereit. Nach anfänglichen Schwierigkeiten reifte dieser bei Manchester United. Der nächste Schritt ist vorgezeichnet.

Xabi Alonso (32 Jahre)

Er war das Herz, das Bindeglied, ein Hauptbegründer des roten Nimbus. Als Bindeglied zwischen Artisten und Malochern erhielt er nur selten jene Wertschätzung, die ihm gebührte. Er war es, der den Tiki-Taka-Fußball stabilisierte, den offensiven Übermut in gesunde Bahnen kanalisierte. In den Extremsituationen, als er am meisten benötigt wurde, konnte er das Ruder indes nicht umreißen. Er beging Fehler.

Etwa beim 0:1: Stümperhaft leitete Alonso in der Vorwärtsbewegung den chilenischen Konter ein. Der Anfang vom Ende. Auch für ihn? Während der Pause erfolgte der Machtwechsel. Koke, vielseitig, technisch beschlagen, übernahm die Chefrolle auf der Sechs nahtlos. Er ist einer der neuen, jungen Hoffnungsträger.

Xavi (34 Jahre)

Er setzte neue Maßstäbe – als Inkarnation des nimmermüden Regisseurs: Ballsicher wie kein Zweiter, gesegnet mit atemberaubender Übersicht, dazu ein beispielloses Passspiel. Er scannte förmlich den Platz in Millisekunden ab, traf richtige Entscheidungen und wusste sie in Perfektion umzusetzen. An guten Tagen ist er noch immer ein Genie, kann enge Begegnungen im Alleingang beeinflussen. Sie werden aber weniger. Ihm behagt es keineswegs, wie die Kontrahenten versuchen, den Aufbau über ihn zu terminieren. Mit Tempo, immer mit Aggressivität, zumeist mit Manndeckung.

Brenzlige Situationen weiß er dank seiner Technik gekonnt zu entschlüsseln. Den Gegenspielern kann er sich selten entziehen. Zu langsam ist er mittlerweile. Gar über einen Karriereausklang in Katar wird spekuliert. Gegen Australien wird das Barca-Urgestein wohl seinen zentnerschweren Taktstock abtreten, bereits gegen Chile war er zum Zuschauen verdammt. Im künftigen Ensemble werden Cesc Fabregas oder Thiago Alcantara die Tonlage bestimmen. Beide verteilen das Spielgerät geschickt, verfügen über Leichtfüßigkeit – und über das zündende, das essentiellste, Element im schnellen Gegenstoß.

Andres Iniesta (30 Jahre)

Er weiß bedeutenden Momenten die positive Wendung zu geben. Das tat er für Barca, ebenso für Spanien. Mehrmals. Bei dieser WM blitzte sein Können abermals auf. Er produzierte, anders als das nervöse Gros, kaum Ballverluste, ist einzig mit Fouls zu stoppen. Ihm fehlte es diesmal allerdings an kongenialen Partnern, die seine Idee mit der üblichen Selbstverständlichkeit vollendeten.

Sofern es der störrische Körper zulässt, wird er weiterhin eine Schlüsselrolle bekleiden. Er hat noch drei, vier ertragreiche Saisons vor sich. Gleichwohl wären Thiago oder Fabregas auf seiner Position, in der Angriffszentrale eine Option. Ebenso kann diese David Silva bekleiden. Gemeinsam versuchten sie, ihre Kollegen aus der gefährlichen Lethargie zu zerren. Ohne Erfolg.

David Villa (32 Jahre)

Er war ein Vorreiter, einer der Besten seiner Zunft: Beweglich, torgefährlich, kaltschnäuzig – eben ein moderner Angreifer, wie er im Buche steht. Gemeinsam mit Fernando Torres verbreitete er Angst und Schrecken in des Gegners Gefahrenzone. Sie bildeten das weltweit gefährlichste Tandem, ergänzten einander perfekt. Nach EM- und WM-Titel übersiedelte er schließlich nach Barcelona. Villa erlebte überaus erfolgreiche Tage, seine Gewalten änderten sich grundlegend.

Bei Valencia die dominante Figur, musste er sich häufiger mit der Reservistenrolle begnügen. Auch im Nationalteam. Auf Links lief ihm Silva den Rang ab. Im Sommer verabschiedet er sich gen USA. Er möchte nicht mehr erbittert um seinen Platz bei Atletico Madrid kämpfen, hat erreicht, was es zu erreich gibt. New York ist die neue Destination. Fern der großen Bühne, fern der spanischen Elf.

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