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Nach dem peinlichen Aus: In Spanien muss umgedacht werden

Der Titelverteidiger und Doppel-Europameister erlebt seine größte Schmach seit Jahren. Nun ist ein Umdenken unausweichlich.

Von Jon Fisher im Estadio Maracana

EM 2008. WM 2010. EM 2012. Und jetzt: Unorganisiert, zerrupft und besiegt. Der spanische Würgegriff um den internationalen Fußball hat sich gelöst. Das Festhalten an bestimmten Spielern und die krampfhafte Hereinnahme eines neuen Protagonisten haben eine Ära beendet.

Eine Mannschaft, deren Spiel auf schnellen Pässen, Ballbesitz, Zweikampfstärke und energetischem Pressing basierte, wurde am Mittwochabend mit ihren eigenen Waffen geschlagen. Gegner Chile dominierte das Geschehen physisch und nutzte seine Chancen als sie sich ergaben. Am Ende stand ein 2:0 und das Vorrunden-Aus der Seleccion.

Ab dem Moment, als Eduardo Vargas Iker Casillas ins Leere laufen ließ und einen tollen Angriff zum 1:0 für die Südamerikaner abschloss, hatte man nicht mehr das Gefühl, für die Spanier sei noch etwas zu retten. Sie erspielten sich tolle Chancen. Doch Xabi Alonso, Diego Costa, Sergio Ramos sowie Sergio Busquets scheiterten allesamt in aussichtsreichen Positionen. Es waren symptomatische Szenen, ihnen mangelte es auf allen Positionen an Überzeugung und Glauben.

Casillas schon wieder schwach

Die Misere begann erneut mit Iker Casillas. Sein Fehler nach einem Freistoß von Alexis Sanchez, als er den Ball in die Mitte faustete, ermöglichte Charles Aranguiz den Abstauber zum zweiten Tor der Chilenen. Vicente del Bosque hatte den Preis für seine Loyalität zum Torhüter bezahlt.

Schwach im Champions-League-Finale für Real Madrid und ein echter Unsicherheitsfaktor im Auftaktspiel der WM gegen die Niederlande: Casillas gehörte nicht in die Startelf des Titelverteidigers.

Del Bosque war im Vorfeld der Partie gefragt worden, ob er darüber nachgedacht habe, seinen Kapitän aus der Mannschaft zu nehmen. Der Trainer wollte diese Frage nicht beantworten, lobte aber Casillas Willen und seine Führungsqualitäten, die er nach dem 1:5 gegen Oranje in der Kabine gezeigt habe.

Worte gewinnen keine Spiele. Casillas Tendenz der letzten Wochen hätte del Bosque darin bestärken sollen, diesmal nicht auf eine seiner gestandenen Säulen zu bauen. Mit Xavi tat er dies.

Fremdkörper Diego Costa

Barcas Routinier musste gegen Chile draußen bleiben, Andres Iniesta nahm dafür eine zentralere Rolle ein. Es war der einzig gelungene Schachzug del Bosques. Iniesta war bester Spieler der Iberer, nahezu jeder gefährliche Angriff trug seine Handschrift. Pech für ihn, dass seine Mitspieler nicht mit ihm auf einer Wellenlänge waren.

Übeltäter Nummer eins war Diego Costa. Die Spanier müssen festhalten, dass ihr zähes Werben um den gebürtigen Brasilianer keinerlei Früchte trug. Im Gegenteil. Seine einzige gute Szene hatte er am Mittwochabend mit einem sehenswerten Fallrückzieher, den Sergio Busquets aus kurzer Distanz alleine am chilenischen Kasten vorbeistocherte. Es war eines dieser Spiele...

Nach 64 Minuten wurde Costa ausgewechselt, begleitet von Pfiffen und Buhrufen. Ohne ihn wirkten die Spanier besser, Chiles Schlussmann Claudio Bracor musste häufiger eingreifen. Das Tor, das neue Hoffnung gebracht hätte, es wollte jedoch nicht fallen.

Chile steht neben den Niederlanden in der K.O.-Runde und auf Spanien wartet ein bedeutungsloses Match gegen Australien, ehe es nach Hause geht. Dort warten Kritik und Analysen.

Kein Umbruch, sondern ein Umdenken

Es ist einfach zu sagen, die Spanier müssten nun ihre Mannschaft generalüberholen. Sie verfügen noch immer über einige der besten Spieler der Welt. Was es aber bei ihnen braucht, ist ein Umdenken. Del Bosque wurde nie müde, die Barcelona-Philosophie zu loben. Allerdings liegt hinter Barcelona die erste titellose Saison seit sechs Jahren.

Kritik an del Bosque wirkt immer hart. Er ist ein Trainer, der den größten Erfolg einer Nationalmannschaft verwaltet hat. Aber sein uninspirierter Auftritt bei der Pressekonferenz vor der Partie sprach Bände: La Roja braucht einen Trainer, der vorneweg marschiert, der Strukturen aufbricht und der die Spieler hinter sich versammelt. Del Bosque dagegen gab sich ruhig, zufrieden, bequem. So wie ein liebenswerter Großvater.

Der Vertrag des 63-Jährigen läuft noch bis 2016, aber das dürfte sich nun erledigt haben. Die Zeit für eine Bestandsaufnahme und Neubewertung der Dinge ist gekommen. In Spaniens Mannschaft herrscht seit dem verteidigten EM-Titel in Polen und der Ukraine Stillstand. Der Rest der Fußballwelt hat dagegen aufgeholt.

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