thumbnail Hallo,

Deutschland nach Kantersieg über Portugal: Bitte lächeln!

Die DFB-Elf feiert ein rauschendes Fest. Portugal und CR7 hält selbst eine Ein-Mann-Mauer auf. Als Belohnung gibt‘s Frau Merkel und eine Erkenntnis: Die Seriosität ist da!

Salvador. Da standen sie brav aufgereiht. Mancher in Wettkampfmontur, ein Gros frisch geduscht, vereinzelt lediglich mit Handtuch um die Hüfte. Inmitten der Männermeute ein weiblicher Fan, der wohl prominenteste der DFB-Elf, die Bundeskanzlerin. Ihr Kostüm hatte Angela Merkel wohl in weiser Vorahnung farblich auf den mannschaftlichen Dresscode abgestimmt. Sie passte harmonisch in das Bild.

Längst hatte sich in den Gesichtern ein schelmisches Siegergrinsen zementiert. Natürlich, man fegte auch Portugal mit 4:0 aus der Arena Fonte Nova. Entsprechend gelöst die Stimmung in der Kabine – und Merkel fühlte sich bei ihrer Stippvisite sichtlich wohl. Hier eine Ansprache, da ein kleiner Scherz. So bekam Lukas Podolski das, worauf er im Vorfeld hoffte: Ein Selfie mit Europas mächtigster Dame, das er sofort in die Welt twitterte.

"Geiler Start", teilte der Arsenal-Legionär in seiner ihm eigenen humorvollen wie pointierten Weise mit. Entgegen der allgemeinen Erwartungshaltung stand er nicht in der Anfangsformation. Jogi Löw überraschte dafür mit einer überaus flexiblen Offensivabteilung. Mal stieß Mario Götze in die Spitze, dann Mesut Özil, oft Thomas Müller. Dahinter verteilte Toni Kroos geschickt die Bälle, während Sami Khedira und Philipp Lahm das Zentrum kontrollierten.

Ronaldo nur ein Schatten seiner selbst

"Die Mannschaft", resümierte der Bundestrainer zufrieden, "war unheimlich kompakt, und wir haben kaum Konterchancen zugelassen." Im Kollektiv brillierte man, verschob konsequent, schuf in Ballnähe zumeist Überzahlsituationen. Darunter litt speziell Cristiano Ronaldo. Er wirkte auf Links isoliert, in der Mitte verloren. Er wurde ausgeschaltet. Die verletzungsbedingte Zwangspause in der Vorbereitung warf ihn offenbar weiter zurück als zunächst gedacht. Eine Szene in der 85. Minute, als ohnehin alles entschieden war, stand sinnbildlich dafür.

 

 

In gewohnter Manier stellte sich der Weltfußballer breitbeinig, die Arme vom Körper gestreckt, zum Freistoß. 30 Meter, für jeden Torhüter brandgefährlich. Normalerweise. Manuel Neuer forderte eine Ein-Mann-Mauer. Alleine das kam einer bösen Majestätsbeleidigung gleich. Wild entschlossen sich zu rächen, zog Ronaldo ab und traf ausgerechnet Philipp Lahm. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.

"Man sah, dass er einen schweren Stand hatte", so Jerome Boateng, direkter Gegenspieler des Real-Stars: "Wir haben gut gearbeitet, ihn gedoppelt und dem anderen stets den Rücken freigehalten. Er kam über das ganze Spiel zu keiner Chance." Ronaldo blieb also ein Schatten seiner selbst. Portugal, der EM-Halbfinalist von 2012, ohne ihn ebenso. Mitunter aufgrund eigener Dummheiten.

Das Phänomen Müller

Erst verschuldete Joao Pereira in der zehnten Minute einen Elfmeter, dann flog Pepe vom Rasen. Er geriet nach einem Zweikampf, bei dem sein Arm im Gesicht von Thomas Müller landete, mit dem am Boden liegenden Deutschen aneinander. Seine Stirn-an-Stirn-Konfrontation wurde von Schiedsrichter Milorad Mazic als Kopfstoß gewertet. Obwohl die Entscheidung hart war, darf sich Pepe solch Entgleisung nicht erlauben. Zumal er in der Vergangenheit höchstselbst sein Image als Hitzkopf, als Rüpel, kultivierte und Vorurteile beschwor.

