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Das fußball-verrückte Land tut sich weiter schwer, die Weltmeisterschaft in vollen Zügen zu genießen. Die Menschen wollen die Regierung nicht unterstützen.

Von Julian Bennetts in Sao Paulo

Fernandos Stimme war trotz der Lautstärkes des Busses in der Rush Hour des schwülen Sao Paulos klar und deutchlich zu verstehen.

"Ich kann den Norden nicht leiden, Mann", schrie er. Passanten drehten sich um und starrten uns an. "Sie haben all diese Stadien, all das viele Geld wird für sie ausgegeben - und für was? Hier gibt es Krankenhäuser, in denen Du acht Stunden warten musst, ehe ein Arzt nach Dir sieht. Wir brauchen das Geld, nicht sie!"

Kluft zwischen Norden und Süden Brasiliens

Es passte ins Bild, dass mein Fremdenführer schimpfte, während unser Bus im Verkehr feststeckte, weil es vor einem Krankenhaus einen Stau gegeben hatte.

Fernando steht mit seiner Meinung nicht allein da. Nach einigen Tagen in der Metropole Sao Paulo habe ich viele Menschen getroffen, die wie er denken.

Für sie ist der Norden Brasiliens, mit den WM-Städten Recife, Natal, Fortaleza und Manaus, so etwas wie Aliengebiet. Und jetzt finanzieren Fernando und seine Landsleute aus dem Süden ihnen die Freuden der Weltmeisterschaft.

Der Nord-Süd-Konflikt ist nicht neu. Die wirtschaftlichen Zugpferde Brasiliens waren immer schon Sao Paulo und Rio de Janeiro. Dort siedelten sich die meisten europäischen Auswanderer an und das trug dazu in eerhbelichem Maße bei.

46.000-Zuschauer-Arena für einen Provinzklub

Zwischen 1630 und 1654 kontrollierten die Niederländer die nordöstliche Küstenlinie. Generell war der ausländische Einfluss auf das Land aber stets im klimatisch angenehmeren Süden höher.

Die Teilung des Landes spiegelt sich auch im Bruttosozialprodukt der einzelnen Staaten wieder. In den jüngsten verfügbaren Zahlen von 2011 liegt das Durchschnittseinkommen in Sao Paulo und Rio zwischen 11.000 und 14.700 Euro. In Recife, Natal und Fortaleza liget es dagegen bei nur 3.700 bis 7.400 Euro.

Diese Unterschiede kümmern die Menschen im Süden nicht. Warum sollten sie auch? Aber sie wehren sich nun lautstark gegen die massiven Investitionen in die Stadien des Nordens, die nach der Weltmeisterschaft kaum noch benutzt werden.

Die Arena da Amazonia, in der sich am Samstag England und Italien gegenüberstanden, kostete rund 250 Millionen Euro. Nach der Endrunde wird der lokale Klub Nacional dort spielen. Nacional hat es seit 1985 nicht mehr in die erste brasilianische Liga geschafft und die Chancen, dass der Klub die 46.000-Zuschauer-Arena füllen kann, sind praktisch nicht vorhanden.

Wieso zwölf WM-Stadien?

Das frappierendste Beispiel ist jedoch Brasilia: Das Stadion dort kostete 663 Millionen Euro und damit ist es nach Wmbley die zweitteuerste Arena der Welt. Es gibt keinen lokalen Verein, der das Stadion nach dem Turnier nutzen wird.

Am Dienstag spielen die Brasilianer angeführt von ihrem Superstar Neymar im Estadio Castelao in Fortaleza gegen Mexiko. Unter normalen Umständen wäre der Jubel über den möglichen vorzeitigen Einzug ihrer Selecao in die K.O.-Runde für Brasiliens Menschen elektrisierend. Doch viele von ihnen teilen Fernandos Unverständnis und sind daher weiter zurückhaltend, was die WM angeht.

Eine zentrale Frage dabei: Wieso gibt es zwölf Austragungsorte? 2010 wurde nur in zehn Stadien gespielt. In Deutschland vier Jahre zuvor waren es zwar auch zwölf WM-Stadien, aber diese waren zu einem Großteil bereits vorher erbaut worden.

Es gibt die Theorie, dies habe politische Gründe. Präsidentin Dilma Rousseff muss sich im Oktober zur Wahl stellen und die massiven Stadionbauten im Norden werden als Taktik angesehen. Spielt der Norden bei der Wm eine große Rolle, könnte dies gut für die Präsidentin sein. Sie selbst dementiert allerdings: "Zuallererst haben wir das alles für die Brasilianer getan."

Ein geteiltes Land

Die große Unbeliebheit, mit der sie sich im Moment konfrontiert sieht, spricht allerdings dafür, dass die Menschen ihr nicht glauben, die 8,1 Milliarden Euro seien zum Wohle des ganzen Landes investiert worden.

Die Zustimmung zu ihrer Politik liegt nach der letzten Umfrage nur noch bei 34 Prozent. Zugegebenermaßen läuft es für ihre Rivalen kaum besser, denn 30 Prozent der Wähler haben gar keinen bevorzugten Kandidaten. Die bemerkenswerteste Statistik: 72 Prozent der Bevölkerung sind mit der Art und Weise, wie das Land regiert wird, unzufrieden.

Die WM macht davon unbeeindruckt weiter.

Brasilien ist ein geteiltes Land: wirtschaftlich, sozial und politisch. Die Weltmeisterschaft verschärft diese Probleme zusätzlich und lindert sie keineswegs.

Vielleicht erreicht Fernandos Bus doch noch sein Ziel und sein Ärger wird langsam verrauchen.
 

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