MEHR WM-VIDEOS
Get Adobe Flash player

"Beim Zweikampf habe ich eine Faust gespürt, was danach passiert ist, damit habe ich nichts zu tun", erklärte Müller. Seine Reaktion zeigte, wie heiß er und die gesamte Mannschaft waren. Wutentbrannt, mit hochrotem Haupt sprang er auf, lieferte sich mit dem Übeltäter ein lautstarkes Wortgefecht. Er, der zuletzt angezweifelte Bayern-Profi, gab dem Triumph ein Gesicht. Ob der tadellosen Einstellung, der ansteckenden Grundaggressivität. Des Dreierpacks.

Nachdem er im Verein, für sein Empfinden zu oft, in wichtigen Spielen die Bank hüten musste, seine Zukunft in München öffentlich anzweifelte, wurden seine Arbeitspapiere prompt bis 2019 verlängert. Die Antwort auf das Warum gab er tausende Kilometer fern der Heimat. Mit einer Gala. Unorthodox, aber hocheffizient. "Da war wieder ein Tor schöner als das andere", scherzte er. Ohne prätentiöses Gehabe. Bodenständig, das Rampenlicht nicht für sich fordernd. Das taten andere.

Seriosität bleibt im Spiel

Mehmet Scholl brach in der ARD eine Lanze für den vielerorts belächelten Matchwinner: "Wegen dieser Technik beneidet uns die Welt um ihn. Er ist ein Phänomen. Wenn bei ihm alles passt, er über 90 Minuten sprinten kann, gibt es Tore, Tore, Tore. Einfach weltklasse, grandios." Wie einmalig Müller (Hier geht’s zum Porträt: Einer wie keiner) ist, belegt ein Blick in die Geschichtsbücher.

Erst fünf Deutschen gelang vor ihm das Kunststück, bei einer Endrunden-Partie drei Mal zu knipsen. Zuletzt Teamkollege Miroslav Klose vor zwölf Jahren gegen Saudi Arabien (8:0), ein fußballerisches Entwicklungsland. Nicht gegen den Weltranglistenvierten. Schon 2010 staubte Müller den Goldenen Schuh für den WM-Torschützenkönig ab, nun legte er mächtig vor. Wichtiger als "so ein Ding, das zu Hause verstaubt", sei jedoch der Teamerfolg, der Titel. Dem ordnet er alles unter, trotz der Hitze.

 

"Nach 20 Minuten haben wir hochgeguckt, um zu sehen, wie lange es noch geht", verdeutlichte er die Strapazen. Die komfortable Führung ermöglichte es Deutschland zurückzuschalten. Nach der Pause verwaltete man das 3:0. Gleichwohl ging die defensive Stabilität, die Ernsthaftigkeit niemals flöten. Man beschloss diesen Abend ganz im Stile eines Champions.

Extra-Lob für Arsenal-Legionär

"Wir wissen, dass wir funktionieren können, nur es gehört viel dazu", weiß Philipp Lahm. "Selbst die vordere Reihe hat unglaublich gut gearbeitet." Ebenso Özil. Der formschwache Regisseur bekam abermals das Vertrauen. Für seine Leistung, sein Verhalten in der Rückwärtsbewegung erntete er gar Sonderlob von Löw. Ihm und der Mannschaft fiel vermutlich eine zentnerschwere Last ab.

So groß waren in den vergangenen zwei Jahren die Ansprüche, so gering das Vertrauen unmittelbar vor der Endrunde. Nicht auszurechnen, wie die mediale Schelte bei einem Fehlstart ausgefallen wäre. "Das war für uns ein Meilenstein", bekräftigt Mats Hummels.

In der 73. Minute verließ er, gestützt vom Ärztestab, das Feld verließ. Der Torschütze zum 2:0, als er mit purer Entschlossenheit einnickte, gab danach in der Mixed Zone Entwarnung. Es scheint, als wäre die Oberschenkelverletzung nicht tiefgreifender. So konnte auch er mit Frau Merkel bestens gelaunt um die Wette lächeln.

Dazugehörig